Die Corona-Epidemie wird wohl schlimmer, als ich gedacht habe. Ich bin kein Freund von Panikmache oder Katastrophenmeldungen. Aber eine Analyse der nackten Zahlen zeigt auf, dass es wohl schlimmere Folgen haben wird, als ich bisher gedacht habe.

Bei meinen bisherigen, aus jetziger Sicht recht optimistischen, Einschätzungen bin ich davon ausgegangen, dass die betroffenen Länder – also die EU – entschlossene Maßnahmen ergreifen. Aber danach sieht es bisher nicht aus und wenn die Zahlen der Infizierten auch noch sehr gering sind, so ist doch deutlich sichtbar, dass die Verbreitung des Coronavirus in der EU außer Kontrolle geraten ist.

Das hat drei Gründe:

Erstens die lange Inkubationszeit. Der Virus kann bis zu 14 Tage brauchen, bis ein Mensch Symptome zeigt, aber er ist schon recht früh ansteckend. Das bedeutet, dass ein Infizierter tagelang andere Menschen anstecken kann, ohne dass jemand weiß, dass er Infiziert ist.
Zweitens der meist harmlose Krankheitsverlauf. 80 Prozent der Erkrankungen verlaufen wie eine normale Erkältung. Die Betroffenen haben Schnupfen, ein Kratzen im Hals und vielleicht ein wenig erhöhte Temperatur. Viele gehen mit diesen Symptomen weiterhin zur Arbeit und leben ihr Leben normal weiter, ohne zu wissen, dass die das Coronavirus haben und weitergeben.
Drittens überlebt das Virus auf Oberflächen bis zu vier Tage. Wenn also zum Beispiel ein Infizierter nach dem Naseputzen oder Niesen einen Einkaufswagen im Supermarkt anfasst und in Ruhe seine Einkäufe macht, wird er wahrscheinlich das Virus darauf zurücklassen. Der nächste Kunde, der den Einkaufswagen benutzt, bekommt das Virus an seine Hände und sobald er sich einmal an die Schleimhäute im Gesicht (Augen, Nase, Mund) fasst, ist er wahrscheinlich infiziert.

Daher hat China völlig richtig reagiert, als es betroffene Regionen konsequent wochenlang unter Quarantäne gestellt und alles, auch die Straßen, desinfiziert hat. Einen anderen Weg gibt es nicht, solange es keinen Impfstoff gibt. China ist es so gelungen, das Virus im Land einzudämmen. Das hat zwar nach aktuellen Zahlen zu einem Rückgang des Exportes von über 17 Prozent geführt, ist also ein schwerer Schlag für die Wirtschaft, aber es war wohl eine notwendige Maßnahme.

Von solchen Maßnahmen ist in Europa nichts zu sehen. Dabei gilt Europa mittlerweile international als Risikogebiet. Am Freitag hat die Stadt Moskau zum Beispiel eine Liste von Ländern herausgegeben. Wer aus einem dieser Länder in Moskau ankommt, muss 14 Tage in häusliche Quarantäne. Neben Südkorea und dem Iran sind auch Deutschland, Italien und Frankreich auf dieser Liste. Und nachdem Moskau das eingeführt hat, dürften andere russische Regionen schnell nachziehen. Ich musste deshalb heute einen für Ende März in Hamburg geplanten Vortrag absagen, denn wegen eines Vortrages anschließend bei meiner Rückkehr nach Russland 14 Tage in Quarantäne zu müssen, steht in keinem Verhältnis.

Hinzu kommt, dass die Airlines Flüge absagen. Ich habe bereits im Freundeskreis Menschen, die Reisen nicht antreten konnten, weil die entsprechenden Flüge storniert worden sind.

In Deutschland entwickeln sich die Zahlen ähnlich, wie in Italien. Nur mit zwei Wochen Verzögerung. In den letzten Tagen sind sie von unter 200 Infizierten in Deutschland auf nun aktuell 670 explodiert. So hat es auch in Italien angefangen und dort gibt es inzwischen 4.636 Infizierte. Und die Zahlen wachsen ungebremst weiter. Das steht auch Deutschland zwangsläufig bevor.

Wie gesagt ist das Virus für die meisten Betroffenen harmlos. Aber bei ca. 14 Prozent nimmt es einen schweren Verlauf, ich vermute mit Krankenhausaufenthalt. Fünf Prozent erleben einen kritischen Verlauf, also wohl mit Intensivstation und zwei Prozent sterben an dem Virus.

So tragisch das für die Betroffenen auch ist, für die meisten ist das Virus recht ungefährlich. Bei Menschen unter 50 Jahren liegt das Sterberisiko bei Null bis 0,4 Prozent, je nach Altersgruppe. Das ist nicht gefährlicher, als eine normale Grippeepidemie. Lediglich bei Menschen mit Vorerkrankungen, die ältere Menschen leider nun einmal öfter haben, steigt das Sterberisiko stark an.

Was bedeutet das?

