Berater des ukrainischen Präsidenten nennt Aufbau der Demokratie in der Ukraine „sinnlos“
Alexej Arystowitsch ist Berater des ukrainischen Präsidenten Selensky für strategische Kommunikation im Bereich der nationalen Sicherheit und Verteidigung. Daher ist es nicht uninteressant, was er nach dem Afghanistan-Fiasko der USA auf Facebook veröffentlicht hat, denn es zeigt, worüber in der ukrainischen Präsidialverwaltung gesprochen wird. Das Afghanistan-Fiasko der USA zeigt den Marionettenregimen der USA auf der […]
Alexej Arystowitsch ist Berater des ukrainischen Präsidenten Selensky für strategische Kommunikation im Bereich der nationalen Sicherheit und Verteidigung. Daher ist es nicht uninteressant, was er nach dem Afghanistan-Fiasko der USA auf Facebook veröffentlicht hat, denn es zeigt, worüber in der ukrainischen Präsidialverwaltung gesprochen wird.
Das Afghanistan-Fiasko der USA zeigt den Marionettenregimen der USA auf der ganzen Welt, was die Sicherheitsversprechen der USA wert sind. Die USA haben das von ihnen installierte Regime in Afghanistan praktisch ohne Vorwarnung im Stich gelassen und nun macht man sich in anderen Marionettenregimen der USA auch seine Gedanken. Es geht schließlich nicht nur um politische Fragen, sondern ganz konkret um die persönliche Sicherheit der Anhänger und vor allem der Vertreter dieser Regime. Der afghanische Präsident von US-Gnaden hat sein Land fluchtartig mit dem Hubschrauber verlassen, wobei Medien berichtet haben, er habe dabei so viele Koffer mit Bargeld dabei gehabt, dass sie nicht alle in dem Hubschrauber Platz gefunden haben, weshalb sie einfach bei in den zurückgelassenen Autos zurückgelassen wurden.
Nun macht man sich anscheinend auch im ukrainischen Präsidentenpalast so seine Gedanken, immerhin ist auch die Ukraine in einem Bürgerkrieg und radikale Nationalisten sind schwer bewaffnet und organisieren immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung. Und nicht zuletzt zeigte der Maidan, dass die Nationalisten in dem Land keine Hemmungen haben, eine Regierung wegzuputschen und deren Vertreter bis hin zum Präsidenten zu lynchen. Der damalige Präsident Janukowitsch ist diesem Schicksal nur durch eine überstürzte Flucht nach Russland entgangen.
Da die ukrainische Regierung – so wie auch die ehemalige afghanische Regierung – vollständig von den USA abhängt, scheint man sich in Kiew nun Gedanken zu machen, was die Schutzversprechen der US-Regierung tatsächlich wert sind. Das zeigt ein Facebook-Post von Alexej Arystowitsch. Er hat dazu folgendes Bild gepostet.

Schon das Bild ist eigentlich Realsatire und zeigt, wie weit die USA und ihre Eliten von den Realitäten in den von ihnen besetzten Staaten entfernt sind. Dass ausgerechnet die US-Botschaft in Kabul noch im Juni in einem Tweet für LGBT geworben hat, ist nur schwer zu kommentieren.
In der Ukraine sind die USA und die von ihnen propagierten Werte auch sehr weit von dem entfernt, was die Bevölkerung denkt und möchte. So müssen LGBT-Paraden in der Ukraine, wenn sie denn überhaupt erlaubt werden, immer von massiven Polizeiaufgeboten geschützt werden, weil die konservativ eingestellte Bevölkerung des Landes – und erst recht die radikalen Nationalisten – gegen diese Paraden sind. Dass LGBT-Aktivisten in der Ukraine gefährlich leben, beklagt auch das UNHCR regelmäßig in seinen Berichten zur Lage der Menschenrechte in der Ukraine.
Das ist ein Grund mehr für die ukrainische Regierung und das Umfeld des ukrainischen Präsidenten, sich Sorgen um die eigene Sicherheit zu machen, denn sie verstehen ganz offensichtlich sehr wohl, dass sie gegen die Interessen und den Willen der Mehrheit der Ukrainer regieren. Den radikalen Nationalisten sind sie nicht radikal genug, die normale Bevölkerung verarmt immer mehr (die Ukraine ist inzwischen hinter Moldawien und sogar dem Kosovo das ärmste Land Europas) und ethnischen Russen im Osten und Süden des Landes sind von dem ukrainisch-nationalistischen Kurs der Ukraine, der sie immer stärker unterdrückt und diskriminiert, angewidert.
Und wenn man sich nun auch noch fragen muss, was die Sicherheitsversprechen der USA wert sind, dann ist es nicht verwunderlich, wenn man sich im ukrainischen Machtapparat ganz eigene Gedanken macht. Daher habe ich den langen Facebook-Post von Arystowitsch übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
- Die Ereignisse in Afghanistan bedeuten den Zusammenbruch der Doktrin der „…liberalen Demokratie, die für alle siegt und die Geschichte aufhält“ aus dem Jahr 1991.
