Stammleser des Anti-Spiegel kennen die Geschichte, denn im Zuge der Bidenleaks habe ich 2020 ein Interview mit Alexander Onischenko geführt, der nach dem Maidan einige Zeit die rechte Hand des ukrainischen Präsidenten Poroschenko gewesen ist. Da das Interview für Nicht-Kenner der Ukraine schwer verständlich war, habe ich in einer mehrteiligen Serie die Hintergründe erklärt, den ersten Teil der Serie finden Sie hier.

„Europäisches“ Gas, das nie in Europa war

Die Ukraine hat 2014 verkündet, kein russisches Gas mehr zu kaufen, sondern stattdessen Gas aus Europa zu beziehen. Dabei handelt es sich in Wahrheit aber ebenfalls um russisches Gas, das die Ukraine seitdem teurer einkauft. Das funktioniert folgendermaßen: Ein europäischer Gasimporteur kauft das russische Gas und der ukrainische Gasversorger Naftogas kauft es dem europäischen Importeur ab, wodurch das Gas natürlich zwangsläufig teurer wird, als wenn die Ukraine es direkt bei Gazprom kaufen würde.

Das Gas selbst erreicht Europa nicht, es wird bereits in der Ukraine aus der Transitpipeline in das ukrainische Gasnetz abgezweigt und auf dem Papier zu „europäischem“ Gas umdeklariert, da es von einer in Europa ansässigen Firma gekauft wird. Diesen Prozess der virtuellen Umleitung des Gases aus Europa (wo es nie gewesen ist) in die Ukraine nennt man Reversgas.

In der – selbst im Westen unbestritten – hochgradig korrupten Ukraine ist dieser Gasrevers eine wichtige Verdienstquelle. Laut Onischenko (und die Gaspreise in der Ukraine bestätigen seine Aussagen) berechnen die in Europa ansässigen Firmen für die Umdeklarierung des Gases von russischem in „europäisches“ Gas bis zu 100 Dollar pro 1.000 Kubikmeter Gas. Es ist also ein Milliardengeschäft, an dem – das kann jeder nachrechnen, indem man den jährlichen Gasverbrauch der Ukraine mit 100 Dollar pro 1.000 Kubikmeter multipliziert – jedes Jahr Milliarden verdient werden.

Ungarn hat Ende September gemeldet, dass es einen neuen Vertrag mit Gazprom abgeschlossen hat, demzufolge Ungarn kein Gas mehr über die Ukraine bezieht, sondern ab 1. Oktober sein Gas über die neue türkische Pipeline bezieht, die Russland und die Türkei gerade fertiggestellt haben. Damit bezieht Ungarn seit dem 1. Oktober kein russisches Gas mehr aus dem ukrainischen Transit.

Da die Ukraine aber aus eben diesem Gas den Großteil dessen abgezapft hat, was die Ukraine selbst benötigt, muss die Ukraine nun neue Verträge abschließen und Gas aus dem Mengen entnehmen, die durch den ukrainischen Transit nach Polen, Rumänien und in die Slowakei gehen, was natürlich auch teurer ist als das Gas direkt bei Gazprom zu bestellen. Darüber habe ich bereits im Detail berichtet, den Artikel finden Sie hier.

In Russland schüttelt man schon lange nur noch den Kopf über die Politik in Kiew, denn die chronisch bankrotte Ukraine gibt damit bis zu 30 Prozent mehr für Gas aus, als sie müsste. Um aufzuzeigen, wie in Russland darüber berichtet wird, habe ich einen Beitrag des russischen Fernsehens über das Thema übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Der Wunsch der Ukraine, russisches Gas weiterhin nicht direkt, sondern im Wege des Reverse-Flow zu beziehen, ist überraschend. Deshalb ist das Gas für die Ukrainer 20 bis 30 Prozent teurer, sagte der stellvertretende russische Ministerpräsident Aleksandr Novak in der Sendung „Nachrichten am Samstag“ mit Sergej Brilev auf dem Fernsehsender Rossiya 1.

„Es stellt sich die Frage, warum Sie das Gas nicht direkt aus der Russischen Föderation beziehen, das gleiche Gas, das Sie aus dem Transit entnehmen, und dementsprechend 20 bis 30 Prozent mehr dafür bezahlen. Nun, das ist überraschend“, bemerkte Novak.

Nachdem sich die Ukraine geweigert hat, russisches Gas direkt von Gazprom zu kaufen, erhält sie seit 2014 Gas aus dem russischen Transitfluss in die EU, und zwar in umgekehrter Weise: Kiew bezahlt europäische Unternehmen für russisches Gas, das es aus seiner Pipeline entnimmt.

Ungarn erhält seit dem 1. Oktober Gas aus Russland über Turkish Stream, vorbei an der Ukraine. Dies sei die rentabelste Option, sagte die oberste Managerin des Betreibers des ukrainischen Gastransportsystems, Olga Belkova. Daher wird Kiew seine Käufe von russischem Transitgas, das über die Ukraine an Polen, die Slowakei und Rumänien geliefert wird, erhöhen müssen. Russisches Gas, das durch die Ukraine geleitet wird, wird von diesen Ländern im Rahmen langfristiger Verträge gekauft, aber Kiew wird es zurückkaufen und aus seiner eigenen Transitpipeline entnehmen.

Ende der Übersetzung