Wie wird in Russland über die Explosionen in der russischen Kleinstadt Toropez berichtet?
Am Mittwoch gab es in der russischen Kleinstadt Toropez riesige Explosionen, die so heftig waren, dass Seismometer die Erschütterungen messen konnten. Der größte Stoß hatte eine Stärke von 2,8 auf der Richterskala. Anschließend wurde die Stadt teilweise evakuiert. Westliche Medien berichteten von einem erfolgreichen ukrainischen Angriff auf ein riesiges Munitionslager, russische offizielle Stellen sprachen von […]
Am Mittwoch gab es in der russischen Kleinstadt Toropez riesige Explosionen, die so heftig waren, dass Seismometer die Erschütterungen messen konnten. Der größte Stoß hatte eine Stärke von 2,8 auf der Richterskala. Anschließend wurde die Stadt teilweise evakuiert.
Westliche Medien berichteten von einem erfolgreichen ukrainischen Angriff auf ein riesiges Munitionslager, russische offizielle Stellen sprachen von Teilen abgeschossener ukrainischer Drohnen, die abgestürzt sein und die Explosionen in dem Munitionslager verursacht haben sollen. Ich habe in den folgenden Tagen einige Mails von Lesern bekommen, die fragten, warum ich darüber nicht berichte und wie in Russland darüber berichtet wird.
Warum ich bisher nicht darüber berichtet habe, ist schnell erzählt: Ich betreibe den Anti-Spiegel alleine im Ein-Mann-Betrieb und kann daher nicht jede Meldung bringen, sondern muss oft Prioritäten setzen, denn auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Daher kann und will der Anti-Spiegel kein vollwertiges Nachrichtenportal sein, sondern ich konzentriere mich auf bestimmte Themen, zu denen ich Analysen schreiben kann, oder auf Meldungen, die die deutschen Medien aus irgendwelchen Gründen für nicht berichtenswert erachten.
Die Frage, wie in Russland darüber berichtet wird, ist etwas schwieriger zu beantworten. Die offiziellen russischen Medien haben darüber nur sehr kurze Meldungen veröffentlicht, das russische Verteidigungsministerium hat den Angriff nicht offiziell bestätigt und über die Folgen gibt es ebenfalls kaum Berichte. Die Regionalregierung des Gebietes Twer, in dem die etwa 10.000 Einwohner zählende Kleinstadt liegt, meldeten Schäden infolge eines Trümmerteils einer abgeschossenen ukrainischen Drohne und ordneten umgehend eine Evakuierung der Bevölkerung an.
Videos, die in sozialen Netzwerken hochgeladen wurden, zeigen die riesigen Explosionen und Schäden an den Häusern des Ortes, in denen die Fenster teilweise mit den Fensterrahmen herausgerissen wurden.
Westliche Analysten meinen, dass bei den Explosionen hunderte oder gar tausende Tonnen Munition explodiert seien und Satellitenbilder zeigen massive Zerstörungen bei dem Munitionslager.
RT-DE hat über einen Artikel des in der EU verbotenen russischen Portals Tsargrad mit der Überschrift „Ein lauter werdender Pfeifton, Einschlag, Explosion: Eine unbekannte Waffe raubte Toropez seine Fenster, Dächer und die Wahrheit“ berichtet, in dem versucht wird, einen Überblick über das Geschehen zu geben. Wie schon die Überschrift des Artikels von Tsargrad zeigt, ist das ein schönes Beispiel dafür, dass es in Russland – entgegen allen Behauptungen aus dem Westen – eine freie Presse gibt, die die russischen Behörden kritisiert.
