In Russland setzt sich die Erkenntnis, dass man in der Ukraine mit dem gesamten Westen im Krieg ist, immer mehr durch. Und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass dieser Konflikt mit dem Westen – auch wenn die Kämpfe in der Ukraine demnächst zu Ende gehen dürften – noch viele Jahre andauern wird. Entsprechend werden die Aussagen russischer Politiker in Richtung Westen immer deutlicher, von der früheren Diplomatie und den geduldigen Versuchen der Vergangenheit, sich mit dem Westen irgendwie in Verhandlungen zu einigen, ist fast nichts mehr übrig geblieben, wie beispielsweise das jüngste Interview mit Dmitri Medwedew gezeigt hat.

Man kann durchaus sagen, dass dabei auch ein Stück Resignation mitschwingt, weil man bis zuletzt gehofft hat, sich mit dem Westen irgendwie zu einigen. Das gilt auch für die Menschen in Russland, die in den ersten Monaten nach dem Beginn der Militäroperation noch gehofft haben, bald wieder Urlaub in Europa machen zu können. Inzwischen ist davon kaum mehr die Rede, auch die Menschen in Russland wenden sich vom Westen immer mehr ab – und sei es nur als mögliches Urlaubsziel.

Man hat in Russland verstanden, dass der US-geführte Westen nicht gegen Putin oder dessen Politik vorgeht, sondern gegen Russland und die Russen selbst. Auch in der russischen Gesellschaft hat sich das Gefühl durchgesetzt, Russland kämpfe gegen den Westen einen Kampf um seine Existenz. Und bei so einem Kampf geht auch die Kompromissbereitschaft und die Toleranz gegen alle zurück, die sich gegen das eigene Land stellen und die man daher als Verräter.

So ein Verräter war aus russischer Sicht der ehemalige russische Hubschrauberpilot Maxim Kusminow, der im Sommer 2023 mit seinem russischen Militärhubschrauber in die Ukraine übergelaufen ist. Für so einen Verrat hat in Russland praktisch niemand Verständnis, weshalb die Nachricht, dass er in Spanien ermordet wurde, in Russland mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen wurde.

In diesem Fall bezweifelt kaum jemand, dass russische Geheimdienste hinter dem Mord stecken und auf russischer Seite wird das nicht einmal bestritten, was auch für Dmitri Medwedew in seinem Interview galt, der auf eine entsprechende Frage nur antwortete, ein Hund sei den Tod eines Hundes gestorben und auf eine Rückfrage lächelnd antwortete, er habe dazu alles gesagt.

Interessant ist auch, wie sich der Ton in den russischen Medien in diesen Tagen geändert hat. Die Rhetorik wird kämpferischer und deutlicher. Inzwischen scheinen auch die letzten Hoffnungen, dass sich die Konfrontation mit dem Westen in absehbarer Zeit abschwächt, verschwunden zu sein, weil der Westen die Ukraine selbst jetzt noch, wo er ihr kaum noch Waffen liefern kann und sie militärisch besiegt ist, zum selbstmörderischen Weiterkämpfen anfeuert. Menschenleben spielen für den Westen keinerlei Rolle und Putins geflügeltes Wort, die USA würden bis zum letzten Ukrainer gegen Russland kämpfen, hat sich bestätigt.

Ein Beispiel für die nun sehr viel deutlicheren Töne in russischen Medien ist der Bericht über die Ermordung von Kusminow, der am Sonntag im wöchentlichen Nachrichtenrückblick des russischen Fernsehens gezeigt wurde und den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Der Verräter Kusminow wurde von einer moralischen zu einer echten Leiche

Die Offiziere der Spezialeinheiten der Militäraufklärung Russlands sind für uns namenlose Helden, die in geheimen Befehlen mehrfach mit den höchsten staatlichen Auszeichnungen ausgezeichnet wurden. Letzten Sommer sprachen sie zuversichtlich über Kusminows Zukunft. Der Befehl wurde empfangen und die Umsetzung war eine Frage der Zeit. Und als die spanischen Nachrichtenagenturen die Nachricht vom Tod des Mörders und Verräters veröffentlichten, erinnerte ich mich sofort an die Worte unserer Soldaten.

