Die Hauptargumente der Gegner von Nord Stream 2 sind, dass die EU erstens in eine Abhängigkeit von russischem Gas gerät und dass die Pipeline zweitens die Ukraine umgeht und das Land auf Sicht seine Rolle als Transitland für russisches Gas und die damit verbundenen Milliardeneinnahmen verliert. Inzwischen wurde das südliche Gegenstück zu Nord Stream 2 fertiggestellt, das russisches Gas über die Türkei nach Südeuropa bringt. Aber merkwürdigerweise blieb der große politische und mediale Aufschrei, der Nord Stream 2 seit Jahren begleitet, aus.

Die Ukraine als Gas-Transitland

Die ukrainische Pipeline versorgt seit Jahrzehnten Südeuropa mit russischem Erdgas. Bevor Nord Stream 1 fertiggestellt wurde, wurde Mitteleuropa durch die weißrussische Pipeline mit Gas versorgt, heute kommt das Gas für Mittel- und Westeuropa auch über Nord Stream und weil die Nachfrage nach Gas in Europa steigt, wird Nord Stream 2 gebaut.

Man sieht daran, dass zumindest das Argument, Nord Stream 2 gefährde die Rolle der Ukraine als Gas-Transitland, unwahr ist, denn das Gas von Nord Stream 1 und 2 geht zum aller größten Teil an andere Abnehmerländer als das Gas, das über die Ukraine nach Europa kommt. Die neue Pipeline Turk Stream, die russisches Gas über die Türkei nach Südeuropa bringt, hat hingegen das Potenzial, der ukrainischen Pipeline Konkurrenz zu machen.

In der Vergangenheit waren die südeuropäischen Länder immer wieder Geiseln im Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. Die Ukraine hat früher oft viele Monate ihre Rechnungen nicht bezahlt und wenn Russland die Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt hat, bis die Ukraine ihre Rechnungen begleicht, dann hat die Ukraine trotzdem Gas aus der Pipeline gepumpt, welches den südeuropäischen Ländern dann gefehlt hat. Die Ukraine hat im Januar 2010 den Gastransit sogar für einige Tage komplett eigestellt, was in Bulgarien zu Ausfällen der Heizung geführt hat. Die Chronologie der Gaskonflikte finden Sie hier.

Energiesicherheit für Südeuropa

Die südeuropäischen Länder haben also allen Grund, eine Alternative für die ukrainische Pipeline zu suchen. Nicht, weil sie die ukrainische Pipeline nicht mehr nutzen wollen, sondern schlicht, um aus der „Geiselhaft“ herauszukommen, in der sie sich alle paar Jahre wiederfinden, wenn Russland und die Ukraine neue Tranitverträge aushandeln. In den letzten Jahrzehnten ist es dann immer zu mehr oder weniger ernsten Problemen bei der Gasversorgung Südosteuropas gekommen.

Vor knapp zehn Jahren hatte Bulgarien die Idee, eine Pipeline durch das Schwarze Meer bei sich anlanden zu lassen, um russisches Gas direkt zu beziehen und an dem Gastransit in seine Nachbarländer zu verdienen. Für das kleine und arme Land waren die Einnahmen aus dem Gastransit eine wichtige Einnahmequelle. Aber die EU stellte sich quer und auf Druck aus Brüssel wurde das Projekt abgeblasen.

Der große Gewinner ist die Türkei

Der große Gewinner war die Türkei, die sich danach sofort mit Gazprom auf den Bau von Turk Stream geeinigt hat. Die Pipeline wurde 2020 fertiggestellt und inzwischen sind Bulgarien und andere Länder der Region an die Pipeline angeschlossen. Allerdings verdient nun die Türkei den Löwenanteil am Gastransit und nicht Bulgarien.

Turk Stream wurde planmäßig verlängert und auch Ungarn und Serbien sind jetzt an die Pipeline angeschlossen, womit auch diese Länder nun aus der Abhängigkeit von der Ukraine und ihrer Streitereien mit Gazprom befreit wurden.

Im Gegensatz zu Nord Stream 2 hat Turk Stream jedoch kaum Schlagzeilen gemacht und ich bin sicher, dass die meisten Menschen in Deutschland nicht einmal von der Pipeline gehört haben. Das wirft Fragen auf: Warum ist der Druck auf Nord Stream 2 so gewaltig, während Turk Stream fast geräuschlos gebaut und in Betrieb genommen wurde, obwohl auch diese Pipeline dafür sorgt, dass mehr russisches Gas in die EU kommt und vor allem, weil Turk Stream – im Gegensatz zu Nord Stream 2 – tatsächlich eine potenzielle Gefahr für die Ukraine ist, weil Turk Stream die Länder beliefert, die bisher von der ukrainischen Pipeline abhängig waren.

Da die Nachfrage nach Erdgas in Europa wächst, hat niemand ein Interesse daran, die ukrainische Pipeline zu schließen. Aber bei den Verhandlungen über den nächsten Gastransit-Vertrag wird die Verhandlungsposition der Ukraine schwächer sein als in der Vergangenheit. Früher hat die Ukraine die Abhängigkeit der europäischen Abnehmer als Druckmittel genutzt, um für sich bessere Konditionen auszuhandeln. Das dürfte nun der Vergangenheit angehören.

Über die Fertigstellung der Anbindung von Serbien und Ungarn hat das russische Fernsehen berichtet und ich habe den kurzen Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Serbien und Ungarn stellen Gaspipeline unter Umgehung der Ukraine fertig

Die Verbindungs-Gaspipeline zwischen Serbien und Ungarn ist fertiggestellt. Über sie wird Ungarn russisches Gas nicht über die Ukraine, sondern über die Turk Stream-Gaspipeline im Schwarzen Meer beziehen können.

Der Teil der Verbindungsleitung zwischen Serbien und Ungarn, der es Ungarn ermöglicht, russisches Gas nicht über die Ukraine, sondern über die Gaspipeline Turk Stream aus dem Schwarzen Meer zu beziehen, wurde fertiggestellt. Die serbische Firma Srbijagas und die ungarische FGSZ stellten den Bau fertig.

Der „goldene“ Knotenpunkt der Gaspipeline an der Grenze zwischen den beiden Ländern wurde verschweißt. Die Gaslieferungen über die neue Route sollen zu Beginn des neuen Gasjahres am 1. Oktober beginnen, berichtete Interfax.

Turk Stream transportiert russisches Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei und weiter nach Südeuropa. Die Pipeline wurde im Januar 2020 in Betrieb genommen, die ersten, die Gas durch sie erhalten haben, waren die Türkei, Bulgarien, Griechenland, Mazedonien und Rumänien. Seit Anfang dieses Jahres erhalten sowohl Serbien als auch Bosnien und Herzegowina Gas über die neue Route. Später soll das Erdgas aus Turk Stream über Serbien nach Ungarn und Österreich geleitet werden.

Die erste Etappe der Verbindung zwischen Serbien und Ungarn umfasst den Bau eines 15 Kilometer langen Leitungsteils mit einer Jahreskapazität von 6 Milliarden Kubikmetern. Der Ausbau des Interkonnektors auf eine Kapazität von 8,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr wurde von Oktober 2022 auf Oktober 2023 verschoben: Mitte 2020 verloren ungarische Gasproduzenten und Beamte aus Angst vor US-Sanktionen Zeit. Im vergangenen Jahr erhielt Ungarn 8,637 Milliarden Kubikmeter russisches Gas.

Ende der Übersetzung