Wer in den letzten Jahren die Mantras der Grünen und der ihnen treu ergebenen „Qualitätsmedien“ geglaubt hat, der war sicher, dass der Weltuntergang droht, wenn die EU nicht bis 2030 aus der Kohle aussteigt. Die Horrormeldungen waren allgegenwärtig, Jugendliche wurden in Panik versetzt und sind Freitags für dieses Ziel in den Innenstädten umhergehüpft. Und selbst jetzt noch verbreiten die Medien dieses Mantra weiter.

Allerdings scheint es, als würden die Grünen selbst nicht an die Legenden glauben, die sie seit Jahrzehnten verbreiten. Derzeit sind ihnen die Unterstützung der Ukraine und der Kampf gegen Russland weitaus wichtiger als der Kampf gegen den (angeblich menschengemachten) Klimawandel und gegen den daraus angeblich zwangsläufig folgenden Weltuntergang.

Die Sanktionen gegen russisches Öl und Gas haben dafür gesorgt, dass der Kohleverbrauch in der EU wieder an alte Rekorde anknüpft. Die EU, die sich gegenüber dem Rest der Welt jahrelang als grüner Moralapostel aufgespielt hat, ist plötzlich zum weltweiten Schlusslicht beim Kampf gegen CO2-Emissionen geworden.

Man fragt sich unwillkürlich: Ist die russische Intervention in der Ukraine, die im Westen als „Angriffskrieg“ bezeichnet wird, schlimmer als der drohende Weltuntergang, der uns jahrelang prophezeit wurde, wenn wir den CO2-Ausstoß nicht sofort reduzieren? Und warum waren all die Angriffskriege von USA und NATO (Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen, etc.) nicht so schlimm, dass man darauf mit Sanktionen gegen die USA reagiert hat?

Was sagt es über die Grünen aus, wenn sie – in Person von Bundesmärchenerzähler Habeck – den Kohleverbrauch in die Höhe treiben, um böses russisches Gas und Öl zu ersetzen? War das Gerede über den drohenden Weltuntergang wegen CO2 eine Lüge? Und wenn nicht, warum wird dieser drohende Weltuntergang jetzt in Kauf genommen? Ist es wichtiger, Russland zu bestrafen, als den CO2-bedingten Weltuntergang zu verhindern? Oder droht gar kein Weltuntergang?

Die russische Nachrichtenagentur TASS hat in einer Analyse über dieses Thema berichtet und der TASS-Artikel zeigt sehr anschaulich auf, wie außerhalb der westlichen Medienblase über dieses Thema gedacht wird und in welche peinliche Situation sich die EU auf der internationalen Bühne mit ihrer Politik gebracht hat. Da man diese Standpunkte in westlichen Medien nicht erfährt, habe ich den TASS-Bericht übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Europa bittet um Aufschub: Die Alte Welt kollidiert auf UN-Forum mit den Folgen der Sanktionen

Durch den Verzicht auf russisches Öl und Gas sind die EU-Länder gezwungen, den Kohleverbrauch zu erhöhen. Auf der Internationalen Klimakonferenz muss die EU erklären, warum es so gekommen ist

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, befindet sich in einer misslichen Lage: Ein Jahr nachdem sich die europäischen Länder im November 2021 verpflichtet haben, aus der Kohleverstromung auszusteigen, ist der Verbrauch dieses Rohstoffs in der Alten Welt nicht gesunken, sondern um 15 Prozent gestiegen. „Ja, wir verbrennen jetzt mehr Kohle, als wir erwartet haben, und ja, wir tun unser Bestes, um Flüssiggas zu fördern, wo immer wir es finden können, aber das ist alles nur… sagen wir für drei Jahre, und dann werden wir unseren Energiemix ernsthaft überprüfen“, sagte er. Auf der internationalen UN-Klimakonferenz in Ägypten scheint das kein starkes Argument zu sein. Die Europäer sind dort zum ersten Mal in der ungewohnten Rolle des Nachzüglers. Während China in der Vergangenheit kritisiert wurde, ist es im Jahr 2022 auf dem besten Weg, seine Emissionen zu senken, Europa hingegen nicht.

Runter in die Mine

Das wachsende Interesse der EU-Länder an Kohle hat pragmatische Gründe. Aufgrund der Unbeständigkeit des Wetters ist der Gaspreis schon im Herbst 2021 angestiegen: Die alternative Energie aus Sonne und Wasser erreichte ihre Ziele nicht und die Europäer hatten keine langfristigen Verträge für den Kauf von Gas. Die Kraftstoffpreise waren den Launen des Marktes ausgeliefert.