Wie sich (ganz plötzlich) herausstellte, eignet sich die reale Welt schlecht für idealistische Versuche, alle unter einem einzigen ideellen Konzept zu vereinen. Zunächst hat die UdSSR das erlebt. Jetzt die USA als Spitze des kollektiven Westens. (Anm. d. Übers.: Das ist eine Anspielung darauf, dass früher die UdSSR ihre Ideologie in orchestrierten „Revolutionen“ exportiert hat und dass seit dem Zusammenbruch der UdSSR die USA an ihre Stelle getreten sind und ihre Ideologie ebenfalls in orchestrierten „Revolutionen“ exportieren. Das hat bei den „kommunistischen Revolutionen“ der UdSSR nicht geklappt und aktuell zeigt sich, dass auch die „demokratischen Revolutionen“ der USA langfristig genauso scheitern)
Die USA sind ein Soziosystem, in dem die intellektuelle Dichte von Spezialisten in allen möglichen Prozessen jede andere Gemeinschaft auf der Erde übertrifft, die die Prozesse ihrer falschen Vorstellungen über die Realität erntet.
Was einmal mehr beweist: Ideologien stehen höher als der Verstand und können selbst die am höchsten entwickelten Typen und Institutionen blind machen.
Hunderte von Experten haben jahrzehntelang argumentiert, dass es möglich ist, eine freie, demokratische Gesellschaft in Afghanistan (Russland, China, dem Irak, dem Iran, um nur einige zu nennen) aufzubauen.
Hunderte von Milliarden Dollar und Hunderttausende von Menschenleben wurden für diese Märchen ausgegeben.
Dreißig Jahre später stellt sich heraus, dass liberale Demokratien Menschen, Staaten und Institutionen ebenso erfolgreich zerstören, wie die totalitären Regime, gegen die sie „…kämpfen“ und dass sie nicht viel besser als totalitäre Regime wissen, was der einzelne Mensch tatsächlich braucht – heute und in Zukunft?
Ideologien stehen über der Intelligenz. Und weit über dem Komfort.
Es gibt immer noch Tausende von Experten und Dutzende von Millionen von Bewunderern des Weltbildes, das in Afghanistan zerbrochen ist, laut dem jeder auf der Welt mehr als alles andere einen Fernseher, einen Kühlschrank und Feminismus will.
Das lieben sie, aber wie sich (plötzlich) herausstellt, wollen die Menschen ihr Leben nicht für diese großen Errungenschaften der Zivilisation geben.
Sie wünschen sich, dass jemand anderes sein Leben für diese großen Vorteile der Zivilisation opfert, während sie, diese Experten und Anhänger dieses Weltbildes, seine Vorteile nutzen.
Und wenn es nicht klappt, dann sollte im Evakuierungsflugzeug immer genug Platz sein.
Und wenn der Platz nicht reicht? Schade… dann posten wir einen traurigen Avatar.
Die Anhänger des Weltbildes, in dem die ganze Menschheit wie ein Mann Netflix und LGBT-Märsche will, versichern und werden weiterhin versichern, dass Afghanistan nur eine weitere Fehlfunktion des Systems ist und dass die Bewegung der Welt in Richtung liberale Demokratie der einzige und alternativlose Weg ist. Und man muss nur einfach alle, die es wagen, die Richtigkeit dieser neuen wahren Doktrin in Frage zu stellen, bombardieren und von den Universitäten verbannen.
Klügere Menschen, die sich noch an frühere Komsomol-Mitglieder erinnern, beschäftigen sich derweil mit einer Reihe wichtigerer Fragen.
Im Einzelnen:
- Wie schnell und zu welchem Preis wird der Westen seine systematischen Irrtümer in dieser Frage erkennen?
- Wie schnell werden wir alle erkennen, dass die alte Weltordnung vorbei ist und eine neue bereits begonnen hat, deren Konturen aus dem Prozess heraus kaum zu erkennen sind?
- Welches Weltbild wird sie bringen?
- Führt die Entwicklung der Produktionsverhältnisse zwangsläufig zur Emanzipation und zur Befreiung der Gesellschaft und zum unvermeidlichen Wechsel der Entwicklungsphasen?
- Was ist der wahre Preis für den wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fortschritt? Wer kann wie und nach welchen Kriterien den wahren Preis für diesen Fortschritt festlegen?
- Ist es nicht an der Zeit, das Konzept des „Fortschritts“ als solches ernsthaft zu überdenken?
- Ist die Globalisierung als Vereinheitlichung möglich? Ist Globalisierung prinzipiell möglich?
- Wie können die Prinzipien des Zusammenlebens in einer Welt aussehen, in der einerseits niemand anderen die einzig richtige Lehre aufzwingt und andererseits niemand das Böse und das Verbrechen dulden kann oder darf?
- Gibt es einen individuellen Weg, um Völker und Kulturen zu entwickeln, und wie lässt sich das richtige Gleichgewicht zwischen dem Universellen und dem Einzigartigen in jedem einzelnen Fall finden?
Offensichtlich wird man eine neue „politische Skizze“ schreiben müssen, um zumindest einige grobe Antworten auf diese Fragen zu finden.
Von einer Sache bin ich bisher sicher überzeugt:
- Es ist sinnlos, für den Aufbau „…eines neuen demokratischen Staates“ in der Ukraine zu kämpfen.
Wenn es etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt, dann sollte es der Aufbau einer neuen Zivilisation sein, die die oben genannten Fragen in der Praxis erfolgreich beantworten kann.
Ende der Übersetzung
Bemerkenswert an diesem Facebook-Post ist, dass Arystowitsch, immerhin ein Präsidenten-Berater, ihn auf Russisch verfasst hat, obwohl die Benutzung der russischen Sprache in der Ukraine inzwischen streng reglementiert wurde und sogar bestraft werden kann. Wenn das für Sie neu ist, können Sie es hier nachlesen.
Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.