Das russische Fernsehen über MeToo und Weinstein: „Wie unter Stalin“
Das Urteil im Weinstein-Prozess hat Schlagzeilen gemacht, auch in Russland. Aber in Russland ist der Blick auf den Fall Weinstein und die MeToo-Debatte ein völlig anderer, als in Deutschland. Das russische Fernsehen hat immer wieder über den Fall Weinstein und auch über MeToo und Gender berichtet und ich habe die Berichte übersetzt, um aufzuzeigen, dass […]
Das Urteil im Weinstein-Prozess hat Schlagzeilen gemacht, auch in Russland. Aber in Russland ist der Blick auf den Fall Weinstein und die MeToo-Debatte ein völlig anderer, als in Deutschland.
Das russische Fernsehen hat immer wieder über den Fall Weinstein und auch über MeToo und Gender berichtet und ich habe die Berichte übersetzt, um aufzuzeigen, dass es zu diesen Themen auch andere Meinungen auf der Welt gibt, als sie die westlichen Medien propagieren. Ich habe auch schon die These aufgestellt, dass die medialen Vorverurteilungen, die mit solchen Kampagnen einhergehen meiner Meinung nach den Rechtsstaat untergraben und diese These zur Diskussion gestellt.
Am Sonntag hat sich nun das russische Fernsehen in der Sendung „Nachrichten der Woche“ erneut mit dem Fall Weinstein und der MeToo-Debatte beschäftigt. Da man in Russland auf diese Themen völlig anders schaut, als im Westen, habe ich den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Am 24. Februar wurde der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein nach dem Schuldspruch der Jury in Haft genommen. Das Urteil wird am 11. März verkündet. Eine Woche nach dem Urteil wird Weinstein 68 Jahre alt. Das scheint kein hohes Alter zu sein, aber nach den Anklagen, derer Weinstein für schuldig befunden wurde, drohen ihm bis zu 25 Jahre Gefängnis plus weitere vier Jahre auf Bewährung.
Der Prozess lief ab, wie die Schauprozesse unter Stalin und es war so, als würde der Prozess von Stalins Staatsanwalt Andrej Vyshinsky geleitet. Schließlich ist im heutigen Amerika alles genau so abgelaufen, wie in unserer lange vergangenen Geschichte. Zwei Damen haben Weinstein beschuldigt, aber es gab keinen einzigen Beweis für das Verbrechen und keine Zeugen, es wurde rein gar nichts vorgelegt. Die Jury sollte den Damen einfach glauben.
Die New York Times schrieb in einem Artikel über die Verhandlung: „Der Fall Weinstein stellte sich als ungewöhnlich riskant für die Staatsanwaltschaft des Countys heraus. Die Vorwürfe der Frauen wurden weder durch medizinische Untersuchungen, noch durch kriminaltechnische Beweise gestützt. In diesem Prozess ging es um den Versuch, zu beweisen, dass sie die Wahrheit sagen.“
Zeitgleich wurde – in bester Tradition von Stalins politischen Prozessen – in der Presse eine rabiate Kampagne gestartet, um das Oscar-prämierte Opfer zu verteufeln und ihn in ein ekelhaftes, lüsternes Tier zu verwandeln, dessen Vernichtung unvermeidlich und öffentlich sein sollte.
Während der medialen Verfolgung erhielt Weinstein zwangsweise und ohne eine Wahl zu haben Medikamente, um chemisch den Anteil männlicher Hormone im Körper zu senken. Im Ergebnis wurde Harvey Weinstein, vor einem Jahr noch ein kräftiger Mann, so sehr geschädigt, dass er sich heute nur mit Hilfe eines Rollators fortbewegen kann und ständig medizinisch versorgt werden muss.
Was den Schuldspruch der Geschworenen betrifft, so wurde er – wieder in bester Tradition der stalinistischen Schauprozesse – durch eine gut gesteuerte Hasskampagne begleitet. Die rabiate feministische MeToo-Bewegung hat Weinstein zu ihrem Ziel Nummer eins gemacht. In der Existenz einer solchen Bewegung und vor allem in ihren Methoden sah Harvey Weinsteins Anwältin Donna Rotunno eine Gefahr für Amerika, denn Männer ohne einen ordentlichen Prozess wegen sexueller Gewalt vorzuverurteilen, zerstört ihren Ruf und die Karriere. Und das ist ein zu hoher Preis für die Stärkung des Feminismus.
„Wenn wir 500 positive Faktoren aus dieser Bewegung haben und einen negativen, der einem Mensch das Recht auf ein angemessenes und faires Gerichtsverfahren und die Unschuldsvermutung raubt, dann überwiegt das meiner Meinung nach die positiven Effekte. Wir dürfen keine Bewegung haben, die uns die Grundrechte nimmt“, sagte Rotunno.
Das bedeutet, dass die MeToo-Bewegung allen Männern, die ihren Partnerinnen kein oder nicht genug Vergnügen bereitet haben, oder es nicht so getan haben, wie die es gerne gehabt hätten, das Leben zerstören kann. Und wie Harvey Weinsteins Anwältin Donna Rotunno meint, handelt es sich um „eine Bewegung, die Amerika die Grundrechte nimmt“.