Im Frühjahr 2022 kam ein politischer Faktor hinzu. Durch die Sanktionen gegen russische Rohstoffe haben die Europäer die Preisspirale angeheizt und waren nicht in der Lage, sie zu beherrschen. Schon im Herbst hatte Griechenland angekündigt, den Abbau von Braunkohle, einer der umweltschädlichsten Kohlearten, wieder aufzunehmen. Deutschland und Frankreich haben den Betrieb von Kohlekraftwerken verlängert, und Polen hat Subventionen für alle eingeführt, die ihre Haushalte mit Kohle heizen – 640 Euro pro Haushalt. Der Grund für diese Notmaßnahmen ist, das Kohle billig ist. Je teurer Erdgas wegen der Sanktionen wurde, desto wirtschaftlicher wurde die Kohleverstromung, da sie es den Ländern am Rande der Rezession ermöglichte, die Löcher in ihren Haushalten zu stopfen.

Die Versuche, Geld zu sparen, hatten ihren Preis. Die in der EU in Kohlekraftwerken produzierte Energie stieg im Jahr 2022 um 12 Prozent, und damit wuchs auch die Gesamtmenge der schädlichen CO2-Emissionen um 1,3 Prozent. Der Grund für den Anstieg anstatt eines Rückgangs der Emissionen ist der Unterschied zwischen Kohle und Gas: Braunkohle erzeugt im Durchschnitt doppelt so viele schädliche Emissionen wie Gas. Die Grünen konzentrieren ihre Bemühungen darauf und sind über das Ergebnis verwundert: 2022 liegt der weltweite Verbrauch dieses Rohstoffs nahe des historischen Höchststands von 2013 und wird 2023 auf demselben Niveau bleiben, wenn die Europäer, wie erwartet wird, nur ein Prozent weniger Braunkohle verbrennen werden als heute.

Der „grüne“ Bumerang

Historisch gesehen ist das Klimaargument eine beliebte Waffe der Politiker der westlichen Welt. 2019 schlug der französische Umweltminister, Nicolas Hulot, wegen der illegalen Abholzung des Urwalds durch Wilderer Umweltsanktionen gegen Brasilien vor. Im Jahr 2020 drohte Joe Biden in einer Wahlkampfdebatte damit, die Brasilianer zur Rechenschaft zu ziehen. Im Jahr 2022 hat sich die Lage geändert. China, das im Gegensatz zur EU seinen Kohleverbrauch um drei Prozent gesenkt hat, macht Europa darauf aufmerksam, dass es seine Verpflichtungen nicht einhält. Franz Timmermans muss sich in dieser Situation rechtfertigen.

Im September 2022 erklärte Xie Zhenhua, der Leiter der chinesischen Delegation auf der UN-Klimakonferenz 2021, gegenüber der EU: „Die Klimapolitik einiger europäischer Länder hat eine Wende zurück vollzogen, und wir hoffen, dass das nur eine vorübergehende Maßnahme ist.“ Das chinesische Außenministerium bezeichnete die Geschehnisse als „Kontrast“, der darauf zurückzuführen sei, dass China eine „harte“ Umweltpolitik betreibe, Europa hingegen nicht. Dieses Argument scheint in Afrika gehört worden zu sein. Im September verurteilte das EU-Parlament die Pläne zur Ölförderung in Uganda, woraufhin der Präsident des Landes, Yoweri Museveni, im November reagierte: „Aus Europa kommt die Nachricht, dass ein Windpark abgerissen werden soll, um Platz für ein Kohlebergwerk zu schaffen. Das ist ein ekelhaftes Beispiel für die Doppelmoral, auf das wir in Afrika jedoch gewartet haben. Es ist eine Verhöhnung der europäischen Versprechen, ihre Klimaverpflichtungen einzuhalten. […] Reine Heuchelei!“, schrieb der Politiker.

Doch nicht jeder in Afrika ist über diese Veränderung unglücklich. Für die kohleproduzierenden Staaten (die EU hat Kohle-Importe aus Russland schon im April verboten) bietet der Klimarückzug der Europäer die Chance, die Lieferungen zu erhöhen. Die Nachfrage in der EU hat die Preise mehr als verdoppelt: von 176 Dollar für australische Kohle im Jahr 2021 auf 429 Dollar in diesen Tagen. Das hat den Abbau und die Verschiffung von Braunkohle zu Häfen in Madagaskar, Botsuana und Tansania unerwartet rentabel gemacht. Selbst die teurer gewordene Kohle ist immer noch billiger als Gas. Indem sie die Kohleförderung stimulieren, tragen die Europäer zum Anstieg der globalen Temperaturen bei, dessen Bekämpfung sie selbst in der Vergangenheit gefordert haben.

