Merkels Abschiedstour zu Putin und Selensky – Teil 2
Warum Merkel diese Abschiedstour gemacht hat, ist nicht wirklich ersichtlich, denn es wurden keine schriftlichen Abkommen geschlossen. Da Merkel in wenigen Wochen durch einen Nachfolger ersetzt wird, dürfte sie keine allzu wichtigen Absprachen für die Zukunft getroffen haben, denn ob ihre Nachfolger sich an solche hinter verschlossenen Türen getroffenen mündlichen Absprachen halten wird, ist mehr […]
Warum Merkel diese Abschiedstour gemacht hat, ist nicht wirklich ersichtlich, denn es wurden keine schriftlichen Abkommen geschlossen. Da Merkel in wenigen Wochen durch einen Nachfolger ersetzt wird, dürfte sie keine allzu wichtigen Absprachen für die Zukunft getroffen haben, denn ob ihre Nachfolger sich an solche hinter verschlossenen Türen getroffenen mündlichen Absprachen halten wird, ist mehr als fraglich. Vor allem, wenn es kein Nachfolger wird, sondern eine Nachfolgerin Baerbock.
Ich vermute daher, dass Merkel nach ihrem Besuch bei US-Präsident Biden in Washington Dinge hinter verschlossenen Türen besprochen, die sie persönlich und nicht telefonisch mit Putin und Selensky besprechen wollte. Es hat mich ein wenig an Merkels Pendeldiplomatie 2015 erinnert, als sie eine knappe Woche zwischen Washington, Moskau und Kiew hin und her geflogen ist, um die Verhandlungen über das Minsker Abkommen zu erreichen.
Daher habe ich nicht sofort über Merkels Besuche in Moskau und Kiew berichtet, denn ich hatte gehofft, dass die Pressemeldungen vielleicht irgendeinen Hinweis darauf geben, worum es wirklich ging. Natürlich wurden die offiziell genannten Themen besprochen, das waren in Moskau vor allem Afghanistan, die Ukraine, Nord Stream, Weißrussland, Navalny und noch einige andere und in der Ukraine ging es auch um Nord Stream und um die Forderungen Kiews, Deutschland solle endlich Waffen und Kriegsschiffe an die Ukraine liefern.
Aber ich vermute, es gab da auch Themen, über die nicht öffentlich berichtet wurde, denn ansonsten wären diese Reisen nicht nötig gewesen, zumal Merkel mit Selensky anscheinend sowieso nicht gut kann, denn sie trifft ihn weitaus seltener, als seinen Vorgänger Poroschenko. In Kiew hat sie Selensky noch nie besucht, was ein weiterer Grund für meine Vermutung ist, dass es bei den Gesprächen um mehr ging, als offiziell mitgeteilt wurde.
Da ich aber keine Hinweise darauf gefunden habe, worum es dabei gehen könnte, habe ich beschlossen, die Berichte des russischen Fernsehens über die beiden Besuche Merkels zu übersetzen. Die deutsche Berichterstattung ist den Lesern des Anti-Spiegel bekannt, daher zeige ich hier in zwei Teilen, wie in Russland berichtet wurde. Den ersten Teil über Merkels Besuch in Moskau finden Sie hier, dies ist Teil 2 mit dem russischen Bericht über Merkels Besuch in Kiew.
Beginn der Übersetzung:
Nicht nur, dass Angela Merkel selbst nicht an der Veranstaltung zur Feier der ukrainischen Unabhängigkeit teilnahm, sie ließ auch ihren Außenminister nicht hin. Selensky wurde beruhigt: Es lag nicht an ihm, es lag an Afghanistan.
Vor ihrem Besuch in Kiew hatte sich Merkel bereits zu all den Themen geäußert, über die sich Selensky Sorgen machte. Aber er hat versucht, ihr die Fragen erneut zu stellen. Einige von ihnen provozierten die Kanzlerin sogar, zum Beispiel das Betteln um Waffen. Aber Merkels politische Erfahrung und Selenskys Erfahrung sind, wie man in Odessa sagt, zwei große Unterschiede. Am Ende war der ukrainische Präsident während der Pressekonferenz ein wenig blass. Und am Ende blieb die Bundeskanzlerin nicht nur nicht zur Show zu Ehren der ukrainischen Unabhängigkeit, sie ließ nicht einmal ihren Außenminister hin. Selensky wurde beruhigt: Es liegt nicht an ihm, sondern an Afghanistan.
