Die Russland-Sanktionen der EU werden richtig teuer
Vor einigen Tagen habe ich über eine Explosion in einem der größten Terminals zur Verladung von Flüssiggas (LNG) in den USA berichtet. Diese Anlage verflüssigt 20 Prozent des gesamten LNG, das die USA exportieren und auf das die EU-Kommission ihre Hoffnungen für die zukünftige Gasversorgung setzt, seit die EU beschlossen hat, sich möglichst schnell von […]
Vor einigen Tagen habe ich über eine Explosion in einem der größten Terminals zur Verladung von Flüssiggas (LNG) in den USA berichtet. Diese Anlage verflüssigt 20 Prozent des gesamten LNG, das die USA exportieren und auf das die EU-Kommission ihre Hoffnungen für die zukünftige Gasversorgung setzt, seit die EU beschlossen hat, sich möglichst schnell von russischem Gas zu trennen. Ich hatte berichtet, dass die Anlage voraussichtlich für drei Wochen ausfällt, was schon schlimm genug wäre. Nun wurde bekannt gegeben, dass die Anlage bis mindestens September ausfällt und auch danach mindestens bis Jahresende nicht in vollem Umfang arbeiten kann.
Noch weniger Gas für Europa
Es wird gemeldet, dass daher 2,8 Millionen Tonnen LNG weniger aus den USA exportiert werden können. Das entspricht fast vier Milliarden Kubikmeter Erdgas, die auf den Märkten fehlen. Da das LNG aus der betroffenen Anlage zum Größten Teil nach Europa geliefert wurde, fehlt dieses Gas also vor allem in Europa, wo es ohnehin schon zu wenig Gas gibt.
Hinzu kommt, dass auch der Durchfluss durch die für Deutschland so wichtige Pipeline Nord Stream 1 um 40 Prozent reduziert wurde. Schuld daran ist jedoch nicht Gazprom, sondern die westlichen Sanktionen, obwohl der Spiegel in seiner Überschrift seines Artikels zu dem Thema etwas anderes suggeriert. Die Überschrift des Spiegel-Artikels lautet „Angebliche Arbeiten an Nord Stream 1 – Gazprom drosselt Gaslieferungen durch Ostseepipeline um 40 Prozent“ und damit suggeriert der Spiegel, dass Gazprom selbst die Gaslieferungen nach Europa drosselt und die Formulierung „angebliche Arbeiten an Nord Stream 1“ seien daran schuld, trägt das Ihrige dazu bei.
Von „angeblichen Arbeiten“ kann jedoch keine Rede sein, wie man in dem Artikel erfahren kann. Der Spiegel setzt jedoch darauf, dass viele Leser den Artikel gar nicht lesen, sondern dass die Überschrift die gewünschte Wirkung erzielt und die vom Spiegel gewollte und befeuerte anti-russische Stimmung weiter anheizt. Dazu trägt auch die Einleitung bei, die so formuliert ist, dass Gazproms Aussage unglaubwürdig gemacht wird:
„Grund soll eine verzögerte Reparatur sein: Russland will die Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 deutlich reduzieren. Der Betreiber Gazprom macht Siemens für die Probleme verantwortlich.“
In dem Artikel erfährt der Leser dann aber, dass tatsächlich ein Problem vorliegt, denn ein Gasverdichteraggregat ist nicht von der Reparatur zurück nach Russland gekommen, wie Siemens bestätigt. Interessant ist der Grund dafür, den der Spiegel dann auch mitteilt:
„Siemens Energy teilte am Abend mit, eine Gasturbine für einen Verdichter zur Druckerhöhung des Erdgases in der Ostseepipeline werde derzeit in Kanada überholt. »Aus technischen Gründen kann die Überholung dieser aeroderivativen Gasturbinen nur in Montreal durchgeführt werden«, hieß es in der Presseerklärung. »Aufgrund der von Kanada verhängten Sanktionen ist es für Siemens Energy derzeit nicht möglich, überholte Gasturbinen an den Kunden zu liefern. Vor diesem Hintergrund hatten wir die kanadische und deutsche Regierung informiert und arbeiten an einer tragfähigen Lösung.«“
Entgegen dem, was der Spiegel in der Überschrift und der Einleitung seines Artikels suggeriert, ist es also nicht Gazprom, das die Gaslieferungen nach Europa reduziert, sondern es ist Kanada, das wegen seiner Russland-Sanktionen ein entscheidendes Bauteil nicht zurück nach Russland lässt.