Dem kann man nur schwer widersprechen. Und hier noch ein anderer Kommentar von Weinsteins Anwältin Donna Rotunno. An die Frauen gewandt, fordert sie sie in der Einschätzung ihres eigenen Verhaltens zu echter Ehrlichkeit auf: „Man kann nicht zwei Dinge gleichzeitig tun und sagen: „Ich kann tun, was ich will, ohne Angst vor den Konsequenzen zu haben. Ich kann freiwillig in jede Situation kommen und dann werde ich so tun, als wäre ich ein Opfer.“ Freiwilliger Sex mit jemandem, auch wenn man ihn hinterher bedauert, wird dadurch nicht im Nachhinein zu einem Verbrechen.“
Aber im Fall von Weinstein ist genau das passiert. Die Frauen, wegen derer Weinstein nun jahrzehntelang im Gefängnis sitzen soll, haben ihm Jahre nach den so genannten Vergewaltigungen Mails geschrieben, ihm angeboten, sich zu treffen und Zeit zusammen zu verbringen, haben ihn ihren Eltern vorgestellt. Die Verteidigung hat all das vor Gericht mit Dokumenten bewiesen.
Aber mit so einer Position ist man im gegenwärtigen kulturellen Kontext im Westen ein trotziger Dissident. Schließlich wurde in Amerika während des Weinstein-Prozesses eine Stimmung erzeugt, wie sie in unserer finsteren Vergangenheit von Staatsanwalt Vyshinsky während Stalins politischer Prozesse kultiviert wurde. Vergleichen Sie es selbst:
„Unser ganzes Land, ob jung oder alt, erwartet und verlangt nur eines: Verräter und Spione, die unser Vaterland an den Feind verkauft haben, wie tollwütige Hunde zu erschießen! Die Zeit vergeht. Die Gräber der verhassten Verräter werden mit Unkraut überwachsen, bedeckt mit der ewigen Verachtung des ehrlichen sowjetischen Volkes, des gesamten sowjetischen Volkes. Und über uns, über unserem glücklichen Land, wird unsere Sonne immer noch mit ihren hellen Strahlen scheinen. Wir, unser Volk, werden auch das letzte Übel ausmerzen und diesen Weg weitergehen, auf dem uns unser geliebter Führer und Lehrer, der großen Stalin, führt. Vorwärts und nochmal vorwärts zum Kommunismus!“, schrieb Staatsanwalt Vyshinsky.
Vorwärts und nochmal vorwärts zum Feminismus! So echot es heute. Aber die damalige Epoche unter Stalin war – wie jetzt der aggressive Feminismus von MeToo – nur eine Epoche. Kann es passieren, dass, wenn man in 20 oder 30 Jahren über diese Fälle und diese Aktivisten spricht und ihre Taten beurteilt, man dann ganz andere Vorstellungen von dem hat, was gut und gerecht ist? Epochen gehen schließlich auch wieder vorbei.
Heute sieht man die LGBT-Flagge in Europa fast auf Schritt und Tritt. Aber als ich noch zur Schule ging, war zum Beispiel in Großbritannien Homosexualität noch eine Straftat. Und Homosexuelle hatten die Wahl: entweder Gefängnis oder chemische Kastration.
Der Mathematiker Alan Turing hat die chemische Kastration gewählt, er war ein wissenschaftliches Genie, das den Code der deutschen Chiffriermaschine „Enigma“ entschlüsselt hat, was zu Beginn des Zweiten Weltkriegs unlösbar schien. Diese Entdeckung rettete unzählige Leben an den Fronten. Turing schuf später einen der ersten Computer der Welt, den „Koloss“, der auch den komplexeren Lorenz-Code geknackt hat, der von den obersten Stellen des Hitlerreichs benutzt wurde. Der Order of the British Empire wurde dem 33-jährigen Turing 1945 vom König persönlich verliehen.
Sieben Jahre später fühlte sich das Genie von einem 19-jährigen Bauarbeiter angezogen. Als der bei einem Date Turings Wohnung ausgeraubt hat, hat Turing naiv die Polizei gerufen. Die wertete die Homosexualität des Wissenschaftlers viel schwerer, als den Diebstahl in der Wohnung.
Der Prozess dauerte Monate, ein ganzes Jahr erhielt Turing Injektionen zur chemischen Kastration. Alle haben sich von Turing abgewandt: die wissenschaftliche Gemeinschaft, seine Freunden und erst recht das Militär. Und dann starb Turing eines Tages an einer Zyanidvergiftung. Neben seiner Leiche lag ein Apfel, vom dem er einmal abgebissen hatte. Bis heute ist nicht klar, ob Turing sich vergiftet hat oder vergiftet wurde. Jedenfalls waren es Alan Turings mathematische Modelle, die es Steve Jobs ermöglicht haben, seinen ersten Computer und dann einen riesigen Konzern zu erschaffen. Turing angebissener Apfel ist auf jedem der Produkte zu sehen, die Jobs hergestellt hat.
