Kontroverse auf den Nachdenkseiten über Marianna und meinen Artikel über die Klinik
Der Kern der Diskussion um meinen Artikel über den angeblichen Angriff auf die Geburtsklinik ist die Frau auf der Trage, die ich als Marianna identifiziert habe. Ich sehe an den vielen Zuschriften dazu, dass nicht nur ich das so sehe, ich sehe aber auch genauso viele Zuschriften, die das bestreiten. Ich bin immer noch der […]
Der Kern der Diskussion um meinen Artikel über den angeblichen Angriff auf die Geburtsklinik ist die Frau auf der Trage, die ich als Marianna identifiziert habe. Ich sehe an den vielen Zuschriften dazu, dass nicht nur ich das so sehe, ich sehe aber auch genauso viele Zuschriften, die das bestreiten. Ich bin immer noch der Meinung, dass sie das ist, aber ich verstehe auch die Zweifel, die andere haben.
Allerdings ist das nicht entscheidend. Nehmen wir an, ich hätte mich geirrt und auf der Trage lag nicht Marianna, sondern eine andere Frau. Das erklärt trotzdem nicht das Video, an dem ich viele sehr merkwürdige Details gefunden habe, die es in meinen Augen als Fälschung entlarven.
Auf den Nachdenkseiten hat Albrecht Müller in einem Artikel etwas getan, was ich auch manchmal tue, wenn ich unsicher bin: Er hat an die Schwarmintelligenz seiner Leser appelliert und sie gebeten, selbst dazu zu recherchieren. Daraufhin bekam er offensichtlich eine Menge Leserbriefe, einen davon hat er veröffentlicht. In dem Brief werden meine Argumente als „nicht schlüssig“ bezeichnet.
Wie gesagt, bin ich bereit anzunehmen, dass ich mich bei „Marianna auf der Trage“ geirrt haben könnte, allerdings finde ich die Widerlegungen des Videos in dem Leserbrief ganz und gar nicht überzeugend. Das scheinen auch andere so zu sehen, denn am Ende des Artikels, der sich kritisch mit meinen Schlussfolgerungen auseinandersetzt, hat Albrecht Müller noch eine „Nachbemerkung“ geschrieben und eine weitere Nachricht eines Lesers angehängt.
Dieser Leser ist nach eigenen Angabe Strafrechtler und „gewohnt, mir einen ersten Überblick zu verschaffen und mittels kurzer Beschreibungen den Sachverhalt näher zu untersuchen.“ Dieser Leser hat ein PDF angehängt, in dem er sich sehr viel genauer mit dem Video beschäftigt, als ich es getan habe. Er hat viele Details erkannt, die ich übersehen habe, zum Beispiel, dass die Trage mit der angeblich schwer verletzten jungen Frau in mehreren Einstellungen von verschiedenen Männern getragen wird, obwohl sie doch angeblich schwer verletzt schnellstens zum Krankenwagen gebracht wurde. Aber er hat noch sehr viel mehr beobachtet, das PDF ist sehr lesenswert.
Daher bleibe ich dabei, dass das Video (und damit der gesamte Vorfall) in meinen Augen ein Fake sind, selbst wenn die Frau auf der Trage nicht Marianna sein sollte. Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten an der Video. Und da das Video sehr kurz nach dem (angeblich russischen) Angriff veröffentlicht wurde und als Beleg für den „russischen Angriff“ angeführt wird (immerhin sind praktisch alle dazu in der Presse gezeigten Fotos aus dem Video), würde das bedeuten, dass der ganze Vorfall als Fake geplant und mit einer Videocrew in Szene gesetzt wurde.
Marianna hat ein Kind bekommen, die andere Frau ist gestorben
Der Vorfall hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Der Westen redet von einem russischen Kriegsverbrechen, Russland von einem Fake. Das ist bekannt und da beide Seiten in dem Konflikt parteiisch sind, kann man – wenn man objektiv sein will – keiner Seite einfach glauben. Jeder muss sich die Fotos und Videos selbst anschauen und kann dann zu seinem eigenen Urteil kommen.
So habe ich es gemacht und in meinem Artikel habe ich bewusst viele Fotos veröffentlicht, was ich sehr selten tue, und auch alles verlinkt. Jeder konnte sich Videos und Fotos anschauen, herunterladen, vergrößern und so weiter, um zu einem eigenen Urteil zu gelangen. Das hat auch Albrecht Müller so getan und den Vorfall und die Frage „Fake oder nicht?“ zur Diskussion gestellt.
Die Meldungen über Mariannas glückliche Geburt und den Tod der anderen Frau, die Tage später in den Medien die Runde machen, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, weil sie (bisher) nicht überprüfbar sind und von einer Konfliktpartei, nämlich aus der zu dem Zeitpunkt vom Asow-Regiment kontrollierten Stadt Mariupol kommen. Kiew hat diese Informationen dann weiterverbreitet.
Es ist in diesem Konflikt genauso unsinnig, einer russischen Meldung blind zu glauben, wie es unsinnig ist, einer ukrainischen Meldung blind zu glauben. Beide sind Konfliktparteien und daher ganz sicher keine unabhängigen Quellen. Ich habe zwar die Erfahrung gemacht, dass die russischen Meldungen sich hinterher meist bestätigen, was man von Kiews Meldungen nicht sagen kann, aber trotzdem ist bei Meldungen von Konfliktparteien erstmal Vorsicht geboten, wenn man seine Arbeit als Journalist ernst nimmt.
Daher ist es – wenn die Geschichte ein Fake war – gut möglich, dass auch die Todesmeldung ein Fake ist, mit dem die Version des russischen Angriffs erhärtet werden soll.
Aus diesen genannten Gründen bleibe ich, selbst wenn ich mich in Sachen „Marianna auf der Trage“ geirrt haben sollte, dabei: Ich halte die Geschichte für Fake, weil das Video zu viele Ungereimtheiten aufzeigt. Zum Beispiel lässt sich die Tatsache, dass die Leute das Krankenhaus zunächst vollkommen ruhig verlassen, nur um unmittelbar danach auf dem Hof vor der Kamera hysterisch zu weinen, damit erklären, dass für den Schnitt des Videos nicht viel Zeit geblieben ist, weil das Video sehr zeitnah veröffentlicht worden ist. Unter Zeitdruck macht man solche Fehler, die man nicht machen würde, wenn man ein Video in Ruhe bearbeiten und schneide kann.