Der neue Rassismus im Westen und wie man in Russland darüber denkt
Kommentare in russischen Medien warnen immer wieder vor den Tendenzen im Westen, wo Political Correctness zu Sprach- und Denkverboten führt, wo unter dem Schlagwort „Kampf dem Rassismus“ Denkmäler gestürzt werden und die Geschichte umgeschrieben wird. Unter den neu geschaffenen Begriffen „Woke-Culture“ und „Cancel-Culture“ nehmen diese Tendenzen immer mehr an Fahrt auf. Wer nun aber glaubt, […]
Kommentare in russischen Medien warnen immer wieder vor den Tendenzen im Westen, wo Political Correctness zu Sprach- und Denkverboten führt, wo unter dem Schlagwort „Kampf dem Rassismus“ Denkmäler gestürzt werden und die Geschichte umgeschrieben wird. Unter den neu geschaffenen Begriffen „Woke-Culture“ und „Cancel-Culture“ nehmen diese Tendenzen immer mehr an Fahrt auf. Wer nun aber glaubt, die kritischen Stimmen in Russland seien einfach nur „ewig gestrige Reaktionäre“, die sich dem Fortschritt und der (historischen) Gerechtigkeit in den Weg stellen, der liegt grundfalsch. Die kritischen Stimmen kommen von Menschen in Russland, die aus ihrer eigenen Geschichte gelernt haben.
Was derzeit im Westen passiert, ist der Versuch, die Menschen im Eiltempo umzuerziehen. Innerhalb von wenigen Jahren wurde alles auf den Kopf gestellt, was von jeher als selbstverständlich galt. Plötzlich gibt es ungezählte Geschlechter und es reicht, wenn ein Mann mitteilt, er fühle sich als Frau und schon darf er in die Frauenumkleide. Gerade erst hat die sächsische SPD auf einem Parteitag gefordert, auf öffentlichen Herrentoiletten müssten Mülleimer „für menstruierende Männer“ aufgestellt werden. Die Geschichte wird im Eiltempo umgeschrieben und geschichtliche Figuren, die eben noch historische Nationalhelden waren, werden nun zu Buhmännern und Unterdrückern. Die Tendenz macht vor nichts halt.
De facto wird im Westen gerade versucht, den „neuen Menschen“ zu erschaffen, der eine vollkommen andere Sicht auf Werte und sogar seine Geschichte und Identität hat, als noch vor wenigen Jahren. Das mag der Eine gut finden und der Andere nicht.
In Russland hat man damit aber schon Erfahrungen gemacht und das ist der Grund für die kritischen Stimmen in Russland. Lenin hat nach der Revolution vor hundert Jahren ebenfalls verkündet, den „neuen Menschen“ erschaffen zu wollen und innerhalb von zehn Jahren wurde den Menschen in der Sowjetunion ein neues Welt- und Menschenbild aufoktroyiert. Das Ergebnis ist – vor allem den Menschen in Russland – bekannt: Die Sowjetunion war ein Unterdrückungsstaat, der auf einer Ideologie aufgebaut war, die – zumindest so, wie sie im „realexistierenden Sozialismus umgesetzt wurde – nicht funktionieren konnte. Im Ergebnis ist das Land erst verarmt und dann zerbrochen und es hat dabei Kriege und Bürgerkriege gegeben.
Daher ist eine der Lehren, die historisch interessierte Menschen in Russland aus der Sowjetunion ziehen, die, dass man den Menschen nicht verbiegen kann, dass man ihm keine Ideologie aufzwingen und ihn nicht zu m“neuen Menschen“ formen kann, egal wie sehr sich die dahinter stehende Ideologie als moralisch überlegen aufspielt.
Genau das ist es, was diese kritischen Stimmen in Russland heute im Westen sehen: Eine politische Kaste, die sich selbst und ihre Ideologie als moralisch überlegen ansieht und daher der Meinung ist, das Recht zu haben, sie allen aufzuzwingen und jeden auszugrenzen, der den Weg zum „neuen Menschen“ nicht mitgehen möchte.
