Der Spiegel meldet in seiner Zusammenfassung der Ereignisse der Nacht vom 10. auf den 11. Juni unter der Überschrift „Osteuropa – Seit Kriegsbeginn etwa 10.000 ukrainische Soldaten getötet, Cholera in Mariupol – das geschah in der Nacht“ eine Cholera-Ausbruch in Mariupol. In der Einleitung des Spiegel-Artikels heißt es:

„Ein Berater Selenskyjs appelliert an den Westen, schneller Waffen und Munition zu liefern. In Mariupol leiden Menschen unter Cholera. Und: Moskau händigt in ukrainischem Gebiet russische Pässe aus. Der Überblick.“

Cholera in Mariupol?

Über den Cholera-Ausbruch schreibt der Spiegel:

„Der Bürgermeister der von russischen Truppen kontrollierten südukrainischen Stadt Mariupol fordert die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz auf, sich für die Einrichtung eines humanitären Korridors einzusetzen, damit die verbliebenen Einwohner die Stadt verlassen könnten. In der Stadt sei die Cholera ausgebrochen. »Es gibt einen Ausbruch von Ruhr und Cholera … Der Krieg, der mehr als 20.000 Menschen das Leben gekostet hat, wird mit diesen Infektionsausbrüchen leider die Leben weiterer Tausender von Menschen in Mariupol fordern«, sagte er im ukrainischen Fernsehen. Die sanitären Anlagen seien zerstört worden. Leichen verwesten in den Straßen.“

Über die Meldung, in Mariupol würde die Cholera grassieren, war ich einigermaßen überrascht. Ich war zweimal in der Stadt und wir sind durch die ganze Stadt gefahren, und wir haben aber sogar schon bei unserem ersten Besuch Mitte April, als noch Kämpfe in der Stadt tobten, keine einzige Leiche in den Straßen oder Hinterhöfen gesehen. Die Leichen sind überall dort, wo die Kämpfe beendet waren, umgehend abtransportiert worden.

Und bei meinem zweiten Besuch in Mariupol vor drei Wochen machte die Stadt trotz der schweren Zerstörungen schon einen recht aufgeräumten Eindruck. Die Trümmer waren bereits zu Haufen zusammengekehrt, in den ersten Stadtteilen gab es wieder Strom und Wasser, auf den Straßen fuhren wieder Autos und Busse, die ersten Tankstellen waren geöffnet und die Schlangen der Autos davor waren nicht lang.

Alina Lipp, die ich bekanntlich gut kenne, hat Mariupol am 9. Juni zum ersten Mal seit einigen Wochen wieder besucht, und sie hat mir erzählt, dass das Leben sich weiter normalisiert und dass Geschäfte sogar in Stadtteilen wieder geöffnet sind, in denen es noch keinen Strom gibt. Auf ihrem Telegram-Kanal hat sie schon die ersten aktuellen Videos hochgeladen und ich kann schon mal teasern, dass es dort in den nächsten Tagen sehr interessante Informationen geben wird, über die ich ebenfalls berichten werde.

Die Aussage, es würden Leichen in den Straßen von Mariupol verwesen, ist schlicht gelogen, wie ich sowohl aus eigener Beobachtung, als auch von vielen anderen Menschen aus erster Hand weiß. Von einem Cholera-Ausbruch weiß in Mariupol niemand etwas. Also muss man sich fragen, woher die Meldung kommt.

Die Herkunft der Meldung

Die Antwort auf die Frage, woher der Spiegel die Meldung hat, findet sich am Ende des Spiegel-Artikels, denn dort wird aufgezählt, auf welche Nachrichtenagenturen sich der Spiegel beruft. Der Spiegel hat nämlich nicht selbst mit dem Bürgermeister von Mariupol gesprochen, vielmehr hat der Spiegel eine Meldung von Reuters übernommen.

Reuters hat über die Aussagen des Bürgermeisters von Mariupol schon am Abend des 10. Juni berichtet und sie ebenfalls in seiner Zusammenfassung der Ereignisse des 10. Juni gebracht. Dort ist folgende Zusammenfassung der Äußerungen des Bürgermeisters zu lesen:

„Cholera und andere tödliche Krankheiten könnten in der südukrainischen Stadt Mariupol Tausende von Menschen töten, da die Leichen dort nicht abgeholt herumliegen und der Sommer wärmeres Wetter bringt, so der Bürgermeister der Stadt.“

In seiner ersten Meldung hat Reuters den Bürgermeister so zitiert:

„“Es gibt einen Ausbruch von Ruhr und Cholera. Das ist leider die Einschätzung unserer Ärzte: dass der Krieg, der mehr als 20.000 Menschen das Leben gekostet hat … mit diesen Infektionsausbrüchen leider noch Tausende von Mariupoliten fordern wird“, sagte er dem nationalen Fernsehen.“

Diese beiden Reuters-Meldungen bilden also offensichtlich die Grundlage der Spiegel-Meldung. Daran, mehrere Meldungen einer Nachrichtenagentur in einem Artikel zusammenzufassen, ist nichts Verwerfliches. Verwerflich wird es hingegen, wenn man entscheidende Informationen einfach weglässt.