Ruß und Bedauern

Die Welt begrüßt das Jahresende 2022 mit gemischten Nachrichten: Einerseits stiegen die gesamten CO2-Emissionen der Kohleverstromung um zwei Prozent, andererseits sank die Gesamtkohleproduktion um ein Prozent, da die Nachfrage aufgrund von Substitutionsprogrammen in China und den USA zurückging. Das bringt Europa in eine zwiespältige Lage: Auf der Klimakonferenz 2021 lehnte Indien einen vollständigen Kohleausstieg ab, wofür es unter Druck gesetzt wurde. In den darauf folgenden 12 Monaten stieg der Kohleverbrauch in Neu-Delhi um zehn Prozent. In Europa hingegen lag der Anstieg bei 15 Prozent, womit die Heimat der Grünen Revolution zu den Spitzenreitern bei der Umweltverschmutzung gehört.

Die empörten Reden der Staatsoberhäupter der ärmsten Länder der Welt, die von den Auswirkungen der globalen Erwärmung betroffen sind, richten sich in diesem neuen Kontext an die europäischen Politiker. Im Jahr 2021 wurden die Premierministerin von Barbados in der Karibik, Mia Mottley, und der Außenminister von Tuvalu im Pazifik, Simon Coffee, zu ihren informellen Anführern. Der Politiker nahm eine Videobotschaft für die Klimakonferenz auf, in der er knietief im Wasser stand. Der Ort für die herzliche Ansprache wurde mit Bedacht gewählt: bis vor kurzem war dort noch trockenes Land.

Im Jahr 2022 liegt Mottley wieder in Führung. Sie beschuldigt die entwickelten Länder des Westens einer doppelten Unterdrückung – einer historischen und einer klimatischen -, indem sie das eine mit dem anderen verbindet: „Wir sind doch diejenigen, die die industrielle Revolution [in Europa] mit Blut, Schweiß und Tränen bezahlt haben. Und müssen wir jetzt wirklich doppelt zahlen: sowohl für die Entstehung der Industrie als auch für die von ihr verursachte globale Erwärmung?“, treibt die Stimme aus der Karibik die Rhetorik auf die Spitze.

Klimatologen führen die zunehmenden Naturkatastrophen in südlichen Breitengraden auf den globalen Temperaturanstieg zurück, der empfindliche Ökosysteme zerstört. Die tropischen Länder warten darauf, dass der Westen ihnen bei der Bewältigung der Witterungseinflüsse zu Hilfe kommt. Der pakistanische Premierminister Shahbaz Sharif, der auf der Konferenz sprach, betrachtet das Recht auf Entschädigung als ein natürliches Recht: „Wir sind Opfer eines Phänomens, an dem wir selbst nicht beteiligt waren, aber es besteht kein Zweifel, dass es durch die Menschen verursacht wurde. […] Stellen Sie sich vor: Auf der einen Seite müssen wir uns um die Ernährungssicherheit der einfachen Mitbürger kümmern und geben dafür Milliarden von Dollar aus, auf der anderen Seite brauchen wir weitere Milliarden, um die von der Flut betroffenen Menschen vor weiterem Unglück zu schützen. Wie kann man bei klarem Verstand erwarten, dass wir beide Aufgaben ohne Hilfe bewältigen können?“, ruft der Politiker aus.

In Europa und den USA stoßen diese Reden auf ein verhaltenes Echo, was vor allem an dem Preis liegt, den die Südländer dafür aufrufen. Einigen Schätzungen zufolge könnten sich die Ausgleichszahlungen für alle Entwicklungsländer bis 2030 auf bis zu zwei Billionen Dollar pro Jahr belaufen. Andere Schätzungen, aus Pakistan, gehen noch viel höher: unbezahlbare 125 Billionen Dollar bis 2050.

Ein günstigerer Beitrag für die Europäer wäre zweifellos die Reduzierung der Kohlekraft. Die von Timmermans angekündigten Pläne, dieses Ziel in drei Jahren wieder zu erreichen, sind jedoch nicht konkret. Wahrscheinlich wollen die Europäer die Energiekrise einfach aussitzen. Ob das gelingt, hängt jedoch davon ab, wie lange sie anhält.

Ende der Übersetzung