Am 3. Juni hat Macky Sall, Präsident von Senegal und derzeit Präsident der Afrikanischen Union, den russischen Präsidenten Putin besucht. Das beherrschende Thema des Besuchs war die Lebensmittelkrise, die in Afrika zu einer schweren Hungersnot führen dürfte. Politik und Medien im Westen behaupten, das sei Russlands Schuld. Putin nutze, so der Westen, den Hunger als Waffe und weigere sich, Getreide und Düngemittel zu exportieren, weshalb Lebensmittel weltweit knapp und vor allem unglaublich teuer werden.

Die Sicht der Betroffenen

Was die westlichen „Qualitätsmedien“ verschweigen, ist, dass man das in Afrika anders sieht. Präsident Sall sagte bei seinem Treffen mit Putin über die Lebensmittelkrise:

„Die Sanktionen gegen Russland haben diese Situation noch verschärft und jetzt haben wir keinen Zugang zu Getreide aus Russland, insbesondere zu Weizen aus Russland. Und vor allem haben wir keinen Zugang zu Düngemitteln, denn die Situation war schon schwierig und ist jetzt noch schwieriger geworden, was sich auf die Ernährungssicherheit in Afrika auswirkt.
Ich habe gerade heute Morgen mit meinem Kollegen von der Kommission der Afrikanischen Union gesprochen und ihm gesagt, dass es zwei Hauptprobleme gibt – die Krise und die Sanktionen. Wir müssen zusammenarbeiten, um diese beiden Probleme anzugehen, damit Lebensmittel, insbesondere Getreide und Düngemittel, von den Sanktionen ausgenommen werden.“

Im Klartext: In Afrika beschuldigt man den Westen, schuld an der Krise zu sein, und fordert explizit eine Lockerung der Russland-Sanktionen, um die drohende Hungersnot zumindest abzumildern. Das verschweigen die deutschen „Qualitätsmedien“ ihren Lesern allerdings.

Die EU hat Düngemittel aus Russland und Weißrussland – den beiden größten Düngemittelproduzenten der Welt – unter Sanktionen gestellt. Nicht Russland ist schuld daran, dass Düngemittel weltweit knapp sind, sondern die Sanktionen der EU. Importeure aus anderen Staaten haben nun Angst, Düngemittel aus Russland und Weißrussland zu importieren, weil die EU sie für ein Unterlaufen der EU-Sanktionen bestrafen könnte.

Gleiches gilt für Getreide. Zwar hat die EU keine Sanktionen gegen Getreide aus Russland verhängt, aber sie hat russische Schiffe und Häfen unter Sanktionen gestellt, die Getreide exportieren. Dass die Sanktionen gegen russische Banken zusätzlich noch die Bezahlung – und damit den Handel – von russischem Getreide erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen, kommt noch hinzu.

Es ist bemerkenswert, dass man das außerhalb der westlichen Medienblase, also in Asien, Afrika und Teilen Mittel- und Südamerikas, genau weiß und dass es dort auch offen gesagt wird. Aber die westlichen „Qualitätsmedien“ verschweigen ihren Lesern das konsequent und denken sich Lügengeschichten über ein angebliches russisches Exportverbot für Getreide aus.

Was der Spiegel daraus macht

Auch der Spiegel hat über den Besuch von Präsident Sall bei Präsident Putin berichtet. Der Artikel trug die Überschrift „Befürchtete Hungerkatastrophe – Putin bereit zu Getreideexport nach Afrika“ und begann mit folgender Einleitung:

„Kremlchef Wladimir Putin sieht Russland nicht für die Getreideblockade verantwortlich. Bei einem Treffen mit der Afrikanischen Union willigte er ein, Weizenexporte zu ermöglichen – nannte allerdings eine Bedingung.“

Schon das klingt böse: Putin stellt angeblich Bedingungen dafür, Weizenexporte zu ermöglichen. Und der Spiegel-Leser denkt sich: „Das Ungeheuer Putin nutzt den Hunger als Waffe!“

Ob Putin tatsächlich eine Bedingung gestellt hat, werden wir noch sehen. Gehen wir den Spiegel-Artikel der Reihe nach durch.

