Recherche: Welche PR-Agenturen das Rezo-Video als lange geplante Aktion zur EU-Wahl platziert haben
Es geistert die Frage durch das Internet, ob das Rezo-Video Teil einer koordinierten Kampagne war. Diese Frage habe ich mal untersucht und habe dabei viel bemerkenswertes herausgefunden. Ich muss es gleich zu Beginn sagen, manchmal bin ich schockiert, wie beeinflussbar auch ich bin. Ich war eine Woche lang der Meinung, dass Rezo kaum Teil einer […]
Es geistert die Frage durch das Internet, ob das Rezo-Video Teil einer koordinierten Kampagne war. Diese Frage habe ich mal untersucht und habe dabei viel bemerkenswertes herausgefunden.
Ich muss es gleich zu Beginn sagen, manchmal bin ich schockiert, wie beeinflussbar auch ich bin. Ich war eine Woche lang der Meinung, dass Rezo kaum Teil einer Kampagne sein kann, denn es muss ja auch junge Leute geben, die den etablierten Parteien und ihrer Politik kritisch gegenüber stehen. Dass er die Grünen aus seiner Kritik ausdrücklich ausgenommen hat, obwohl sie ebenfalls für all die Dinge stehen, die er kritisiert hat, habe ich seinem politischen Halbwissen zugeschrieben.
Eine Mail eines Lesers hat mich eines Besseren belehrt. Und es ist so einfach, herauszufinden, wer hinter Rezo steht, dass ich gestern laut „Schei…!!!“ geschrien habe, so habe ich mich über mich selbst geärgert, dass ich es nicht selbst sofort entdeckt habe. Normalerweise mache ich solche einfachen Überprüfungen bei jedem Thema automatisch, aber ich war von seinem Video so beeindruckt, dass ich es dabei nicht getan habe.
Also machen wir es nun gemeinsam, kommen Sie mit auf eine kleine und einfache Recherche. Wenn man sich den YouTube-Kanal von Rezo anschaut und dort auf „Kanalinfo“ geht, sieht man etwas ungewöhnliches. Er hat ein Impressum. Das ist auf YouTube sehr selten und das Impressum von Rezo ist dort auch nicht zu lesen, sondern als Link angegeben. Wer darauf klickt, der kommt auf die Seite von TubeOne.
Da ist es also plötzlich gar nicht mehr Rezo, sondern eine Firma namens TubeOne, die für seine Inhalte verantwortlich ist und über sich selbst schreibt: „TUBE ONE ist das Social Influencer Network der STRÖER Content Group.“
Wir erfahren also, dass TubeOne zur Ströer-Gruppe gehört, dazu gleich mehr, zunächst zu der Frage, was TubeOne macht. TubeOne wirbt damit, dass es Influencern und solchen, die es werden wollen, professionell hilft. Dabei bietet TubeOne das „Rundherum-Wohlfühl-Programm“ an. Es geht los beim technischen Hosting, geht über das Management der Karriere der Influencer, die Vermarktung der Inhalte und es beeinhaltet auch Hilfe bei der Produktion von Inhalten. Und sie helfen, eine Kampagne erfolgreich zu machen.
Das ist doch schon mal interessant. Ein bisher weitgehend unpolitischer Blogger macht ein politisches Video, das eine Woche vor der Wahl die Schlagzeilen beherrscht und hinter ihm steht eine Marketing-Agentur, die sich genau auf solche medialen Kampagnen spezialisiert hat.
Und diese Agentur ist Teil eines Medienkonzerns, der Ströer-Gruppe. Und die ist kein kleiner Verein, es ist einer der größten Vermarkter von Werbung, angefangen von Plakaten in ganz Deutschland, aber seit einigen Jahren auch sehr aktiv im Internet. Die Gruppe hat einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro und über 12.000 Angestellte. Und was ich gar nicht wusste, zur Ströer-Gruppe gehört eine der reichweitenstärksten Nachrichten-Websiten Deutschlands: t-online. Die haben t-online 2016 zu 100% übernommen.
Diese Information findet sich auf Wikipedia auf den Seiten über Ströer und t-online und ist mit entsprechenden Quellen belegt. Bei Wikipedia muss man immer die Quellen prüfen, wenn man einen Artikel liest, denn oft bestätigen die angegebenen Quellen nicht den Artikel-Text. Bei Wikipedia ist bekanntermaßen Vorsicht geboten, Quellenprüfung ist unerlässlich.