Tsargrad bezweifelt die offizielle russische Version anscheinend und setzt in einer Teilüberschrift des Artikels beispielsweise das Wort „Trümmerteile“ in offenbar ironische gemeinte Anführungsstriche:
„“Trümmerteile“ mit großer Zerstörungskraft“
Tsargrad schreibt danach (Link aus dem Original übernommen):
„Satellitenbildern zufolge erstreckte sich das Feuer über das gesamte Gebiet des Lagers, also über etwa fünf Quadratkilometer. Die Granaten detonierten mit solcher Wucht, dass seismische Messgeräte Dutzende von Erschütterungen registrierten, von denen die stärkste eine Stärke von 2,8 hatte. Die Menschen spürten das von Menschen verursachte Erdbeben mehrere Stunden lang. (…) Die zivilen Behörden mussten für das plötzlich „sprachlose“ Militär einspringen. Igor Rudenja, der Gouverneur der Region Twer, erklärte, ukrainische Drohnen hätten versucht, eine Militäreinheit im Bezirk Toropez anzugreifen, seien aber von der Luftabwehr abgeschossen worden, und der Brand in dem Munitionslager sei angeblich durch herabfallende Trümmer ausgelöst worden. In den sozialen Netzwerken der Region lachen buchstäblich alle über diese Erklärung. Die Menschen sind sicher, dass die offizielle Version weit von der Wahrheit entfernt ist und glauben, dass so eine Zerstörung nur durch einen direkten Raketeneinschlag verursacht werden konnte. Kommentatoren im Internet nennen sogar den Namen der Modifikation: Angeblich handelt es sich um eine ukrainische Raketendrohne „Palianitsa“. Einige Telegram-Kanäle verbreiteten ein Video vom Anflug vor der Explosion. Darauf ist deutlich ein langgezogenes, lauter werdendes Pfeifen zu hören, ähnlich dem Geräusch einer sich nähernden Rakete, gefolgt von dem Geräusch eines schweren Einschlags und einer Explosion.“
Warum schweigt Russland?
Über die Antwort auf die Frage, warum das offizielle Russland über den Vorfall weitgehend schweigt, ist rein spekulativ. Man könnte die einfachste Antwort zur Hand nehmen und sagen, die russische Regierung wolle einen Misserfolg verheimlichen, weil das ein erfolgreicher ukrainischer Angriff auf ein großes Munitionslager tief im russischen Hinterland und war. Allerdings glaube ich nicht, dass das die wahre Antwort ist.
Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass aus der Ukraine abgefeuerten Drohnen oder Raketen etwa 400 Kilometer entlang der weißrussischen Grenze (oder sogar teilweise über Weißrussland selbst) hätten fliegen müssen, um nach Toropez zu kommen. Die oben genannte ukrainische Raketendrohne „Palianitsa“ hätte das Potenzial dafür, denn sie soll bis zu 700 Kilometer Reichweite haben, bis zu 900 Kilometer pro Stunde schnell sein und bis zu 50 Kilogramm Sprengstoff tragen können.
Allerdings stellt sich die Frage, wie die Drohne navigiert und ihr Ziel findet. Ich habe am Freitag über die Problematik berichtet, dass die russische Armee das GPS effektiv stören kann. Um auch ohne GPS Ziele weit im russischen Hinterland zu treffen, müsste eine Waffe mit Bodenkarten navigieren, die die Ukraine nicht hat. Solche Bodenkarten von Russland haben die USA und offenbar auch die Bundeswehr, aber beispielsweise nicht die Briten, weshalb die an Kiew gelieferten britischen Marschflugkörper ohne die Erlaubnis und Unterstützung der USA nicht tief nach Russland schießen können.
Das Schweigen Russlands zu dem Angriff auf Toropez erinnert mich stark an die Versenkung des Flaggschiffs der russischen Schwarzmeerflotte „Moskwa“. Die meisten Experten sind der Meinung, dass das Schiff nur von einer aus dem Westen gelieferten und westlichen Soldaten bedienten Anti-Schiffsrakete versenkt werden konnte. Russland habe über den Vorfall geschwiegen und von einem Unfall gesprochen, weil es in einem heißen Krieg mit dem Westen gewesen wäre, wenn es diese Wahrheit veröffentlicht hätte.
Bei dem Vorfall von Toropez könnte es ähnlich sein: Wenn der Angriff mit tatkräftiger Unterstützung aus den USA durchgeführt wurde (oder gar mit westlichen Waffen), wäre das die gleiche Situation.
Wenn man dann noch weiß, dass die britische Times am Samstag gemeldet hat, dass Großbritannien und die USA und die USA nicht verkünden wollen, wenn sie die Entscheidung zum Beschuss von Zielen tief im russischen Hinterland getroffen haben, sondern damit warten wollen, bis die ersten Angriffe stattgefunden haben, könnte dies bereits so ein Angriff gewesen sein.
Das ist natürlich reine Spekulation, aber es ist nicht ausgeschlossen.