Der „Bürgermeister von Mariupol“

Der zitierte Bürgermeister ist gar nicht in Mariupol, er weiß also nicht, was in der Stadt vorgeht. Der Mann hat der Bevölkerung nach dem Beginn der russischen Operation Durchhalteparolen zugerufen, ist selbst aber schon Anfang März aus der Stadt geflohen. Das haben ihm die Menschen in der Stadt ausgesprochen übel genommen, wie mir bei meinem ersten Besuch sehr viele Leute sehr wutentbrannt erzählt haben.

Für die westlichen Medien ist der Mann aber immer noch eine der wichtigsten Quellen, wenn sie über Mariupol berichten. Dabei stört es sie nicht im Geringsten, dass sich die meisten seiner Aussagen über die angebliche Lage in der Stadt danach als frei erfundene Lügen entpuppt haben. Sie zitieren ihn einfach weiter und verschweigen ihren Lesern dabei sogar meistens, dass der Mann gar nicht in Mariupol ist. Reuters hat diese – in meinen Augen nicht unwichtige – Information auch nur in seiner ersten Meldung kurz erwähnt:

„Boitschenko, der außerhalb von Mariupol ist, sagte, die Stadt sei unter Quarantäne gestellt worden.“

Quarantäne und humanitäre Korridore?

Der „Bürgermeister von Mariupol“ fordert laut Spiegel „die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz auf, sich für die Einrichtung eines humanitären Korridors einzusetzen, damit die verbliebenen Einwohner die Stadt verlassen könnten.“ Und Reuters zitiert ihn mit den Worten, die Stadt sei wegen des Cholera-Ausbruchs „unter Quarantäne gestellt worden.“

Aber wie konnten Alina Lipp und andere Journalisten, die ich persönlich kenne, noch am 9. Juni einfach so und ohne Probleme nach Mariupol fahren, sich dort frei bewegen, mit den Menschen sprechen, und die angeblich unter Quarantäne stehende Stadt genauso problemlos wieder verlassen? Und wozu braucht es „humanitäre Korridore“ der UNO und des Roten Kreuzes, wenn die Menschen, die es wollen, Mariupol problemlos mit Bussen verlassen können, die täglich verkehren?

Der „Bürgermeister von Mariupol“ denkt sich all diese Geschichten aus und verbreitet fast täglich neue Unwahrheiten über die Lage in Mariupol, das er vor über drei Monaten fluchtartig verlassen hat. Erinnern Sie sich übrigens noch an den Maidan? Damals war die angebliche Flucht von Präsident Janukowitsch aus Kiew für die westlichen Medien die Rechtfertigung für den „Machtwechsel“, bei dem Janukowitsch unter Bruch der ukrainischen Verfassung gestürzt wurde. Die verfassungswidrige Absetzung eines Präsidenten ist per Definition ein Putsch.

Die westlichen Medien haben sich damals darauf konzentriert, von Janukowitschs angeblicher Flucht aus Kiew zu berichten, wobei Janukowitsch Kiew lediglich für die Teilnahme an einem planmäßig angesetzten Parteitag in Charkiw verlassen hat. Im Falle des „Bürgermeisters von Mariupol“ erwähnen die westlichen Medien in den meisten Meldungen nicht einmal, dass der Mann schon vor über drei Monaten aus der Stadt, für die er sich angeblich so sehr verantwortlich fühlt, geflohen ist.

Der Spiegel übersieht mal wieder Hakenkreuze

An der Reuters-Meldung über die Zusammenfassung der Ereignisse des 10. Juni ist noch etwas sehr bemerkenswert. Zu dem Artikel hat Reuters auch 13 Fotos veröffentlicht. Eines der Fotos zeigt einen Mann, der ein zerschossenes Fahrzeug inspiziert und es trägt die Bildbeschreibung:

„Ein Anwohner inspiziert nach einem Militärschlag inmitten des russischen Angriffs auf die Ukraine am 8. Juni einen beschädigten Lieferwagen in einem Wohngebiet in Charkiw.“

Es ist bemerkenswert, dass der Reuters-Fotograf, der das Bild gemacht hat, keinen Anwohner finden konnte, der keine riesige Hakenkreuz-Tätowierung auf dem Arm trägt. Sind Hakenkreuz-Tätowierungen für den ukrainischen Reuters-Fotografen so normal, dass er sie nicht bemerkt?

Auch Reuters hat sich an dem Foto mit der Hakenkreuz-Tätowierung nicht gestört und verbreitet stattdessen weiterhin, dass es in der Ukraine überhaupt kein Problem mit Neonazis gibt. Und auch die Spiegel-Redaktion scheint sich daran nicht zu stören. Sie nimmt die Reuters-Meldung als Grundlage für ihren Artikel, verschweigt aber die unschönen Bilder, die ebenfalls Teil der Reuters-Meldung sind.

Also nicht vergessen: Neonazis in der Ukraine sind nur russische Propaganda. Aber wieso veröffentlicht Reuters Bilder, die die „russische Propaganda“ bestätigen…?