Aus dieser Warte muss man die warnenden Stimmen in Russland sehen. Und eine solche Warnung hat ein Kolumnist für die russische Nachrichtenagentur TASS geschrieben. Der Autor Andrej Schitov war von 1996 bis 2017 US-Korrespondent und ist keineswegs ein treuer Schreiberling der russischen Regierung, sondern ein angesehener Analyst, der auch für regierungskritische Medien schreibt. Da er ein Kenner der USA und ihrer politischen Strömungen und Tendenzen ist, der in den USA immer noch gut vernetzt ist, fand ich seinen Artikel so interessant, dass ich ihn übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Kritische Rassentheorie in den Vereinigten Staaten: Ist der Rassismus aus der Flasche entwichen?
Andrej Schitov über das, was der Spiegel der neuen amerikanischen Revolution reflektiert
Die Kritische Rassentheorie (CRT) ist „eine intellektuelle Bewegung und ein loser Rahmen der rechtlichen Analyse, der auf der These basiert, dass Rasse kein natürliches, biologisch bestimmtes Merkmal von physisch unterschiedlichen Untergruppen von Menschen ist, sondern eine sozial konstruierte (kulturell erfundene) Kategorie, die zur Unterdrückung und Ausbeutung von Farbigen verwendet wird.“ CRT-Theoretiker „meinen, dass die Gesetze und die rechtlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten inhärent rassistisch sind, weil sie so funktionieren, dass sie soziale, ökonomische und politische Ungleichheiten zwischen Weißen und Nicht-Weißen, besonders Afroamerikanern, schaffen und aufrechterhalten.“
Solche Definitionen der CRT und ihrer Anhänger findet man in der elektronischen Ausgabe der Encyclopedia Britannica. Zusätzlich wird erklärt, dass es sich bei dieser Theorie nicht um eine neumodische ideologische Verrücktheit handelt, die mit dem neuen Coronavirus über den Ozean kam, sondern um eine bekannte Denkschule, die in den 60er und 70er Jahren entstanden ist. Ihr „unmittelbarer Vorläufer“ wurde als „die Critical Legal Studies (CLS) Bewegung beschrieben, die sich der Untersuchung darüber widmete, wie Gesetze und rechtliche Institutionen den Reichen und Mächtigen auf Kosten der Armen und Marginalisierten dienen.“ Dabei wurden die CLS selbst als „einer der Zweige der kritischen Theorie mit marxistischer Ausrichtung“ bezeichnet.
Noch einmal zur Klarstellung: Das behaupte nicht ich, sondern die Encyclopedia Britannica.
Gegen Indoktrination
In den letzten Monaten hat diese ganze Scholastik jenseits des Ozeans für erheblichen Aufruhr gesorgt. Die meisten Menschen assoziieren die CRT mit dem Kult der neuen rassischen und sozialen politischen Korrektheit (Woke Culture), der sich in den Vereinigten Staaten nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durchsetzte, und mit dem „Zurücksetzen“ von allem und jedem, einschließlich der eigenen historischen Vergangenheit (Cancel Culture). Viele Amerikaner fordern die Gehirnwäsche von Kindern und Jugendlichen zu verhindern und die Einführung von CRT in Klassenzimmern und Unterrichtsräumen zu verbieten.
Insgesamt hören die lokalen Regierungen nicht nur auf die Demonstranten, sondern stellen sich oft auf ihre Seite. Bis heute haben sechs Staaten, einschließlich Texas, CRT in ihren Gesetzgebungen bereits formell verboten. Sechzehn weitere, darunter Michigan, Ohio und Pennsylvania, erwägen ebenfalls entweder ein Verbot oder strenge gesetzliche Einschränkungen. In Florida und fünf anderen Bundesstaaten schließlich ergreifen die lokalen Regierungen ähnliche Maßnahmen.