Das haugemachte Problem
Die EU-Kommission und die EU-Mitgliedsländer haben den Gasmangel selbst verursacht. Man hätte, wenn man die Gasversorgung in Europa sicherstellen wollte, Nord Stream 2 eine vorübergehende Ausnahmegenehmigung erteilen können, um die Gasspeicher für den nächsten Winter zu füllen. Man hätte auf Kanada einwirken können, damit es solche entscheidenden Bauteile in die Sanktionslisten aufnimmt. Man hätte eine ganze Menge tun können, wie wir gleich sehen werden, denn es gibt noch mehr hausgemachte Probleme.
Hinzu kommt zum Beispiel, dass die Jamal-Pipeline, die russisches Gas über Weißrussland und Polen nach Deutschland pumpt, ebenfalls de facto stillgelegt wurde. Der Grund ist, dass Polen den Import von russischen Gas, und damit auch seine Durchleitung nach Deutschland, eingestellt hat. Seitdem fließt russisches Gas aus Deutschland nach Polen und nicht mehr umgekehrt, wodurch noch weniger Gas in den deutschen Speichern landet.
Wir haben also zwei wichtige Pipelines aus Russland, die betriebsbereit sind, über die die EU und ihre Mitgliedsstaaten aus politischen Gründen aber kein russisches Gas beziehen wollen, aber die Schuld für die Gaskrise und die explodierenden Preise für Strom und Heizung wird von Politik und Medien Russland zugeschoben.
Und als wäre das noch nicht genug, hat Spanien einen Streit mit Algerien angefangen, woraufhin Algerien, das Spaniens Gasversorger ist, die Lieferverträge gekündigt hat.
Da hilft es auch nicht, dass die EU in aller Eile einen Liefervertrag für Gas mit Israel und Ägypten abgeschlossen hat, zumal nicht einmal bekannt gegeben wurde, um welche Mengen es sich handelt und wann der Lieferbeginn sein soll.
Und auch noch Milliardenkosten
Die deutsche Bundesregierung war so intelligent, die deutsche Gazprom-Tochter, die einen großen Teil des deutschen Gases importiert, unter staatliche Zwangsverwaltung zu stellen und damit de facto zu enteignen. Das Bundeswirtschaftsministerium, das von dem Kinderbuchautor Robert Habeck geführt wird, hat diesen „schlauen Schachzug“ damit begründet, dass man so die rechtzeitige Füllung der deutschen Gasspeicher vor der nächsten Heizsaison sicherstellen wollte.
Das Gegenteil ist passiert, denn Gazprom hat daraufhin begonnen, seiner ehemaligen Tochtergesellschaft Gas nicht mehr zu Vorzugspreisen, sondern zu Marktpreisen zu verkaufen. Dadurch ist die, nun vom Wirtschaftsministerium des Superministers Habeck geleitete, Firma in finanzielle Schieflage geraten und muss mit einem Sonderkredit aus Steuermitteln von bis zu zehn Milliarden Euro gestützt werden. Eine Rückzahlung des „Kredits“ ist unwahrscheinlich, stattdessen soll das Geld in Eigenkapital umgewandelt werden.
Im Klartext bedeutet das, dass die Bundesregierung, die eine Erhöhung der Mindestrenten, die nur zwei bis drei Milliarden kosten und über den Konsum wieder in die Wirtschaft fließen würde, zu teuer findet, kein Problem damit hat, zehn Milliarden sinnlos aus dem Fenster zu werfen, um Russland zu schaden.
Das könnte man ja noch sinnvoll finden, wenn man Russland unbedingt schaden möchte. Aber das Gegenteil ist der Fall, denn Russland exportiert nun zwar weniger Gas und Öl nach Europa, bekommt aufgrund der höheren Preise aber viel mehr Geld dafür, als vorher. Die Einnahmen Russlands sind aus diesen Verkäufen von Energieträgern an die EU sind in diesem Jahr 42 Prozent höher als im letzten Jahr, obwohl Russland weniger exportiert.
Aber der Kinderbuchautor Habeck, der nun den Bundeswirtschaftsminister spielen darf, macht das, was er gelernt hat: Er erzählt den Deutschen Märchen über die Gasversorgung, die angeblich von Russland sabotiert wird, weshalb die Deutschen nun weniger duschen und ihre Wohnungen nicht mehr so viel heizen sollen.
Die kommende Katastrophe
Dass Deutschland im letzten Winter der Katastrophe nur knapp entkommen ist, war Glück und lag am Wetter, denn der Winter war recht mild. Trotzdem waren die Gasreserven am Ende der letzten Heizsaison praktisch erschöpft und lagen bei unter 30 Prozent. Da man die Speicher aus physikalischen Gründen nicht komplett leeren kann, bedeutete das, dass die Speicher fast leer waren.