Der Kiewer Bürgermeister Klitschko versuchte, Merkel direkt am Flugzeug zu treffen, aber der Sicherheitsdienst des Flughafens ließ ihn nicht hinein. (Anm. d. Übers.: Selensky und Klitschko sind sich schon länger Spinne Feind und nun hat Selensky angeordnet, Klitschko als Kiewer Bürgermeister abzusetzen. Früher hat Klitschko, der vor dem Maidan von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert, ausgebildet und unterstützt wurde, Merkel immer am Flughafen in Kiew empfangen)
Merkel wurde vorgeschlagen, den modernen ukrainischen Helden, die am Maidan teilgenommen hatten, ihre Aufwartung zu machen, aber die Kanzlerin legte Blumen am Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs nieder. Und erst dann kam sie in den Mariinsky-Palast, um Selensky zu sehen. Ein kurzes Arbeitstreffen und eine gemeinsame Pressekonferenz zum Abschluss, bei der die Staats- und Regierungschefs nicht unisono sprachen.
„Ich habe über Nord Stream 2 gesprochen. Ich denke, es ist eine Waffe. Und die Tatsache zu ignorieren, dass es sich um eine gefährliche Waffe nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa handelt, ist falsch“, sagte Selensky.
„Zu den von Herrn Selensky geäußerten Bedenken ist zu sagen, dass Nord Stream 2 nicht nur ein deutsch-russisches Projekt ist. Es gibt Unternehmen aus den Niederlanden, aus Frankreich – es ist ein europäisch-russisches Projekt. Und es entspricht der europäischen Gesetzgebung“, sagte Merkel. Es gab diplomatische Zusicherungen der Unterstützung durch Deutschland, aber sobald es, sagen wir, um mögliche Waffenlieferungen an die Ukraine ging, kam sofort ein höfliches, aber entschiedenes „Nein“.
„Wir haben uns an das Vereinigte Königreich gewandt und haben dort Unterstützung erhalten. Wir haben uns an die Vereinigten Staaten gewandt, und am 31. August werde ich dieses Thema mit Präsident Biden während meines Besuchs in den USA eingehend erörtern. Deshalb haben wir auch die deutsche Regierung um Waffen gebeten. Aber wir haben Absagen erhalten“, sagte Selensky.
„Was die Waffenlieferungen betrifft, so habe ich mich damit nicht im Einzelnen befasst. Die Deutschen sind als NATO-Mitglieder bereit, sich an gemeinsamen Manövern zu beteiligen. Aber wir haben keine konkreten Vorschläge“, betonte Merkel.
(Anm. d. Übers.: Die neueste Idee von Selensky ist es, dass die Ukraine in zehn Jahren eine mächtige Flotte haben soll. Dafür bettelt er derzeit in allen Staaten des Westens um moderne Schiffe. Allerdings hat er bisher nur ausgemusterte Schiffe der US-Küstenwache bekommen. Die Briten haben den Bau neuer Schiffe angeboten, aber die Ukraine kann die dafür nötigen Milliardenkredite nicht aufbringen und sucht nun nach Möglichkeiten der Finanzierung.)
Merkel ist weder zum Unabhängigkeitstag noch zum Treffen der von Selensky erfundenen „Krim-Plattform“ in Kiew geblieben. Nicht einmal der Außenminister wird kommen, und Deutschland wird nur durch den Wirtschaftsminister vertreten sein – es gibt nicht viele Leute, die bereit sind, über das Schicksal der Krim zu diskutieren.
(Anm. d. Übers.: Die „Krim-Plattform“ ist eine Konferenz, die nun begonnen hat. Die Idee ist vom britischen MI6, dessen Chef sie Selensky bei einem London-Besuch angetragen hat. Dabei will die Ukraine viele Staaten versammeln, die Druck auf Russland ausüben, damit die Krim zurück an die Ukraine geht. Allerdings sind die Erwartungen nicht erfüllt worden, denn kaum eine Regierung hat wichtige Vertreter geschickt, Regierungschefs oder Außenminister sucht man praktisch vergeblich, obwohl die Ukraine sie eingeladen hat. Sollte bei der Konferenz etwas Interessantes passieren, werde ich darüber berichten)
„Sie ist nicht die Perle des ukrainischen Landes, sie ist die Perle am Meer. Heute ist sie eine militarisierte Insel. Und sie sieht aus wie ein Flugzeugträger der Russischen Föderation. Mit der täglichen Zunahme der Rüstung nimmt auch die Zahl der einheimischen Bevölkerung ab. Es gibt eine Verringerung der ökologischen und touristischen Attraktivität“, meint Selensky.
Zur gleichen Zeit flog Selensky selbst mit einem Kampfhubschrauber von Odessa zur Schlangeninsel, wo er dieses Interview gab, während hundert Meter entfernt zur gleichen Zeit eine Spezialeinheit der Armee trainierte.