So hat sich de facto mindestens die Hälfte des Landes bereits gegen CRT in Amerika gestellt. In Nevada hat eine Elternorganisation gefordert, dass Lehrer verpflichtet werden, im Unterricht Videokameras zu tragen, um Verstöße zu vermeiden.
„Rassialismus“ anstelle von „Rassismus“?
CRT-Befürworter sind erstaunt über diese Gegenreaktion. „Als Juraprofessor, der seit mehr als 30 Jahren eng mit der Entwicklung der kritischen Rassentheorie verbunden ist, bin ich erstaunt“, schrieb Gary Peller von der Georgetown University in Washington im Magazin Politico. „Akademische Arbeit wird normalerweise von niemandem beachtet; unsere wird nun öffentlich angeschwärzt und sogar verboten. Aber sind unsere Ideen etwa die neue Orthodoxie für die amerikanische Gesellschaft und die Grundlage für den Unterricht in Schulen und Kindergärten geworden, während wir über unseren Notizen brüteten und unsere Kurse gaben? Ach, komm schon! CRT ist keine rassialistische Ideologie, die alle Weißen zu privilegierten Unterdrückern erklärt, und CRT wird nicht in öffentlichen Schulen gelehrt.“ Wie viele seiner Kollegen glaubt Peller, dass das Thema absichtlich von „konservativen Aktivisten“ und „rechten Medien“ politisiert wird, um „eine Kampagne von Desinformationen zu schüren, die darauf abzielt, unzufriedene weiße Menschen aus der Mittel- und Arbeiterklasse gegen progressive Veränderungen aufzubringen.“
Einem liberalen Professor steht es natürlich frei, so zu denken und rassistische Ideologie mit dem plumpen Euphemismus-Neuonym „rassialistisch“ zu bezeichnen und die Auswirkungen des „umgekehrten Rassismus“ auf die Lehrpläne in den USA zu leugnen. Aber ich für meinen Teil glaube, dass das so genannte gemeine Volk – jene, die Hillary Clinton einst verächtlich als „einen Haufen Elend“ bezeichnete – tatsächlich nicht weniger über das wirkliche Leben weiß als jeder Akademiker. Die Menschen verstehen genau, warum und wogegen sie protestieren. Und wenn Peller hofft, jemanden umzustimmen, möchte man ihm mit seinem eigenen Spott antworten: „Ach, komm schon!“
Besonders, da unmittelbar nach der Veröffentlichung seines Artikels die größte Lehrergewerkschaft der USA, die National Education Association (NEA), einen Plan für eine weitreichende Implementierung der CRT und eine direkte Opposition gegen „Bemühungen, die kritische Rassentheorie und/oder das ‚Projekt 1619‘ zu verbieten“, verabschiedet hat. Der Dokumentarfilmer und Forscher am konservativen Manhattan Institute Christopher Rufo, der die Nachricht über Twitter teilte, schrieb, dass der Plan die Förderung des CRT „in allen 50 Staaten und 14.000 lokalen Schulbezirken“ fordert. „Das Argument, als ob die kritische Rassentheorie keinen Zugang zu K-12 (Kindergärten und Schulen in den Vereinigten Staaten – Anm. TASS) hätte, ist offiziell tot“, betonte er. Auf Bundesebene wurde die Position der NEA ausdrücklich vom Weißen Haus unterstützt.
Versöhnung oder Feindschaft?
Es ist zweifellos etwas dran an den Hinweisen von Vertretern der kritischen Rassentheorie auf die Politisierung des Streits. Aber es ist erlaubt zu fragen: Wer hat mit dieser Politisierung angefangen und warum? Warum zum Beispiel ist die aktuelle Revolution in den Rassenbeziehungen in den USA nicht unter dem ersten farbigen Präsidenten der Demokraten in der amerikanischen Geschichte, Barack Obama, ausgebrochen, sondern unter seinem Nachfolger, dem Republikaner Donald Trump?
