Die Ambitionen der Türkei in Asien
Dass der russische Präsident Erdogan große Ambitionen hat und am liebsten an die Größe des Osmanischen Reiches anknüpfen möchte, ist bekannt. In Deutschland wird viel über seine Bemühungen berichtet, eine dominierende Macht im Nahen Osten zu werden. Was jedoch kaum bekannt ist, sind Erdogans Ambitionen in Asien, wo seine Versuche, den türkischen Einflussbereich auszubauen, bis […]
Dass der russische Präsident Erdogan große Ambitionen hat und am liebsten an die Größe des Osmanischen Reiches anknüpfen möchte, ist bekannt. In Deutschland wird viel über seine Bemühungen berichtet, eine dominierende Macht im Nahen Osten zu werden.
Was jedoch kaum bekannt ist, sind Erdogans Ambitionen in Asien, wo seine Versuche, den türkischen Einflussbereich auszubauen, bis an die chinesische Grenze reichen.
Dazu habe ich eine sehr interessante Analyse gefunden, die einige Fragen beantwortet, denn eigentlich scheinen Erdogans außenpolitische Ambitionen im Nahen Osten den Zielen der USA und der NATO entgegenzustehen, aber wenn man seine Ambitionen in Asien in das Bild aufnimmt, relativiert sich der Eindruck. Daher habe ich den Artikel über dieses Thema übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Wie sich die östlichen Ambitionen der Türkei in den Dienst der atlantischen Ordnung stellen
Ankaras Vorstoß nach Eurasien vereint neo-osmanische Ideologie, islamische Soft Power und NATO-kompatible Geopolitik in dem Bestreben, mit Russland, China, Iran und Indien zu konkurrieren.
von Ali Nassar
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich der Fokus der türkischen Außenpolitik deutlich nach Osten verlagert und einen Kurs in Richtung Zentral- und Südasien eingeschlagen. Diese Transformation bedeutet mehr als nur eine Wiederbelebung des osmanischen Einflusses.
Sie offenbart ein vielschichtiges geopolitisches Projekt, das auf pan-turanistischem Nationalismus, dem politischen Islam im Sinne der Muslimbruderschaft und dem strategischen Einsatz militärischer sowie entwicklungspolitischer Mittel beruht und entwickelt wurde, um die nationalen Interessen Ankaras voranzutreiben und gleichzeitig mit den umfassenderen regionalen Zielen der NATO zu harmonieren.
Ankaras Vorstoß nach Osten vollzieht sich vor dem Hintergrund schwindenden US-Einflusses, einer Rückkehr zur Multipolarität und eines verschärften globalen Wettbewerbs um Energie, Handelsrouten und aufstrebende Märkte. In diesem Kontext erscheint der Türkei die eurasische Expansion nicht mehr als Option, sondern als strategisches Gebot.
Bangladesch: Ankaras ideologisches Versuchslabor
Bangladesch ist zu einem Vorposten für die eurasischen Ambitionen der Türkei geworden. Geografisch zwischen Indien und Myanmar gelegen, bietet das mehrheitlich muslimische Land einen fruchtbaren Boden für türkischen Einfluss.
Der Antritt von Muhammad Yunus im Jahr 2024 mit einer pro-islamistischen Regierung, die Ankara gegenüber wohlgesonnen ist, hat den Weg dafür bereitet, dass türkische Akteure nicht nur als Entwicklungspartner auftreten, sondern auch als kulturelle und politische Einflusskräfte, die in Staat und Gesellschaft verankert sind.
Ein Beispiel ist „Saltanat-e-Bangla“, eine türkisch unterstützte NGO mit Sitz in Dhaka, die sich offen mit der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) identifiziert. Diese Organisation geht weit über wohltätige Arbeit hinaus und verbreitet eine provokative Landkarte eines „Groß-Bangladesch“, laut der Teile der myanmarischen Verwaltungseinheit Rakhaing sowie indische Territorien wie Bihar, Odisha, Jharkhand und Nordostindien beansprucht werden.
Zwar fehlt der Karte eine offizielle Anerkennung, doch wurde sie stillschweigend von Persönlichkeiten der Regierungspartei gebilligt, was auf eine koordinierte Arbeitsteilung zwischen gleichgesinnten Eliten in der Türkei und in Bangladesch hindeutet.
Diplomatische Quellen deuten zudem an, dass dieses kartografische Projekt den Versuch der Türkei widerspiegelt, ein strategisches Gegengewicht zur indischen Hegemonie in Südasien zu etablieren – insbesondere im Lichte jüngster Spannungen zwischen Indien und Pakistan im Kaschmir-Konflikt und der Modelle islamischer Regierungsführung. Einige Analysten sehen in diesem Vorstoß gar ein gemeinsames türkisch-bengalisches Interesse an Tibet – eine für Peking nicht verhandelbare rote Linie.
Bangladesch ist somit mehr als nur ein neues Einflussgebiet. Es ist ein Labor, in dem die Türkei – getarnt als humanitäres Engagement und islamische Solidarität – erprobt, wie exportfähig ihr politisches Modell und ihre religiöse Ideologie in den indischen Einflussbereich sind.