Einer sagte: „Er hat seine Brüder verraten. Brüder, mit denen er direkt gedient hat.“

Ein anderer sagte: „Nun, wie kann man so etwas durchgehen lassen? Wir können das nicht zulassen. In jedem Fall werden wir diese Handlungen bestrafen.“

Sergej Naryschkin, der Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes, äußerte sich zum Tod von Kusminow. Wie es sich gehört, ohne auf der Beteiligung der Behörde an seinem Schicksal zu bestehen: „Dieser Verräter und Verbrecher wurde bereits zu einer moralischen Leiche, als er sein schmutziges und schreckliches Verbrechen plante.“

Erst eine moralische Leiche, doch mittlerweile wohl eine echte. Das ist einer der seltenen Fälle, in dem die ukrainische Organisation mit der Abkürzung GRU die Wahrheit gesagt hat. Die Hauptabteilung verheimlicht den Verlust von Kusminow nicht. Die Tatsache des Todes von Kusminow wird vom Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Danilow, nicht bestritten: „Er wäre hier auf jeden Fall geschützt gewesen. Und ich glaube nicht, dass sie in unserem Land so viel Unheil anrichten könnten, wie es in Spanien geschehen ist.“

Was die ukrainischen Geheimdienste mit Kusminow getan haben, wird in der Fachsprache „ausgequetscht“ genannt – wie eine Zitrone in ein Glas. Zudem war die Zitrone als Träger nachrichtendienstlicher Informationen von Beginn an leer. Aber was für PR!

Ein Erinnerungsfoto: Selensky und Budanow ließen sich das Vergnügen nicht entgehen, sich vor der Kulisse des entführten russischen Hubschraubers fotografieren zu lassen. Aber selbst sie verschmähten es, sich neben Kusminow zu stellen.

Dieser Verräter spazierte mit einem ukrainischen Journalisten über den Maidan. Entlang der Straße steht russische Militärtechnik als Freilichtmuseum für imaginäre Siege. In diesen Panzern und selbstfahrenden Geschützen brannten Russen, echte Krieger, und gaben nicht auf. Kusminow wechselte seine Uniform als Kapitän der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte in der Ukraine gegen eine zerrissene Jeans inklusive Captain America-Socken. Träume sind wahr geworden.

„Bist du ein Verräter?“, fragte der ukrainische Journalist.

„Nein“, war die Antwort.

Der Verräter Kusminow bezeichnete die Ukraine einen Monat nach seiner Flucht als „unser Land“ und sagte, er glaube an den Sieg der Nazis. Wie alle, die ihn empfangen haben, hat der die Geschichte seines Landes, seines Volkes, vergessen und entweihte die Erinnerung an seine Vorfahren und spuckte auf die Erinnerung an seinen Großvater, einen ausgezeichneten Piloten der sowjetischen Luftwaffe.

Und das sagt sein eigener Vater über Kusminow: „Wie kann man über einen Verräter denken? Ja, ein Verräter. Ich habe keine Worte. Verstehen Sie? Ein Verräter ist ein Verräter, also ein Judas, verstehen Sie, ein Judas!“

Der Verräter war in der Ukraine sehr gefragt. Ein weiteres Treffen mit der Presse, organisiert vom militärischen Geheimdienst der Ukraine. Und sie haben bei dieser Pressekonferenz viel gelogen. Einschließlich dessen, was mit den beiden anderen Besatzungsmitgliedern des von Kusminow entführten russischen Hubschraubers geschah. Sie versuchten angeblich zu fliehen und wurden erschossen.

Aber tatsächlich hat der Kommandant, der Verräter Kusminow, sie erschossen. Er hat sie für Geld getötet, für 500.000 Dollar, wenn man glaubt, was ukrainische Medien berichtet haben. In Griwna. Zum Kurs der Bank, die sie druckt.

Maxim Kusminows Freundin Elena Sevrjuk erzählt: „Er liebte Geld sehr. Er sagte immer: Ich werde nur das Beste haben. Er liebte wirklich coole Autos. Nun, er liebte einfach Geld.“

Trotz der Nähe zur Kontaktlinie war es ein gewöhnlicher Transporteinsatz. Ein Gütertransport von Punkt A nach Punkt B. Doch unerwartet für die Besatzung beschloss der Kommandant, in den Tiefflug, auf 5 bis 10 Meter, abzusteigen, und der Hubschrauber überquerte abrupt die Frontlinie.

Es ist nicht davon auszugehen, dass der Techniker und der Kopilot nicht bemerkt haben, wie der Kommandant den Funk in den Funkstillemodus geschaltet hat. Es ist auch unrealistisch zu glauben, dass sie nicht verstanden haben, dass der Kommandant abrupt den Kurs geändert hatte. Es gibt nur eine Schlussfolgerung: Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits tot.

Im Altai wird unser heldenhafter Hubschraubermechaniker an der Schule, auf die Flugmechaniker Nikita Kirjanow gegangen ist, in Erinnerung gehalten und geehrt. Sein Pult steht nun für immer im Schulmuseum. Sein Lehrer Lehrer Andrej Gervas erinnert sich: „Er war ruhig und reaktionsschnell. Er hatte immer seine eigene Meinung, auch wenn sie nicht mit der Meinung anderer übereinstimmte.“

In Jekaterinburg fanden wir die Frau des verstorbenen Chuschbacht Tursunow, des Kopiloten des Mi-8. Diese Frau zeigte dem Mörder gegenüber erstaunliche Gnade. Das ist bei russischen Völkern so üblich: Über Verstorbene wird entweder gut oder gar nicht gesprochen.