Die Antwort liegt meiner Meinung nach auf der Hand und ihr Kern ist keineswegs auf die Polizeigewalt gegen Floyd beschränkt. Die afroamerikanischen „Wutbündel“, die jetzt auf der anderen Seite des Ozeans geerntet werden, werden von den Demokraten selbst kultiviert – um ihre Wählerschaft für den Kampf gegen den populistischen, nationalistischen und voluntaristischen Trump politisch zu mobilisieren. Und der deutlichste Beweis dafür ist das bereits erwähnte „Projekt 1619“.
Es wurde von der New York Times, dem Flaggschiff des liberalen amerikanischen Journalismus, die gleichzeitig Propagandist, Agitator und Organisator der Anti-Trump-Opposition war, im Jahr 2019 ins Leben gerufen, als noch niemand von Floyd gehört hatte. Anlass war der 400. Jahrestag der Ankunft des ersten Schiffes mit schwarzen Sklaven in der Neuen Welt und es war ein Aufruf, dieses Datum als Ausgangspunkt der gesamten US-Geschichte zu betrachten. Der Inhalt war die Aufforderung, dieses Datum als den Ausgangspunkt der gesamten US-Geschichte zu betrachten, da alle weiteren Errungenschaften der amerikanischen Zivilisation direkt oder indirekt Früchte der Sklavenarbeit wären.
Professionelle Historiker versuchten zu protestieren, aber niemand hörte ihnen zu. Die Redaktion der New York Times reagierte auf die Kritik, indem sie die eklatantesten Absurditäten ihres Sonderprojekts korrigierte, gab aber dessen Kern nicht auf, sondern förderte es auf jede erdenkliche Weise, auch in den Lehrplänen der Schulen. Nicole Hannah-Jones, die Initiatorin der Idee, gewann 2020 den Pulitzer-Preis und tippte jubelnd eine weitere Agitation: „Was wir schulden. Es ist Zeit für Reparationen.“ Ihr Vorschlag war, wie Kommentatoren später witzelten, dass historische Schulden von Menschen, die nie Sklavenhalter gewesen waren, zugunsten ihrer Landsleute, die nie Sklaven gewesen waren, eingetrieben werden sollten.
Wer also, so fragt man sich, ist nach alledem schuld daran, dass jenseits des Ozeans weiterhin „Erinnerungskriege“ toben? Dass die Polarisierung und Spaltung der amerikanischen Gesellschaft nur noch zunimmt? Ich erinnere mich an die Empörung von Wowotschka aus unseren Witzen: „Und diese Leute verbieten mir, in der Nase zu bohren?!“
(Anm. d. Übers.: Wowotschka-Witze sind in Russland das, was in Deutschland die Witze über Klein-Fritzchen waren. Der in Russland bekannte Witz, um den es hier geht, lautet:
„Wowotschka geht morgens zum Schlafzimmer seiner Eltern, aber die Tür ist verschlossen. Wowotschka schaut durch das Schlüsselloch und sieht, wie seine Eltern Liebe machen. Mit einem mürrischen Blick geht er zurück in sein Zimmer und murmelt: „Und diese Leute verbieten mir, in der Nase zu bohren!!!“)
Denn hier ist das Paradoxon: Es ist einen Monat her, seit in Amerika ein neuer staatlicher Feiertag aufgetaucht ist – der Juneteenth National Independence Day -, eingeführt zu Ehren der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Texas, das am 19. Juni 1865 als letzter der Staaten der Südkonföderation die Sklaverei abgeschafft hat. Aber bisher feiern die Amerikaner nicht, sondern sind weiterhin verfeindet.