Das hat historische Vorläufer: Der indische Subkontinent, dessen Teil Bangladesch einst war, beheimatete zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige der eifrigsten Unterstützer des osmanischen Kalifats. Die Bewegung der Khilafat, ins Leben gerufen nach dem Ersten Weltkrieg, mobilisierte Millionen indischer Muslime, darunter führende Persönlichkeiten aus Bengalen, zur Verteidigung des osmanischen Kalifen als Symbol panislamischer Einheit.
Diese historische Erinnerung lebte fort, insbesondere unter islamistischen Netzwerken und religiösen Eliten – und Ankara scheint entschlossen zu sein, sie als Teil seiner umfassenderen Strategie zur Wiederbelebung einer überregionalen islamischen Identität unter türkischer Führung zu reaktivieren.
Turanismus: Die nationalistische Wirbelsäule der türkischen Expansion
Der Pan-Turanismus, eine Ideologie des frühen 20. Jahrhunderts, mit der die Vereinigung aller turksprachigen Völker von Anatolien bis nach Westchina angestrebt wird, erlebt in Ankara eine Renaissance als Instrument geopolitischer Konsolidierung. Heute nutzt die Türkei diese Vision, um ihren Einfluss in Zentralasien zu vertiefen – insbesondere in Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Aserbaidschan.
Operativ wird dieses ideologische Vorhaben durch die Organisation der Turkstaaten umgesetzt, die Ankara als politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Block mit den ehemaligen sowjetischen Republiken verbindet. Durch staatlich geförderte Kulturinitiativen – etwa durch Turksoy (Internationale Organisation für türkische Kultur), Stipendienprogramme und Studentenaustausch – prägt die Türkei zunehmend das Bildungs- und Medienumfeld der Region. Gleichzeitig unterstützt Ankara Bemühungen, die slawisch-basierten Schriftsysteme durch lateinische Alphabete zu ersetzen und so das Bewusstsein für eine pan-türkische Gemeinschaft zu stärken.
Auf infrastruktureller Ebene verankern Projekte wie der Ost-West-Energiekorridor und die Transkaukasische Eisenbahn Zentralasien physisch mit der Türkei und Europa. Doch es geht dabei nicht nur um Logistik: Es geht um den Wettbewerb mit Russland und China, um Einfluss im eurasischen Kernraum und darum, Ankara als maßgeblichen Akteur im asiatischen Machtgefüge zu positionieren.
Die Muslimbruderschaft: Eine politische Brücke nach Südasien
In islamischen Gesellschaften außerhalb der arabischen Welt hat die Türkei ihren Einfluss über den AKP-nahen politischen Islam im Stil der Muslimbruderschaft ausgeweitet. Diese Herangehensweise findet insbesondere in Pakistan und Bangladesch Anklang, wo islamistische Kräfte – anders als die vom Ausland unterstützten Terrorgruppen – häufig über keine kohärente Struktur oder verlässliche ausländische Unterstützung verfügen.
Ankara hat ein wachsendes Netzwerk an Medien- und Interessenvertretungen aufgebaut, über die sich die Türkei als geistige und politische Avantgarde der Umma (Gemeinschaft aller Muslime) präsentiert. Dazu gehören auch Ableger der AKP oder ihr nahestehender Organisationen in Ländern wie Bangladesch. Parallel dazu verstärken NGOs mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft die türkische Soft Power durch Bildungs-, Gesundheits- und Hilfsangebote bei Notfällen – allen voran die Stiftung für humanitäre Hilfe IHH.
Die Türkei hat zudem die Krise rund um die Rohingya, eine Ethnie in Myanmar, instrumentalisiert, um sich unter den Muslimen der Region als einziges islamisches Land zu profilieren, das bereit und in der Lage ist, unterdrückte muslimische Bevölkerungsgruppen zu verteidigen. Diese Architektur ermöglicht es Ankara, sich sowohl in der Zivilgesellschaft als auch in staatlichen Institutionen zu verankern – und dabei politische Parallelstrukturen zu schaffen, ohne eine offene Konfrontation mit etablierten nationalen Eliten zu riskieren.
Pakistan: Ideologische und strategische Brücke Ankaras
Pakistan war stets ein Grundpfeiler von Ankaras regionaler Strategie. Die bilateralen Beziehungen beruhen auf gemeinsamen Rüstungsprojekten, insbesondere in der Herstellung von Drohnen und gepanzerten Fahrzeugen, sowie auf einer ideologischen Nähe zwischen der AKP und Pakistans konservativen islamistischen Eliten.
Beide Länder treten in unterschiedlichem Maße für muslimische Anliegen ein, etwa im Kaschmir und in Palästina. Diskret übernimmt Islamabad zudem eine vermittelnde Rolle in der Feinabstimmung der Beziehungen zwischen der Türkei und Bangladesch ein und erleichtert Ankaras Zugang zur politischen Kaste in Dhaka. Über religiöse Netzwerke und islamistische Medien ebnet Pakistan zudem den Weg für den türkischen Einfluss in Afghanistan und Zentralasien.
