Im Spiegel ist am 8. Februar ein Artikel erschienen, in dem der Molekularbiologe Enrico Bucci, der den russischen Impfstoff schon früher kritisiert hat, die aktuelle Studie über Sputnik-V aus The Lancet kritisiert. Dazu hat mir jemand vom Fach eine Mail geschrieben, deren Inhalt ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Als ich den Spiegel-Artikel mit der Überschrift „Kritik an russischem Impfstoff – Zahlendreher, fehlende Daten, verschwundene Probanden“ gesehen habe, da musste ich fast lachen, denn dass der Spiegel nicht aus seiner Haut kann und den russischen Impfstoff weiterhin kritisiert, auch wenn The Lancet ihm in allen Bereichen Bestnoten gegeben hat, war zu erwarten. Leider bin ich aber kein Experte auf dem Gebiet und wollte daher selbst nicht über den Artikel schreiben.

Mir war von vornherein klar, dass der Artikel Unsinn ist, denn Julia Merlot hat daran mitgearbeitet und von ihr habe ich bisher kaum intelligente Artikel gesehen, sie ist beim Spiegel anscheinend für die Werbung für Pharma- und chemische Industrie zuständig. Von ihr erfahren wir viele interessante Dinge, zum Beispiel, dass Tierversuche eigentlich ganz niedlich sind. Wenn Sie „Merlot“ in die Suchfunktion des Anti-Spiegel eingeben, finden Sie einige der Weisheiten, mit denen Frau Merlot die Spiegel-Leser beglücken durfte.

Dass Frau Merlot gegen den russischen Impfstoff meckern würde, habe ich erwartet, denn er hat ja den großen Nachteil, dass er den westlichen Pharmakonzernen, für die Frau Merlot im Spiegel immer die Werbetrommel rührt, Konkurrenz macht. Schließlich geht es um einen Milliarden-Markt.

Nun bekam ich eine Mail von einem Leser, der mich gebeten hat, seinen Namen und sogar sein Geschlecht nicht zu veröffentlichen. Ich schreibe der Einfachheit „Leser“ und „Arzt“, aber es könnte auch eine Leserin sein, die Ärztin ist. In der Mail schreibt der Leser über sich:

„Kurz zu meiner Person, ich bin Arzt, spezialisiert auf klinische Arzneimittelentwicklung und Arzneimittelsicherheit. Ich verstehe also wirklich etwas davon und bin seit über 30 Jahren im Beruf.“

Der Leser ist mit dem, was Herr Bucci schreibt und was der Spiegel zitiert, absolut nicht einverstanden und geht auf die Kritik des Herrn Bucci Punkt für Punkt ein. Das wollen wir nun durchgehen. Ich werde die Kritik im Spiegel und die Antworten des Lesers vollständig zitieren und jeder kann sich dazu eine Meinung bilden oder die Aussagen bei Bedarf überprüfen. Der Leser hat mir auch die Links zu den Original-Dokumenten geschickt, die Bucci kritisiert und auf die der Leser in seinen Antworten verweist. Den Download-Link zum Lancet-Artikel finden Sie hier, das ebenfalls zitierte Dokument „mmc1“ (Anhang) finden Sie hier. Bei Bedarf kann jeder die Kritik von Bucci und die Antworten des Lesers überprüfen.

Der Spiegel nennt sechs Kritikpunkte an dem russischen Impfstoff, der erste lautet:

„Es bestehe ein grober Mangel an Transparenz. Wissenschaftler, darunter laut Bucci auch aus Russland, hätten weiterhin keinen Zugang zu den Rohdaten der Impfstoffentwicklung. Als Antwort hätten sie bekommen, dass eine »Sicherheitsabteilung« die Anfragen prüfen wird. Das bestätigen auch russische Mediziner dem SPIEGEL. Ein solches Verhalten sowohl vonseiten des staatlichen Gamaleja-Forschungszentrums für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau als auch von »The Lancet« sei »empörend«, so Bucci.“

Die Antwort des Lesers darauf lautet:

„Mangel an Transparenz und Zugang zu Rohdaten: Gegenfrage: Hatte irgendjemand – außer den Behörden, deren Aufgabe es ist – Zugang zu den Rohdaten für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca? Nein. Ist auch nicht üblich und war es auch noch nie. Das Verhalten ist nicht empörend, sondern business as usual. Das Geschrei möchte ich hören, wenn ich bei Biontech die Rohdaten ihrer Phase III-Studie anfragen würde.“