Eine normale Grippewelle, wie wir sie jedes Jahr erleben, infiziert zwischen zwei und 14 Millionen Menschen in Deutschland. Ich will keine Panik schüren, aber was bedeutet es für das Gesundheitssystem, wenn sich am Coronavirus zwei Millionen Menschen in Deutschland infizieren? Wenn es also den Verlauf einer schwachen Grippewelle nimmt.

In Deutschland gibt es im Durchschnitt 20,4 Intensivbetten pro Krankenhaus und es gibt in Deutschland 1.942 Krankenhäuser. Rechnen wir der Einfachheit halber mit 2.000 Krankenhäusern und 20 Intensivbetten pro Krankenhaus. Dann kommen wir auf 40.000 Intensivbetten in Deutschland. Wenn aber insgesamt sieben Prozent der zwei Millionen Infizierten ein Intensivbett benötigen, dann würden 140.000 Betten gebraucht. Natürlich nicht alle gleichzeitig, aber da die Betten im Normalfall ja auch noch mit Unfallopfern, Infarktpatienten und so weiter belegt sind, dürfte es ein Problem auf den deutschen Intensivstationen geben.

Und damit nicht genug. In Deutschland gibt es insgesamt 497.200 Krankenhausbetten, da sind die Intensivbetten eingerechnet. Da das Virus bei insgesamt ca. 20 Prozent der Erkrankten einen schweren, kritischen oder gar tödlichen Verlauf nimmt, dürften diese 20 Prozent ins Krankenhaus eingeliefert werden. 20 Prozent von zwei Millionen sind 400.000. Und diese Patienten müssten isoliert werden, um nicht alle anderen anzustecken, die neben ihnen liegen. Auch das dürfte in Deutschland nur schwer zu leisten sein, es sei denn man macht Turnhallen zu Isolierstationen, wie wir es auch in China gesehen haben.

Und was passiert, wenn es – wie bei einer schweren Grippewelle – 14 Millionen Infizierte gibt? Kaum auszudenken.

Nun rächt sich die Globalisierung.

Im Zuge der Globalisierung wurde die Produktion von medizinischer Ausrüstung und von Medikamenten „ausgelagert“. Medikamente und auch Schutzkleidung werden in China oder Indien produziert und in China ist die Produktion aufgrund der Quarantäne teilweise zum Erliegen gekommen. Das bedeutet, dass es in Deutschland zu einem Mangel an allen möglichen Medikamenten kommen kann und den Mangel an Schutzkleidung erleben wir schon. Gerade wurde der Export von Schutzkleidung aus Deutschland untersagt, weil es zu wenig gibt und weil Nachschub auf dem internationalen Markt nicht zu bekommen ist.

Nun rächt es sich, dass der Staat es zugelassen hat, dass Unternehmen ihre Produktion aus Deutschland abgezogen haben, weil es woanders billiger ist. Hätte Deutschland – beziehungsweise die EU – in solchen Fällen konsequent auf Strafzölle gesetzt, hätte sich das Manöver nicht gelohnt und Deutschland hätte noch eine eigene Produktion. Nun aber ist Deutschland von China und Indien abhängig und die brauchen die Ausrüstung entweder selbst oder verkaufen sie meistbietend.

Und die Kostenersparnis der Hersteller durch die billige Produktion in China wurde ja nicht in Form von Preissenkungen an die Verbraucher weitergegeben, sie landete als Gewinn in den Kassen der Konzerne.

Das wird sich nun rächen. Und zwar nicht nur im medizinischen Bereich. Auch Komponenten zum Beispiel für die Autoindustrie werden in China gefertigt, weil es dort billiger ist. Das führt bei immer mehr Autoherstellern weltweit dazu, dass sie Fabriken schließen oder zumindest die Produktion runterfahren müssen. Das betrifft wohl die allermeisten Branchen, die sich Teile billig in China produzieren lassen.

Der Schaden für die Wirtschaft ist kaum absehbar. Wir stehen nun wohl definitiv vor einer massiven Wirtschaftskrise, deren Ausmaß sich noch gar nicht abschätzen lässt.

Reisebeschränkungen

Auch wenn die EU bisher nicht handelt, andere Länder tun es. Wie gesehen hat zum Beispiel Moskau Quarantäne für Einreisende aus EU-Ländern verhängt. Und Russland ist nicht das einzige Land. China hat ebenfalls Quarantäne-Maßnahmen gegen Einreisende beschlossen, weil es keinen Re-Import des gerade mühsam unter Kontrolle gebrachten Virus möchte.

Außerdem reagieren die Airlines. Weil immer weniger Menschen reisen möchten, werden massenhaft Flüge gestrichen. Da reagieren die Airlines und die Kunden schneller, als die Staaten.

Und dabei sind wir erst am Anfang der Epidemie, die Einschränkungen dürften also größer werden. Das Beispiel China zeigt, dass man die Epidemie mit harten Maßnahmen innerhalb eines Monats unter Kontrolle bekommen kann, auch wenn das einen Schlag gegen die Wirtschaft bedeutet. Aber der Schlag könnte noch schlimmer ausfallen, wenn man – so wie jetzt in der EU – nichts tut, außer ein paar Warnhinweise auszusprechen.