„Russische Ausfuhrblockade von Getreide“

Der Spiegel-Leser erfährt im zweiten Absatz des Artikels:

„Putin und der senegalesische Präsident Macky Sall hatten sich getroffen, um über eine Freigabe aller Lebensmittelprodukte und eine Aufhebung der russischen Ausfuhrblockade von Getreide zu sprechen.“

Das Problem ist, dass es keine „russische Ausfuhrblockade von Getreide“ gibt, die hat der Spiegel frei erfunden. Wobei, wir wollen fair bleiben, das hat sich nicht der Spiegel ausgedacht, die „russische Ausfuhrblockade von Getreide“ ist eine Erfindung der Nachrichtenagentur dpa und daher findet man die Formulierung bei vielen deutschen Medien (Beispiele dafür finden Sie hier und hier), die die dpa-Meldung ebenfalls einfach abgeschrieben haben. So funktioniert „Qualitätsjournalismus“ in Deutschland heute.

Wie wir gesehen haben, hat auch Präsident Sall gesagt, dass die Sanktionen der Grund für das Problem sind. Dass er Russland bittet, eine angebliche „russische Ausfuhrblockade von Getreide“ aufzuheben, hat er nicht gesagt, er hat im Gegenteil die Aufhebung der entsprechenden westlichen Sanktionen gefordert.

Nach dem Treffen mit Sall hat Putin dem russischen Fernsehen noch ein Interview gegeben, das ich übersetzt habe (Sie finden es hier), in dem er noch einmal im Detail erklärt hat, wo die Probleme bei dem Export von Getreide liegen.

Desinformation durch suggestive Formulierungen

Nachdem der Spiegel in seinem Artikel ausführlich den Eindruck erweckt hat, Russland verhindere den Export von Getreide aus der Ukraine, schreibt er in seinem Artikel:

„Die Ukraine ist einer der größten Getreideexporteure weltweit. Der Ausfall der ukrainischen Getreidelieferungen wegen des Krieges ist gerade für Afrika schmerzhaft.“

Danach gibt der Spiegel in seinem Artikel die Äußerungen Putins aus seinem Interview korrekt wieder, aber stellt sie alle in den Konjunktiv und suggeriert damit, dass Putin lügt. Ein Beispiel dafür aus dem Spiegel-Artikel:

„Nicht Russland verhindere einen Export von Weizen aus der Ukraine, sagte er am Freitag im russischen Fernsehen. Die Ukraine solle die Minen vor ihren Häfen an der Schwarzmeer-Küste entfernen. Die russische Armee werde dies nicht für Angriffe ausnutzen, versprach er. Russland könne auch die von ihm kontrollierten Häfen Mariupol und Berjansk am Asowschen Meer zur Verfügung stellen, sagte Putin.“

Da der Spiegel in all seinen Artikeln zu dem Thema Russland beschuldigt, den Getreideexport aus der Ukraine zu blockieren, muss der Spiegel-Leser diese Aussagen von Putin für glatte Lügen halten, dabei ist das Gegenteil der Fall. Es war nicht Russland, das die ukrainischen Häfen vermint hat, und in Mariupol, das nun unter russischer Kontrolle ist, hat die russische Armee die ukrainischen Minen bereits entfernt und am 28. Mai ist das erste Handelsschiff im Hafen von Mariupol abgefertigt worden.

Aus diesem Grund ist Putins Vorschlag, den er auch in dem Interview gemacht hat, ukrainisches Getreide über diesen Hafen zu exportieren, kein leeres Versprechen. Wenn die Ukraine die Minen in ihren Häfen nicht entfernen will, könnte sie das Getreide über Mariupol auf dem Seeweg exportieren.