Der zweite Kritikpunkt im Spiegel lautet:

„Es seien bisher vier Todesfälle infolge einer Sputnik-Impfung gemeldet worden. Details zu den Umständen gebe es aber nur von zwei Personen.“

Die Antwort des Lesers ist:

„Todesfälle: Es stimmt, dass vier Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung gemeldet worden sind. Die Formulierung „… infolge einer Sputnik-Impfung …“ suggeriert allerdings einen ursächlichen Zusammenhang. Es ist auch falsch, dass es zu den Todesfällen nur zu zwei Fällen nähere Angaben gibt. Die zwei Fälle, zu denen detaillierte Angaben existieren, sind Patienten, die an Covid-19 kurz nach der Impfung erkrankt sind (Siehe mmc1). Der dritte Fall in der Vaccin-Gruppe starb an einer Wirbelsäulenfraktur (steht im Artikel). Der Todesfall in der Placebogruppe war ein Schlaganfall. Keiner der Todesfälle ist also tatsächlich DURCH die Impfung verursacht (Ich hätte gern genauso klare Daten für die vielen Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang zu dem Biontech/Pfizer-Impfstoff.)“

Der dritte Kritikpunkt im Spiegel lautet:

„Es gebe Ungereimtheiten bei der Anzahl der Probanden: Im »Lancet«-Beitrag würden zwei Zahlen genannt: An einer Stelle gab es 21.977 Studienteilnehmer, an anderer Stelle seien wieder 21.862 Teilnehmer aufgeführt.“

Die Antwort des Lesers lautet:

„Patientenzahlen: Es steht alles im Trial Profile (Abbildung 1 in der Originalarbeit) … 21.977 Probanden wurden eingeschlossen und randomisiert, aber nur 21.862 Probanden wurden nach der 1. Impfung in der Studie weiter betreut. Warum Probanden ausgeschlossen wurden, steht im Trial Profile. DAS IST NORMAL … und ein „Verlust“ von 115 Probanden/Patienten aus einer Studie bei einer Endzahl in diesem Bereich ist vernachlässigbar, schon gar, wenn man sagen kann, warum die Probanden ausgeschlossen wurden. … seine Endzahldiskussion würde er auch nicht führen, wenn er ordentlich gelesen hätte. Das hat mit Datenlocks und auch damit zu tun, wer wann in die Auswertung einbezogen wird. Auch das ist ganz normales Vorgehen in einer sauber geplanten (und durchgeführten) klinischen Studie … egal ob Pflanzenauszug, chemisch definierte Schmerztablette, Krebsmedikament oder Impfstoff.“

Der vierte und fünfte Kritikpunkt im Spiegel lauten:

„Es tauchten Fragen bei der Berechnung der Wirksamkeit auf: So hätten 15 Prozent der Teilnehmer in der Placebogruppe am 42. Tag Antikörper gebildet. Sehr wahrscheinlich hätten sie sich in der Zeit angesteckt und einen asymptomatischen Verlauf von Covid-19. Unklar ist, ob das mit in die Berechnungen einfloss.
Außerdem sei ungeklärt, warum die Zahl der Probanden der »Impfgruppe« in den Zwischenstudien weitaus höher ist als im Abschlussbericht bei »The Lancet«.“

Darauf antwortet der Leser:

„Antikörper als Zielkriterium: Sie sind sekundäres Zielkriterium. Das Hauptzielkriterium war, wie auch bei Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca, die Verhinderung von Covid-19. Das ist übrigens auch eine WHO-Forderung.
Antikörper in der Placebo-Gruppe: Auch hier hätte es geholfen, wenn Herr Bucci ordentlich gelesen hätte. Diese Frage ist in der Diskussion besprochen worden. Natürlich resultieren Antikörper bei jemandem aus der Placebogruppe aus einem Erregerkontakt mit dem Wildtyp. Der Rest von Bucci ist Gelaber.“

Und der sechste Kritikpunkt im Spiegel lautet:

„Im »Lancet«-Bericht gebe es zudem Zahlendreher bei den Teilnehmern, die sich trotz Sputnik-Impfung mit Covid-19 infizierten: So hätten sich laut den »Findings« der Studie nach 21 Tagen nur 16 von rund 15.000 Probanden angesteckt, an anderer Stelle des Papers seien es in dieser Gruppe plötzlich 61 Covid-Fälle an Tag 20.“

Darauf antwortet der Leser:

„Zahlendreher: Auch hier hätte verstehendes Lesen geholfen. Die Tabellen und Abbildungen sind zwar selbsterklärend, aber eben nicht ganz. … man hätte selbst herausfinden können, dass die Datensätze von unterschiedlichen Datenlocks sein könnten bzw. in dem Kaplan-Meier-Plot (Abb. 2), um den es vermutlich bei Buccis Anwurf geht, auch Daten eingegangen sind, die nicht aus der Auswertung des primären Kriteriums (nachgewiesene Covid-19-Positivität an Tag 21 nach Erstimpfung) waren, was im Ergebnisteil beschrieben ist. Dass sich diese Erklärung an Tabelle 2 und Abbildung 2 nicht wiederholt, ist ein Manko der Publikation, hätte aber ein Reviewer sehen müssen. Dazu gibt’s den ja. Einem selbst ist beim Schreiben sonnenklar, worauf man sich bezieht. Dem Leser dann nicht immer. Wenn man aber viel liest wie ich, kann man es auch ohne Nachhilfe zuordnen.“

Anschließend zitiert der Spiegel noch ausführlich Kritik aus Russland. Die Kritik kommt von kompetenter Stelle, der Spiegel schreibt über den Kritiker:

„Epidemiologe Wassili Wlassow von der Moskauer Higher School of Economics ist eine Ausnahme. »Es ist unglücklich, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft keinen Zugang zu den Rohdaten hat, weil das weiteren Raum für Spekulationen über Datenfälschungen gibt«, heißt es in einer Stellungnahme von Wlassow zum »Lancet«-Report, die dem SPIEGEL vorliegt. Gezeichnet ist die Stellungnahme von der Russian Society for Evidence-Based Medicine, deren Vizepräsident er ist.“

Dazu schreibt der Leser:

„Der Epidemiologe Wlassow, der in dem Spiegel-Artikel zitiert wird, sollte sich bitte mit den Zulassungsregularien in seinem Land befassen. Vor Zulassung gestattet die Behörde niemandem als dem Antragsteller und sich selbst Zugriff auf die Rohdaten. Auch er hätte, was die Probandenzahlen angeht, gründlich lesen sollen. Dass die russische Fachgesellschaft für EbM (evidence-based medicine) im russischen Gesundheitssystem und auch in der medizinischen Forschung Kritikwürdiges und Verbesserungswürdiges findet, ist ihre Aufgabe, die sie mit den deutschen Kollegen vom Netzwerk EbM teilt. Dass die Schutzwirkung und das Problem der möglichen Übertragbarkeit durch Geimpfte noch der Klärung bedarf, sehe ich auch so, aber das gibt es für die anderen Impfstoffe genauso wenig. Wobei diese Frage bei ausreichend hoher Durchimpfung an Bedeutung verliert.“

Der Leser schreibt dann noch:

„Fazit: Der Spiegel versucht sich wieder als propagandistischer Verstärker, ohne sich der Mühe zu unterziehen, einen eigenen Faktencheck durchzuführen. Da der Spiegel als Quelle im Deutschen Ärzteblatt auftaucht, finde ich das doch sehr problematisch.“

Ich bin wie gesagt kein Experte auf diesem Gebiet, weshalb ich mich mit eigenen Kommentaren zurückhalte. Ich habe aber die Angaben meines Lesers so gut überprüft, wie mir das als Laie möglich ist, und lade alle ein, das auch zu tun. Die Dokumente, auf die sich Bucci und mein Leser beziehen, sind oben verlinkt, man kann die Kritik und die Kritik an der Kritik überprüfen.

Zum Schluss schrieb der Leser noch:

„Vielleicht können Sie etwas damit anfangen.“

Ja, das konnte ich und hoffe, dass es – obwohl es eine sehr trockene Materie war – für die anderen Leser genauso interessant war, wie für mich. Vielen Dank für die Mühe!