Auf jeden Fall haben Time und der Economist gerade vor einem „Geschichtskrieg“ auf der Grundlage des CRT in den Vereinigten Staaten gewarnt. Time, die diesem Thema eine ganze Ausgabe gewidmet hat, glaubt, dass sich eine „neue Front in den Kulturkriegen“ aufgetan hat, was im Wesentlichen bestätigt, dass in den Vereinigten Staaten ein regelrechter ideologischer „Bürgerkrieg“ im Gange ist. Unter Bezugnahme auf eine neue Umfrage der American Historical Association schrieb die Wochenzeitung, dass 70 % der Demokraten in den USA die Aufgabe der Geschichtsforschung darin sehen, die nationale Vergangenheit „in Frage zu stellen“, und 84 % der Republikaner sind davon überzeugt, dass es in erster Linie darum geht, Bürgersinn und Patriotismus zu fördern.
Cui bono?
Ja, die republikanische Opposition und ihr nahestehende Medien in den USA gehen davon aus, dass die regierende Demokratische Partei sich in den Augen der Wähler selbst schadet, indem sie Amerika als ein Land mit „systemischem Rassismus“ darstellt. Und natürlich nutzen sie das Thema, das sie als politisch vorteilhaft für sich sehen. Der einflussreiche texanische Senator Ted Cruz zum Beispiel hat öffentlich erklärt, dass der CRT „nicht weniger rassistisch ist als der Ku-Klux-Klan in weißen Kapuzen.“
Bereits im Juni, so erinnert uns der Economist, brachten sieben Republikaner, darunter der Fraktionsvorsitzende Mitch McConnell, im Senat den Saving American History Act ein, einen Gesetzentwurf, der Schulen, die auf das Projekt 1619 bauen, die Bundesmittel begrenzen würde. Laut der Zeitung ist die Geste „weitgehend symbolisch“, da die Chancen auf eine Verabschiedung der Initiative gering sind und in der Tat „der Kongress wenig Kontrolle über die Lehrpläne der Bundesstaaten und Kommunen hat.“
„Aber der politische Sinn ist klar“, schreibt das Magazin. „Die Republikaner sind überzeugt, dass ein Krieg gegen die kritische Rassentheorie politisch vorteilhaft ist, auch wenn sich Versuche, die Theorie zu verbieten, als verfassungswidrig erweisen können.“ Übrigens: Amerikanische Eltern, die gegen die CRT kämpfen, sind oft gleichzeitig gegen die neue Sexualmoral, einschließlich der Mehrgeschlechtlichkeit und der „Transgender-Rechte“ in Schule und Sport.
Natürlich ist die Antwort auf die Frage „Wer profitiert?“ (Cui bono?) auch der regierenden Partei selbst ziemlich klar. Laut dem Online-Analyseportal Axios mehren sich die Warnungen aus dem „demokratischen Establishment“, dass die Partei, indem sie den Wählern politisch korrekte Begriffe und neue Normen aufzwingt, „das Risiko eingeht, die Kulturkriege weiter zu eskalieren und versehentlich Pro-Trump-Kandidaten zu unterstützen.“ Deshalb, so die Zeitung, spricht sich der demokratische Bürgermeisterkandidat von New York City, Eric Adams, öffentlich für die Unterstützung der Polizei aus.
Insgesamt, so Axios, können demokratische Abgeordnete und ihre Helfer im Falle einer übermäßigen Radikalisierung der Partei in „moderaten und Swing-Bezirken riesige Verluste bei den Zwischenwahlen im nächsten Jahr erleiden.“ Nach Ansicht von Analysten ist dies „ein großer Test auch für Präsident Biden“, der sich „bewusst ist, dass der Aufstieg der Linken in seiner Partei zwar vorteilhaft ist, was die Mittelbeschaffung und die Medienberichterstattung angeht, aber bei den Wahlen eine Katastrophe darstellt.“
„Rassismus ohne Rassisten?“
Natürlich sind auch die liberalen Apologeten des CRT und der „Kultur der Reparationen“ nicht blind. Soweit man das von außen beurteilen kann, läuft ihre Reaktion auf ihre Gegner weitgehend auf den Versuch hinaus, den Rassismus zu „entpersonalisieren“. Das heißt, zu argumentieren, dass der „systemische Rassismus“ in den USA sicherlich immer triumphiert hat, aber das macht die Masse der Amerikaner nicht rassistisch.