Noch mehr Lügen im Spiegel

Erinnern Sie sich noch an die Einleitung des Spiegel-Artikels? Da hat der Spiegel behauptet, Russland stelle eine Bedingung dafür, Getreideexporte zuzulassen. Welche Bedingung das sein soll, erfahren wir erst im letzten Absatz des Spiegel-Artikels, der auch ansonsten mit Lügen vollgepackt ist:

„Faktisch blockiert die russische Marine die ukrainischen Häfen. Die Kiewer Führung traut den Moskauer Zusagen einer sicheren Passage von Schiffen aus der Ukraine durch das Schwarze Meer nicht. In früheren Äußerungen hat der Kreml ein Ende der Getreideblockade mit der Aufhebung von Sanktionen gegen Russland verknüpft.“

Erstens: Die russische Marine blockiert keinen einzigen ukrainischen Hafen. Es gibt keine einzige Meldung darüber, dass Russland ein Handelsschiff im Schwarzen Meer daran gehindert hätte, einen ukrainischen Hafen anzulaufen oder aus ihm auszulaufen. Dass diese Häfen blockiert sind, liegt einzig und allein an den ukrainischen Seeminen.

Zweitens: Dass Kiew den Russen nicht traut, mag ja sein. Aber das hindert kein europäisches (oder sonstiges) Land daran, mit eigenen Schiffen nach Odessa zu fahren und das Getreide abzuholen. Aber wieder ist es das gleiche Problem, denn es kann kein Schiff nach Odessa fahren, weil der Hafen von der Ukraine vermint wurde.

Drittens: Auch wenn der Spiegel es wie ein Papagei immer wieder wiederholt – es gibt keine „Getreideblockade“ durch Russland.

Viertens: Daher konnte Russland auch zu keinem Zeitpunkt eine Aufhebung der (nicht existierenden) „Getreideblockade mit der Aufhebung von Sanktionen gegen Russland“ verknüpfen. Wer das Interview von Putin liest, der stellt fest, dass es um etwas ganz anderes geht, denn Putin hat in dem Interview gesagt, dass es das einfachste wäre, das Getreide (mit dem Zug) über Weißrussland zu exportieren, sodass es direkt in die baltischen Ostseehäfen gebracht werden könnte. Dazu allerdings, das stimmt und das hat Putin vollkommen zu Recht gesagt, müsste die EU ihre Sanktionen gegen Weißrussland aufheben, die diese Möglichkeit des Getreideexportes aus der Ukraine verhindern.

Der Zynismus der EU

Auch daran sieht man, dass es die Sanktionen der EU – nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen Weißrussland – sind, die die Getreideexporte aus der Ukraine auf dem Seeweg verhindern. Aber der EU ist es wichtiger, den weißrussischen Präsidenten zu stürzen, als eine weitweite Hungersnot zu verhindern, die ohne das ukrainische Getreide angeblich droht.

In Wahrheit sind die maximal 20 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine für die weltweite Versorgung ein Tropfen auf den heißen Stein, denn weltweit werden 800 Millionen Tonnen geerntet. Das in der Ukraine verbliebene Getreide macht also 2,5 Prozent des weltweiten Getreides aus.

Die weltweite Hungersnot droht, weil die EU selbst den Export von russischem Getreide behindert und den Export von russischen Düngemitteln verhindert. Gleichzeitig hat die von der EU provozierte Energiekrise dafür gesorgt, dass die energieintensive Düngemittelproduktion in Europa unrentabel geworden ist, was den weltweiten Mangel an Düngemitteln noch verstärkt. Aber von all dem – und vor allem davon, dass es in Wahrheit die EU ist, die mit ihren Russland-Sanktionen gerade die weltweite Hungersnot verursacht – erfährt man in den deutschen „Qualitätsmedien“ nichts.