Nun wird es noch interessanter. Eine Agentur von Ströer (TubeOne) fördert die Kampagnen von Rezo und eine andere Tochter von Ströer (t-online) unterstützt das Video mit Artikeln und macht es bekannt. Auf t-online ergibt die Suchanfrage „Rezo“ im Archiv fast 50 Artikel, in denen es um Rezo geht, 13 Mal taucht sein Name sogar in der Überschrift auf und 15 Mal sein Foto. Beim Spiegel ergibt eine solche Suchanfrage nur ca. 30 Ergebnisse, wobei sein Name nur drei Mal in der Überschrift genannt wird.
Wir sehen also ganz objektiv, dass t-online das Rezo-Video mit Artikeln gepusht hat. Das war vor allem am 22. Mai zu sehen, an dem Tag erschienen bei t-online gleich mehrere Artikel über das Video. Besonders verräterisch war ein Artikel, in dem t-online ein paar Fragen zu dem Video stellte. So fragte t-online zum Beispiel, ob die Reichweite des Videos „auffällig“ wäre. Zu dem Zeitpunkt hatte das Video laut dem Artikel drei Millionen Aufrufe. In dem Artikel kann man lesen, dass Rezo das Video auf seinem Zweitkanal mit ca. 670.000 Followern veröffentlicht hat, aber dass seine Videos durchaus auch mal über eine Million Klicks und mehr haben. Dann steht in dem Artikel:
„Das CDU-Video funktionierte also sehr gut, aber es funktionierte bis zu dem Moment, an dem große Medien wie t-online.de es aufgriffen, nicht auffällig gut für diesen Kanal.“
T-online gibt also offen zu, dass das Video erst richtig durch die Decke gegangen ist, nachdem „große Medien wie t-online es aufgegriffen“ haben. T-online verschweigt jedoch, dass Rezo und t-online beim gleichen Konzern sind. Wer will da an Zufall glauben?
Aber es geht noch weiter. Ich habe ein Buch über die Ukraine geschrieben und habe 950 Quellen in dem Buch verarbeitet. An dem Buch habe ich seinerzeit ein halbes Jahr täglich 8 Stunden non-stop gearbeitet. Die meiste Zeit ging dabei für die Recherche drauf, um eine Quelle ins Buch zu bringen, habe ich in der Regel fünf Quellen gelesen. Rezo hat seinem Video dankenswerter Weise eine Quellenliste beigefügt. Sie umfasst 13 Seiten und enthält ca. 250 Quellen. Das ist eine wirklich zeitintensive Arbeit, die man nicht mal nebenbei macht. Da stecken viele Monate Arbeit drin, das war also von langer Hand vorbereitet.
Oder anders gesagt, an diesen Artikel, zu dem ich neun Quellen verlinkt habe, habe ich heute drei Stunden gearbeitet, die gestrigen Recherchen nicht mitgerechnet.
Außerdem habe ich mal nachgezählt, wie viele Schnitte es in dem Video in den ersten fünf Minuten gab. Es waren 45. Das bedeutet hochgerechnet auf eine Stunde ca. 900 Schnitte. Es mussten 900 Einstellungen gedreht werden und da es dabei oft Pannen gibt, waren es natürlich viel mehr und dann mussten die besten ausgesucht und zu einem Video montiert werden. Erstens ist das ein gigantischer (Zeit-) Aufwand und zweitens bedeutet das, dass das Video ein Skript, also ein Drehbuch, hatte, sonst könnte so etwas gar nicht entstehen.
Sie sehen also, dass das Rezo-Video keine Arbeit ist, die er spontan gemacht hat, weil ihm vor ein paar Tagen der Kragen wegen der Politik der CDU geplatzt ist. Das hat er (oder wer auch immer) lange geplant und vorbereitet und dann die Veröffentlichung so gelegt, dass das Video (mit Hilfe von t-online) in der Woche vor der Wahl die Schlagzeilen beherrscht.
Jetzt wäre es interessant, wenn jemand belegbare Informationen zu folgender Frage hätte: Wer hat den EU-Wahlkampf für die Grünen organisiert? Gibt es da eine Verbindung zur Ströer-Gruppe, vielleicht zu einer der Konzerntöchter des Unternehmens?
Denn die Frage ist ja, warum macht die Ströer-Gruppe so eine Kampagne zur Unterstützung der Grünen, bei der mindestens zwei Tochterfirmen (TubeOne und t-online) des Konzerns offensichtlich koordiniert zusmmengearbeitet haben? Das Prinzip war einfach: Rezo macht das Video (wer hat ihn bei der Zusammenstellung der Quellen unterstützt?) und sobald er eine gewissen Klickzahl hatte, hat t-online das Thema „zufällig“ aufgegriffen und massiv in die Medien und die Öffentlichkeit gepusht.
Wie auch die Antworten auf diese Fragen ausfallen mögen, die Kampagne hatte Erfolg. Bei den jungen Leuten sind die Grünen bei der Wahl stärkste Partei geworden.