„Soziologen und andere Wissenschaftler haben lange darauf hingewiesen, dass Rassismus auch ohne Rassisten existieren kann“, argumentiert der Politikwissenschaftler Rushon Ray vom Brookings Institut zu diesem Thema. „Dennoch sind viele Amerikaner nicht in der Lage, ihre persönliche Identität von den sozialen Institutionen zu trennen, die uns führen. Diese Menschen nehmen sich selbst als Teil des Systems wahr. Wenn also gesellschaftliche Institutionen als rassistisch bezeichnet werden, ist es für sie so, als ob sie persönlich als rassistisch bezeichnet würden. Dies zeigt, wie normativ die rassistische Ideologie für die amerikanische Identität ist.“
Es ist üblich, dass Theorien empirisch untermauert werden. Eine neue gemeinsame Umfrage von Yahoo News und YouGov zeigt, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner (52%) wissen, was CRT ist. Unter denjenigen, die sich selbst als Liberale oder Konservative bezeichnen, sind die Zahlen mit 70-71% allerdings deutlich höher.
Diejenigen, die von der CRT gehört haben, wollen zum größten Teil (49% vs. 37%) nicht, dass diese Theorie in amerikanischen Schulen gelehrt wird. Aber sie stimmen mit doppeltem Vorsprung (54% vs. 27%) zu, dass „Rassismus nicht einfach ein Produkt persönlicher Voreingenommenheit oder Vorurteile ist, sondern etwas, das in Rechtssystemen und Politik verwurzelt ist.“
Die Organisatoren der Umfrage erklären, dass dies die Bedeutung von CRT war, wie sie durch eine Verordnung des Bildungsministeriums von Florida definiert wurde, die das Lehren dieser Theorie in den Schulen des Staates verboten hat. Es stellt sich heraus, dass die Amerikaner CRT im Allgemeinen nicht zu mögen scheinen, aber sie teilen ihre Kernthese. Für liberale Kommentatoren ist das natürlich ein extrem wichtiger Trumpf.
„Laut der Umfrage“, erklärt Yahoo News, „sieht die Rechte Rassismus größtenteils als personalisiert an – als Ergebnis der persönlichen Diskriminierung einer Person gegenüber einer anderen. Der Rest des Landes ist sich größtenteils einig, dass Rassismus systemisch ist – dass er eine Kraft ist, die farbigen Menschen weiterhin schadet, unabhängig davon, wie sich bestimmte Menschen verhalten. Und daher kommt die Uneinigkeit darüber, was den Kindern in den Schulen beigebracht werden soll.“
Das persönliche Beispiel
Spezialisten wissen es, wie man sagt, besser, aber ich denke trotzdem, dass in diesem Fall die Theoretiker in die Irre führen. Meiner Meinung nach wurde dies zum Beispiel von Byron Donalds, einem republikanischen Kongressabgeordneten aus Florida, deutlich demonstriert. Und zwar an seinem persönlichen Beispiel.