„Nun, so ein Mensch – es gibt solche Menschen. Was er getan hat – er hat Menschen völlig zerstört – ist traurig. Es ist traurig und ich möchte diesen Moment umkehren“, sagte Chuschbacht Tursunows Frau Farsona.

„Das ist für euch, Jungs!“ Erinnern Sie sich an diesen letzten Funkspruch? Gardemajor Roman Filippow starb in Syrien. Nach seinem Ausstieg mit dem Schleudersitz wurde er von Militanten umzingelt. Er ergab sich nicht und sprengte sich mit einer Granate selbst in die Luft. Ein Held Russlands, der ewig in Erinnerung bleibt.

Jeden Tag kam Kusminow auf dem Weg zu Flügen, zum Flugplatz an seinem Denkmal vorbei. Er war Kapitän der Luftwaffe und auch Pilot. Und sogar Kommandant der Besatzung.

„Er hat sich verkauft, sagen wir es mal so. Er versteht nicht, dass er sich billig verkauft hat. Dass er, sagen wir mal, den Respekt seiner Freunde, seines Heimatlandes, ja, wirklich seines Heimatlandes, die Gelegenheit, es und die Gräber seiner Verwandten und Vorfahren zu besuchen, verloren hat. Die Gräber der Verwandten, die Vorfahren, das kann kein Geld ersetzen“, sagte Regimentskommandeur Denis Tschernavin.

Die Hubschrauberkabine riecht nach Öl, Metall und Leder. Mit geschlossenen Augen erkennt jeder dieser Jungs seinen Platz und findet sein Kampfgerät. Diese Menschen sind geborene Piloten. Sie haben es im Blut. Und dass er die Seinen verraten hat, wird ihm niemand vergeben. Sergej, ein Pilot der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, sagte uns: „Wenn Sie ein Patriot Ihres Vaterlandes sind, wenn Sie Ihr Land lieben, Ihre Lieben lieben, Ihre Verwandten lieben, dann ist die Entscheidung zu einer solchen Tat nicht nur eine dumme Entscheidung, sie ist sehr abscheulich, sehr niedrig. Ich denke, die Strafe hätte härter ausfallen sollen.“

„Seine Tat war abscheulich. Er hat unsere Kameraden getötet, Freunde, mit denen wir auch gemeinsam gedient haben. Sie waren gute Jungs. Und es gibt überhaupt kein einziges Wort des Mitleids für ihn“, sagte Klim, ein anderer Pilot der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte.

Im vergangenen September stellte die ukrainische Regierung Kusminow einen Pass auf den Namen Igor Schewtschenko aus, der am 15. September 1991 in Donezk geboren wurde. Sie hofften, dass man in Spanien oder einem anderen europäischen Land kaum in der Lage sein würde, Registrierungsdaten aus Donezk zu überprüfen.

Aber wir Journalisten haben sie überprüft. Igor Schewtschenko starb 2014 heldenhaft in der Nähe von Donezk. Er war einer von denen, die unseren Sieg unter Einsatz ihres Lebens immer näher brachten.

In diesen Tagen ist ein weiterer unserer Brüder gestorben. Während des Angriffs auf Avdejewka wurde der 23-jährige Michail Medvid, ein ethnischer Ukrainer, von einer Kamikaze-Drohne getötet. Er war vom ersten Tag an bei der Militäroperation. Er hat uns in Marinka gedeckt, während ich einen Bericht drehte. Er war Truppkommandant der mobilen Kompanie der 5. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade, ein Oberleutnant. Er blieb mir in Erinnerung, weil er nicht vor Granaten in Deckung ging.

Als ich mich damals bei dem Beschuss duckte, sagte er nur: „Das ist recht weit. Beachten Sie das.“

Ich fragte“ Warum duckst du dich nicht?“

„Ich bin daran gewöhnt!“

Ewige Erinnerung an dich, russischer Krieger!

Was den Verräter betrifft, so wurde er nach seinen neuen Passdaten im Dokument mit dem Dreizack im Alter von genau 33 Jahren erschossen. In Wirklichkeit erreichte der 29-jährige Kusminow das Alter Christi nicht.

Aber für sein restliches Leben und auch nach dem Tod blieb er ein Judas. Verschiedenen Quellen zufolge waren es sechs bis zwölf tödliche Schusswunden. Und dann überfuhren sie die Leiche mit einem Auto. Zurück blieb im Grunde ein Fleck auf dem Asphalt.

Ende der Übersetzung