Diese Partnerschaft erstreckt sich auch auf Nordzypern, das unter anderem Pakistan 1983 nach dessen Unabhängigkeitserklärung als eines der ersten Länder anerkannt hat, auch wenn es später unter Druck der UN in dieser Frage wieder zurückrudern musste. Jahrzehnte später erklärte der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif öffentlich, dass Pakistan „die Interessen Nordzyperns voll unterstützt“ und „unerschütterlich“ an der Seite Ankaras stehe. Diese standhafte Solidarität unterstreicht die ideologische Tiefe und strategische Substanz der Achse Ankara–Islamabad.
Ankaras Soft-Power-Architektur
Die Expansion der Türkei nach Eurasien stützt sich auf eine sorgfältig aufgebaute Soft-Power-Strategie. Die Türkische Kooperations- und Koordinationsagentur (TIKA) setzt Projekte in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur um. Die Türkische Religionsstiftung errichtet Moscheen, fördert religiöse Zentren und bietet islamischen Unterricht in türkischer Sprache im Ausland an. Parallel dazu bilden türkische Schulen und Universitäten im Ausland eine neue Elite aus, die Ankaras politischer Weltanschauung nahesteht.
In Bangladesch zeigt sich dies besonders in den Flüchtlingslagern der Rohingya, wo türkisches humanitäres Engagement unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit eine politische Präsenz etabliert hat. Diese Initiativen sind nicht bloß karitativ, sie sind langfristige Investitionen in geopolitische Loyalität.
Die Synergie der NATO und die eurasische Gegenreaktion
Auch wenn Ankara häufig eine unabhängige Außenpolitik proklamiert, steht seine expansionistische Haltung in Eurasien im Einklang mit zentralen Zielen der NATO. In den chinesischen Provinzen Tibet und Xinjiang ergänzt türkisches Engagement die westlichen Bemühungen zur Eindämmung Chinas. In Afghanistan und Zentralasien bedrängt Ankaras Präsenz den Iran. Und in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens tritt die Türkei als Konkurrent für den verbliebenen Einfluss Moskaus auf.
Ankara handelt also keineswegs als Außenseiter, sondern erfüllt die Rolle eines regionalen Akteurs der NATO. Durch den Einsatz kulturell anschlussfähiger Narrative – ob pan-türkisch oder islamistisch – erscheint der Einfluss der Türkei vor Ort legitim, dient aber langfristig transatlantischen Interessen. Diese Konvergenz bei den geopolitischen Zielen dürfte erklären, warum der Westen die expansiven Manöver der Türkei – trotz angespannter Konflikte etwa in Syrien oder im östlichen Mittelmeer – toleriert.
Doch das türkische Projekt ist nicht grenzenlos. Indien beobachtet Ankaras zunehmende Präsenz in Bangladesch mit wachsender Sorge, insbesondere angesichts der Verbreitung der Landkarte von „Groß-Bangladesch“. China betrachtet das türkische Engagement in Tibet als strategische Provokation. Und Russland, das sich in Zentralasien neu behauptet, wird kaum bereit sein, dort Terrain preiszugeben.
Zudem könnten sich lokale Bevölkerungen gegen den ideologischen Vorstoß Ankaras wehren, insbesondere, wenn ein politischer Islam als fremde Einmischung empfunden wird. Eine übermäßige Abhängigkeit von religiöser Soft Power birgt das Risiko, säkulare Eliten zu entfremden oder Gegenreaktionen regionaler Bündnisse hervorzurufen, die eine islamistische Expansion eindämmen wollen.
Der türkische Vorstoß Richtung Osten ist nicht nur strategisch, er ist vor allem auch ideologisch. Durch die Verschmelzung einer Islam-Ideologie, die den Muslimbrüdern nahesteht, mit dem Nationalismus des Turanismus und verpackt in ein NATO-kompatibles Rahmenwerk, schafft Ankara sich in Zentral- und Südasien gezielt eine Einflusszone.
Doch diese Expansion ist riskant. Sie erfordert fein abgestimmtes Handeln: regionale Macht zu behaupten, ohne eine Gegenreaktion etablierter Akteure wie Russland, China oder Indien zu provozieren; Unabhängigkeit projizieren, ohne den Rückhalt im westlichen Bündnis zu verlieren.
Ankaras Bestrebungen sind nicht nur ein kühner Vorstoß, sondern eine Provokation. Ob die Türkei ihren Einfluss in diesem umkämpften eurasischen Raum verankern kann oder ob die Widersprüche ihrer doppelten Ausrichtung sie zum Rückzug zwingen, ist längst keine hypothetische Frage mehr. Die Antwort wird über die Grenzen von Ankaras Ambitionen entscheiden – und über die Belastbarkeit jener atlantischen Ordnung, die sie angeblich herausfordert.
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Ali Nassar ist ein libanesischer Schriftsteller und Forscher, spezialisiert auf geopolitische Studien.
Ende der Übersetzung