Am Unabhängigkeitstag will Selensky eine Parade veranstalten, wie sie das Land noch nicht gesehen hat: Er will allen die ukrainische Militärmacht zeigen, aber die Panzer springen bei den Proben nicht immer an. Und die aus Schweden mitgebrachten historischen Reliquien, der Streitkolben von Hetman Mazepa und die Verfassung von Hetman Orlyk, werden von Gelehrten als Fälschungen angesehen. Das Originaldokument in russischer Sprache wird im Russischen Staatsarchiv für Alte Akten aufbewahrt, und Akademiker Tolotschko, der bedeutendste zeitgenössische ukrainische Historiker, kennt den Text.
„Er bittet Karl, Moskau für alles, was es uns angetan hat, zur Rechenschaft zu ziehen. Ist es nicht das gleiche, was Selensky jetzt von den Vereinigten Staaten verlangt? Verhängen Sie einfach Sanktionen gegen diese Moskauer, damit sie uns den Gastransit erstatten können. Es ist dasselbe! Dreihundert Jahre sind vergangen, aber die Psychologie ist dieselbe“, sagt Tolotschko.
Um diese fragwürdigen Artefakte herum fand heute ein Gottesdienst statt, zu dem Patriarch Bartholomäus, der Vater des ukrainischen Schismas, aus Istanbul eingeladen war. Die Diözesen der kanonischen orthodoxen Kirche haben im Voraus angekündigt, dass sie nicht an den Feierlichkeiten mit ihm teilnehmen werden. Die Gläubigen protestieren im ganzen Land. Auch viele ukrainische Politiker sprachen sich dagegen aus: „Wir sind für die Einheit der Orthodoxie, wir verurteilen das Schisma, wir verurteilen die Methoden, mit denen sie jetzt versuchen, Kirchen zu beschlagnahmen und Gemeinden zu spalten.“ Allein für diese Aussage soll der Sender Nash TV nun geschlossen werden. Durch einen weiteren Beschluss des ukrainischen Sicherheitsrates wurden russischsprachige Blogger und Portale gesperrt. Es wird auch vorgeschlagen, die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats zu verbieten.
(Anm. d. Übers.: Über das Schisma, die Kirchenspaltung in der Ukraine, ist in Deutschland nur wenig bekannt. Poroschenko hatte sie seinerzeit ausgelöst und eine ukrainische Kirche gegründet, die vom Moskauer Patriarchat unabhängig sein sollte. Damit das nach dem orthodoxen Kirchenrecht funktioniert, wurde sie dem orthodoxen Patriarchat von Bartholomäus unterstellt. Bartholomäus ist der Patriarch von Konstantinopel, also aus der Türkei. Das ist zwar heute eine unbedeutende Kirche, aber nach orthodoxem Recht ist sie formal noch mächtig. Im Ergebnis gab es Unruhen im Land und nun untersteht die neue ukrainische Kirche nicht mehr Moskau, sondern dem Patriarchen aus der Türkei. Weil das Thema kompliziert ist und in der deutschen Berichterstattung keine Rolle und spielt und daher in Deutschland weitgehend unbekannt ist, habe ich es auch nur am Rande erwähnt, Beispiele finden Sie hier und hier.)
„Man muss diese feindliche Kirche aus dem Land werfen, die den Menschen die Gehirne wäscht und wie eine Klobürste in der Kloschüssel alles aufwühlt. Das ist eine Frage der nationalen Sicherheit.“
Dieser Mann mit dem engen T-Shirt in den Farben der amerikanischen Flagge ist eines der wichtigsten Sprachrohre des krimtatarischen Separatismus, Muzhdabayev, aber seine Position deckt sich nun in der Ukraine mit der des Staates. Im Schutze der Dunkelheit, bevor die Demonstranten die Strecke säumten, wurde der Gast aus der Türkei von Präsident Selensky empfangen
Selensky ordnete an, dass zum Jahrestag in allen regionalen Zentren riesige Fahnenmasten aufgestellt werden sollten, doch in Cherson fiel der Mast um und stürzte ausgerechnet auf das Auto des für den Bau verantwortlichen Beamten.
„Ein Staat, der ohne Fundament gebaut wird, weil wir alles aufgeben, erinnert mich an deine Pflanzenart, die wir in der Ukraine haben, die Steppenhexe. Das ist ein grüner Ball, im Herbst fallen die Blätter ab und der Ball fällt von seiner Wurzel. Und der Wind treibt ihn hierhin und dorthin“, sagt Tolotschko.
Auf den Feldern in der Nähe von Winnyzja wurde Senf in Form des Staatswappens gesät, es sollte das größte Staatswappen der Welt werden, um alle mit seiner Kombination aus gelben Blüten und blauem Himmel zu beeindrucken. Aber die Pflanzen hatten nicht genug Zeit, um zu erblühen, und das Rekordwappen ist immer noch grün und vor dem Hintergrund auf dem Feld kaum zu erkennen.
Alles muss man selbst machen. Im national bestickten Hemd machte Selensky dreißig Liegestütze am Stufenbarren, um den dreißigsten Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit zu feiern.
Ende der Übersetzung
Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.