„Im Ergebnis lehrt die kritische Rassentheorie meine drei Kinder, dass ich, ihr schwarzer Vater, von Amerikas Geschichte der weißen Vorherrschaft unterdrückt werde und ihre Mutter, meine Frau, meine Unterdrückerin ist“, schreibt er in einem Kommentar für die Washington Times. „Aber was bedeutet das für meine Kinder? Dass sie halb Unterdrückte und halb Unterdrücker sind?“
Natürlich ist der Autor mit solchen Thesen nicht einverstanden. „Die kritische Rassentheorie ist in ihrem Kern spaltend“, argumentiert er. „Diese Bewegung, die darauf abzielt, unsere Kinder zu indoktrinieren, verkörpert die eigentliche Essenz des umgekehrten Rassismus und spuckt der Bürgerrechtsbewegung ins Gesicht, die von solchen amerikanischen Helden wie Dr. Martin Luther King angeführt wurde.“
„CRT hat nichts mit einer genauen Darstellung der Geschichte zu tun“, betont Donalds. „Diese Partei-Ideologie hat ein Ziel – Amerika von innen zu zerstören, unsere Jugend zu indoktrinieren und die Beziehungen zwischen den Rassen, diese Achillesferse Amerikas, zu vergiften. Präsident Abraham Lincoln sagte, dass Amerika nicht von außen gestürzt werden kann. „Wenn uns Zerstörung beschieden ist“, sagte er, „dann müssen wir selbst ihre Schöpfer sein, vom Anfang bis zum Ende.“ Leider ist die alptraumhafte Realität, dass die Demokratische Partei, die Medien und Amerika so fremde Menschen wie George Soros das letzte Kapitel im Buch der amerikanischen Schicksal schreiben.“
Das Gleichgewicht der Geschichte
Ich weiß gar nicht, was mir in diesem Text besser gefällt: das Lincoln-Zitat, das daran erinnert, dass jede Nation in erster Linie selbst ihre Siege und Niederlagen erschafft (wem, wenn nicht uns, die wir den Zusammenbruch der UdSSR miterlebt haben, ist das mehr bewusst?), oder der unerwartete Hinweis auf Soros, der, wie sich herausstellt, auch für die amerikanischen Konservativen und Globalisierungsgegner an allem schuld ist. Darum nehme ich eine andere Passage, der ich uneingeschränkt zustimme.
„Keine der beiden Seiten sollte auf einer selektiven Interpretation der amerikanischen Geschichte bestehen, entweder zu Gunsten oder zu Ungunsten unseres Landes“, schreibt Donalds. „Stattdessen brauchen wir eine ausgewogene Waage, die unsere Vergangenheit genau widerspiegelt: das Gute, das Schlechte und das Hässliche. Und die auch auf die enormen Fortschritte unseres Landes hinweist.“
Ich denke, solche Waagen wären für uns in Russland sehr nützlich. Auch hier, in den Worten des Dichters, „schmerzt die Vergangenheit“ und provoziert endlosen Streit. Ich bin zum Beispiel kürzlich auf einen Text des Historikers Andrej Subow gestoßen, in dem es darum geht, warum die Weißrussen, Ukrainer und Russen nicht als ein Volk betrachtet werden können, und ich warte jetzt mit besonderem Interesse darauf, was Wladimir Putin in seinem kommenden Artikel zu diesem Thema sagen wird.
Von einem Werkzeug, das immer und überall unmissverständlich die richtige Seite der Geschichte zeigt, kann man aber vorerst nur träumen. Und das reflektiert der Spiegel der neuen Revolution in den Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten deutlich.
Pünktlich zum Independence Day am 4. Juli wurden einige Schulen in der Umgebung von Washington D.C. umbenannt. Eine war früher nach Thomas Jefferson benannt, eben dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, eine andere nach George Mason, einem weiteren „Gründungsvater“ der USA, dem ideellen Inspirator der verfassungsrechtlichen Bill of Rights. Beide waren Sklavenhalter; jetzt, unter den Bedingungen der „Cancel Culture“, werden beide rückwirkend als Rassisten betrachtet, und Jefferson war auch ein Vergewaltiger, da er Kinder von einer Sklavin hatte.
Nun, was kann man dazu sagen. Mich persönlich erinnert das nur an das „Gedicht über Stalin“ von Alexander Galitsch: „Los, Brüder, greift an! Ein Gottesdienst mit Tanz! Und der Befehl lautet, die Statuen am Bahnhof in der Nacht abzureißen!“ Aber die Amerikaner haben noch keinen eigenen Galitsch…
Ende der Übersetzung