Diese Geschichte zeigt, wie stark sich die Kultur der Moral sogar zu Lebzeiten einer Generation verändert. Ein weiteres Opfer solcher Veränderungen ist der brillante Filmregisseur Roman Polanski. Er wurde mit allen Filmpreisen des Planeten ausgezeichnet und hat im Alter von 86 Jahren ein weiteres Meisterwerk erschaffen.
„Offizier und Spion“ heißt der Film im russischen Kino. In der französischen Version heißt er „J’accuse!“ nach dem berühmten Ausruf von Emile Sol, den er im Prozess gegen den unschuldigen Offizier Dreyfus ausrief. Dreyfus wurde zu Unrecht wegen Spionage für Deutschland verurteilt und der entscheidende Grund für die lebenslange Haftstrafe war, dass Dreyfus Jude war. In Frankreich tobte um die Jahrhundertwende ein heftiger Antisemitismus. Zu dem Thema kann Roman Polanski sich zu Recht äußern, weil er selbst ein Kind des Krakauer Ghettos des Zweiten Weltkriegs ist und seine Eltern im Holocaust verloren hat.
Aber in dem Film gibt es auch einen tieferen Sinn. Es geht um Kampagnen insgesamt. Nicht zwangsläufig gegen Juden. Es geht um den Mechanismus öffentlicher Kampagnen. Und auch hier kann Roman Polanski sich zu Recht zu dem Thema äußern. Er wird seit Jahrzehnten verfolgt, weil er Sex mit einem 13-jährigen Model hatte.
Das war vor 45 Jahren. Samantha Geimer wurde von ihrer Mutter in Jack Nicholsons Haus gebracht, wo Roman Polanski zu Besuch war. Für ein Fotoshooting. Es war eine Party. Das junge Model trank Champagner und kletterte in den Whirlpool. Dann gab es eine Fortsetzung. Laut Samantha wollte sie das nicht, aber sie widersetzte sich nicht. Danach brachte die Mutter ihre Tochter zur Polizei. Die Tat wurde bestätigt. Wie auch die Tatsache, dass es für das Mädchen nicht das erste Mal war.
Polanski hat in dem Prozess nichts abgestritten. Die Anwälte haben sich geeinigt. Der Regisseur saß 45 Tage im Gefängnis. Doch der Richter wollte Polanski dann für den Rest seines Lebens ins Gefängnis stecken. Polanski verließ die Vereinigten Staaten. Inzwischen hat Samantha Geimer geheiratet und Kinder bekommen. Die Familie lebt auf Hawaii. Polanski ist ihr längst gleichgültig. Vor mehr als 10 Jahren reichten beide zusammen einen Antrag beim Gericht ein, um die Anklage fallen zu lassen. Dutzende Filmstars unterstützten den Regisseur, zum Beispiel Woody Allen, Martin Scorsese, David Lynch, Pedro Almadovar, Fanny Ardan, Monica Bellucci.
Aber die Anschuldigungen werden von einer Gruppe aggressiver Aktivisten nicht fallen gelassen und in der Öffentlichkeit gehalten. Als sich vor der Preisverleihung der französischen Filmakademie „Cesar“ herausstellte, dass Polanskis Film „Offizier und Spion“ bei 12 Nominierungen an der Spitze lag, trat die gesamte Jury zwei Wochen vor der Zeremonie demonstrativ zurück. Aus Protest.
Der französische Kulturminister Frank Rister konnte noch erklären, dass die Verleihung des Cesar-Preises an Roman Polanski „symbolisch falsch wäre, da wir als Gesellschaft jede sexuelle Gewalt und sexistische Manifestationen bekämpfen müssen“.
Daraufhin hat die gesamte Filmcrew von Roman Polanski die Zeremonie boykottiert. Am Eingang stand eine Menge protestierender Feministinnen mit unversöhnlichen Plakaten und aggressiven Parolen. Auf der Bühne stand die beliebte französische Schauspielerin und Komikerin Florence Foresti und anstatt den Namen von Polanski auszusprechen, nieste sie theatralisch und hat allen außer ihm applaudiert.
In der geheimen Abstimmung haben jedoch 4.313 Mitglieder der französischen Filmakademie Roman Polanski zwei Preise für den Film „Offizier und Spion“ gegeben: als besten Regisseur und für die beste Drehbuchumsetzung. Und einen dritten „Cesar“ für die Kostüme.
Der Film „Offizier und Spion“ ist wirklich sehr gut. Es ist wahrscheinlich einer der besten Filme der letzten Zeit. In den USA darf er jedoch nicht in den Kinos gezeigt werden.
Die Auszeichnung der französischen Filmakademie „Cesar“ ist mehr als verdient. Roman Polanski kam nicht zur Zeremonie. Er begründete das damit, nicht „öffentlich gelyncht“ werden zu wollen. Das bedeutet, dass „öffentliches Lynchen“ dort gängige Praxis ist. Und sie ist uns aus unserer eigenen sowjetischen Geschichte sehr vertraut.
Ende der Übersetzung