Die Nato wird vom 9. bis zum 15. Mai ein Großmanöver abhalten, bei dem kein einziger Panzer bewegt wird. Was sollte Russland daran provozieren?

Im Spiegel kann man unter der Überschrift „Großübung zur Bündnisverteidigung – Die Nato probt den Ernstfall – der Gegner dürfte klar sein“ heute lesen:

„Bei der CMX19 sollen vor allem die politischen Entscheidungsprozesse der Nato evaluiert werden. Die Planer haben deswegen ein Drehbuch entworfen, das eine mögliche Aggression Russlands gegen die Nato in verschiedenen Stufen skizziert. So will die Allianz testen, ob die internen Mechanismen sitzen.“

Es geht also um ein Manöver, bei dem kein Schuss abgefeuert wird und sich kein Soldat schmutzig macht. Es trainieren nur die Führungsstäbe und Verteidigungsministerien der Nato-Länder. Dazu wieder im Spiegel:

„Laut Szenario beginnt die simulierte Attacke nach einem sogenannten hybriden Muster: Zunächst werden Cyberangriffe auf Nato-Partner im Norden der Allianz festgestellt. Dann sickern ähnlich wie bei der Annexion der Krim inoffizielle militärische Einheiten in die Staaten ein. Nach ersten Konsultationen des Nato-Rats nach Artikel vier der Allianz soll dann der Bündnisfall nach Artikel fünf ausgerufen werden. Dann verteidigt die Allianz den Partner (…) Bei früheren Übungen hatte man die militärische Reaktion nach der Erklärung des Bündnisfalls ausgespart, jetzt aber soll der Nato-Militärausschuss darüber beraten.“

So weit, so gut. Und um Leser zu beruhigen, die der Nato kritisch gegenüber stehen könnten, kann man noch lesen:

„Ein virtueller Einsatz von Atomwaffen wurde allerdings vorab ausgeschlossen.“

Wie beruhigend, aber den Einsatz von Atomwaffen braucht man auch bei den Stäben der Nato nicht zu üben, denn diese Entscheidung wird ja nicht bei der Nato, sondern in Washington getroffen.

Jede Armee und jedes Bündnis muss üben und sowohl seine Soldaten, als auch seine Stäbe trainieren und testen. Das liegt in der Natur der Sache.

Was also soll Russland daran provozieren?

Es beginnt bei dem Datum. Am 9. Mai, dem Beginn der Übung, feiert Russland einen seiner wichtigsten Feiertage: Den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Dieser Feiertag ist auch ein Trauma, denn Russland hat in dem Krieg über 25 Millionen Opfer zu beklagen gehabt, weshalb dieses Datum in Russland bis heute einer der wichtigsten Tage im Kalender ist.

An einem solchen Tag einen Krieg gegen Russland zu üben, ist also eine wirklich deutliche Provokation gegenüber Russland. Wenn die Nato tatsächlich an einer Entspannung interessiert wäre, hätte sie das Manöver auch zwei Wochen früher oder später durchführen können, solche Dinge sind in der internationalen Politik kein Zufall, sondern bewusst geplante Provokationen.

Es ist diese bewusste Politik der Provokation mit Nadelstichen, die die Nato gegenüber Russland betreibt. Und es stellt sich die Frage, warum Deutschland, das sonst immer seine Verantwortung für die Nazi-Vergangenheit betont, ausgerechnet an diesem Datum an einem Kriegsspiel gegen Russland teilnimmt.

Was soll man in Russland über Deutschland denken, wenn Deutschland heute 100 Kilometer vor St. Petersburg Soldaten stationiert hat, im Schwarzen Meer die Nato-Flotte gegen Russland kommandiert und am russischen Gedenktag des Zweiten Weltkrieges einen neuen Krieg gegen Russland übt?