Im nächsten Winter dürfte die Lage ernster werden, denn wie die Regierung ihr Ziel erreichen will, die Speicher zum Beginn der Heizsaison zu 80 Prozent zu füllen, wenn von überall weniger Gas nach Europa kommt, ist mehr als fraglich.
Der Spiegel deutet das bereits an, gibt aber natürlich wieder Russland die Schuld. Der Spiegel hat darüber unter der Überschrift „Umfrage zum Risiko von Lieferstopps – Mehrheit der deutschen Unternehmen kann Erdgas nicht kurzfristig ersetzen“ berichtet und in der Einleitung des Spiegel-Artikels haben wir erfahren, wer an der hausgemachten Misere die Schuld bekommen wird:
„Stoppt Russland seine Gaslieferungen, bekommen viele Firmen hierzulande Probleme: Mehr als die Hälfte könnten kurzfristig keine Alternative für das Erdgas finden. Die Folge: deutliche Einschränkungen in der Produktion.“
So verar***t der Spiegel seine Leser, denn Russland stoppt seine Gaslieferungen ja nicht. Die EU hat Nord Stream 2 verhindert, die Jamal-Pipeline wurde von Polen stillgelegt und die Reparatur von Nord Stream 1 wird von Kanada behindert. Was genau kann Russland also für die geringeren Gaslieferungen?
Die „intelligente“ Energiepolitik der EU
Die EU-Kommission hat all diese Probleme mit ihrer eigenen Politik selbst geschaffen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gas- und Energiekrise mit den plötzlich explodierenden Preisen für Strom und Heizung bereits im letzten Oktober begonnen hat. Da gab es noch keinen bösen „russischen Angriffskrieg“ und keine europäischen Sanktionen gegen russisches Öl und Gas, aber die Gasspeicher in Europa waren trotzdem viel gering befüllt. Das war ein Ergebnis der Politik der EU-Kommission der letzten Jahre.
Daran, wie genau die EU-Kommission es geschafft hat, sich das Problem, das sie von Anfang an Russland in die Schuhe geschoben hat, selbst zu schaffen, will ich hier noch einmal erinnern.
Die Gründe für die Energiekrise in Europa
Über die Gründe für die Energiekrise in Europa habe ich oft berichtet, aber zum Verständnis fasse ich sie hier noch einmal kurz zusammen.
Erstens: Der Winter 2020/2021 war kalt, weshalb viel Gas verbraucht wurde. Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um im Winter genug Gas nach Europa zu bringen, weshalb die Gasspeicher normalerweise im Sommer aufgefüllt werden. Das ist in diesem Jahr ausgeblieben und während die Gasspeicher normalerweise zu Beginn der Heizsaison zu fast 100 Prozent gefüllt sind, waren es in diesem Jahr nur knapp 75 Prozent.
Zweitens: Die Energiewende hat zu einem zu großen Anteil von Windenergie am Strommix geführt. Da der Sommer 2021 aber außergewöhnlich windstill war, fehlte die Windkraft und es wurde unter anderem Gas zur Stromerzeugung genutzt, das eigentlich in die Speicher hätte geleitet werden müssen.
Drittens: Der Wunsch vieler europäischer Politiker, russisches Gas durch vor allem amerikanisches Flüssiggas zu ersetzen, hat dazu geführt, dass in Europa nun Gas fehlt. Der Grund: In Asien waren die Gaspreise im letzten Sommer noch höher als in Europa und die fest eingeplanten amerikanischen Tanker sind nach Asien gefahren, anstatt nach Europa.
Viertens: Die Reform des Gasmarktes der letzten EU-Kommission hat den Handel mit Gas an den Börsen freigegeben. Dadurch wurde Gas zu einem Spekulationsobjekt. Während Gazprom sein Gas gemäß langfristiger Verträge für 230 bis 300 Dollar nach Europa liefert, ist es für die Importeure ein gutes Geschäft, das Gas an der Börse für 1.000 und mehr Euro weiterzuverkaufen und diese Spekulationsgewinne in Höhe von mehreren hundert Prozent in die eigene Tasche zu stecken.
Nachtrag
Noch weniger Gas durch Nord Stream 1
Während ich an diesem Artikel gearbeitet habe, hat Gazprom gemeldet, dass eine weitere Turbine in einer Gasverdichterstation den Betrieb einstellen muss, weil ihre Wartung ansteht. Damit würden ab dem 16. Juni nur noch 67 Millionen Kubikmeter Gas durch die Pipeline nach Deutschland gepumpt. Die volle Kapazität der Pipeline liegt jedoch bei 167 Millionen Kubikmetern.