Die New York Times deckt auf, wie tief USA und NATO in den Krieg gegen Russland verwickelt sind
Der Artikel, den die New York Times am 29. März veröffentlicht hat, ist so heikel, dass deutsche Medien wie der Spiegel ihn ihren Lesern bisher verschweigen. Die New York Times hat in einem Artikel, der kopiert in ein Word-Dokument 26 Seiten A-4 lang ist, im Detail aufgezeigt, wie die USA, Großbritannien und die NATO generell […]
Der Artikel, den die New York Times am 29. März veröffentlicht hat, ist so heikel, dass deutsche Medien wie der Spiegel ihn ihren Lesern bisher verschweigen. Die New York Times hat in einem Artikel, der kopiert in ein Word-Dokument 26 Seiten A-4 lang ist, im Detail aufgezeigt, wie die USA, Großbritannien und die NATO generell in der Ukraine Krieg gegen Russland geführt haben und offenbar immer noch führen, denn zumindest Teile der Operationen werden anscheinend immer noch fortgesetzt.
Die Staaten des Westen haben die Ukraine mit detaillierten Informationen in Echtzeit versorgt und sogar die Ziele für ukrainische Artillerie- und Raketenangriffe auf russische Truppen und sogar auf Ziele in Russland selbst festgelegt. Nach der Lektüre des Artikels kann niemand mehr bestreiten, dass die USA, Großbritannien und im Grunde die NATO selbst in der Ukraine längst Krieg offen gegen Russland führen.
All das, was die New York Times berichtet, ist für Leser des Anti-Spiegel nicht wirklich neu, denn ich habe oft erklärt, warum die Staaten des Westens längst Kriegsparteien im Krieg gegen Russland sind, und dass die Ukraine die Langstreckenangriffe nach Russland – nicht nur mit westlichen Waffen, sondern auch mit eigenen Drohnen – gar nicht selbst durchführen kann, weil sie die nötigen Aufklärungsdaten nicht hat und die Flugpläne, die die russische Luftabwehr möglichst umgehen sollen, gar nicht programmieren kann.
Auch wenn das an sich nichts Neues ist, sind die vielen Details, über die die New York Times berichtet, sehr interessant. Und ich wiederhole es: Der Inhalt des Artikels ist so brisant, dass deutsche Medien wie der Spiegel ihren Lesern den Artikel bisher komplett verschweigen, obwohl er bereits vor zwei Tagen erschienen ist.
Übrigens wird der Wahrheitsgehalt des Artikels in den USA nicht bestritten.
Da der Artikel extrem lang ist, habe ich beschlossen, ihn in mehreren Teilen zu veröffentlichen. Weil der Artikel selbst in mehrere Teile gegliedert ist, habe ich diese Gliederung übernommen. Heute erscheint die Einleitung des Artikels, die man als Prolog bezeichnen kann, danach werde ich täglich einen weiteren Teil veröffentlichen.
Beginn der Übersetzung:
Die Partnerschaft: Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine
Dies ist die bisher nicht erzählte Geschichte der klandestinen Rolle der USA bei ukrainischen Militäroperationen gegen die russischen Truppen. Der Autor Adam Entous führte mehr als ein Jahr lang über 300 Interviews mit Vertretern aus Regierungen, Militär und Geheimdiensten in der Ukraine, den USA, Großbritannien, Deutschland, Polen, Belgien, Lettland, Litauen, Estland und der Türkei.
An einem Morgen im Frühling, zwei Monate nachdem Wladimir Putins Armeen in die Ukraine einmarschiert waren, rollte ein Konvoi aus zivilen Fahrzeugen an einer Straßenecke in Kiew vor und nahm zwei Männer mittleren Alters in ziviler Kleidung auf. Nach dem Verlassen der Stadt fuhr der Konvoi – bemannt mit britischen Sonderkommandos, die zwar keine Uniform trugen, aber schwer bewaffnet waren – 400 Meilen in Richtung Westen bis zur polnischen Grenze. Der Grenzübertritt verlief dank der diplomatischen Pässen der Insassen zügig. Anschließend ging es weiter zum Flughafen Rzeszów-Jasionka, wo eine startbereite Transportmaschine vom Typ C-130 wartete.
Die Passagiere waren hochrangige ukrainische Generäle. Ihr Ziel:Die Lucius D. Clay Kaserne, das Hauptquartier der US-Armee für Europa und Afrika in Wiesbaden, Deutschland. Ihre Mission: den Grundstein für eines der am strengsten gehüteten Geheimnisse des Ukraine-Krieges zu legen.
Einer der Männer, Generalleutnant Mychajlo Sabrodskyj, erinnert sich daran, wie er eine Treppe hinaufgeführt wurde, die zu einem Gang mit Blick auf die riesige Haupthalle des Tony Bass Auditoriums der Garnison führte. Vor dem Krieg diente dieses Auditorium als Sporthalle, genutzt für Versammlungen, Auftritte der Armeekapelle und Aktivitäten der Pfadfinder. Jetzt blickte General Sabrodskyj auf Offiziere aus verschiedenen befreundeten Staaten, die sich in einem Gewusel aus provisorischen Arbeitsplätzen organisiert hatten, um die ersten westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine zu koordinieren – darunter M777-Haubitzen und 155-Millimeter-Granaten.
Anschließend wurde er in das Büro von Generalleutnant Christopher T. Donahue, dem Kommandeur des 18. Luftlandekorps, geführt, der ihm eine Partnerschaft vorschlug. Diese Partnerschaft, deren Aufbau und Abläufe nur einem kleinen Kreis amerikanischer und alliierter Offizieller bekannt waren, sollte sich zu einer geheimen Operation entwickeln, im Bemühen der Regierung von Joe Biden, sowohl die Ukraine zu retten als auch die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte internationale Ordnung zu bewahren.
Heute steht diese Ordnung – ebenso wie die Verteidigung der Ukraine – auf der Kippe, nachdem Präsident Trump eine Annäherung an Putin suchte und versprach, diesen Krieg zu beenden. Für die Ukrainer sind die Zeichen an der Wand nicht ermutigend. Im geopolitischen Wettstreit um Sicherheit und Einfluss nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die neu unabhängige Ukraine zum Land dazwischen – und ihre Hinwendung nach Westen wurde in Moskau zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Nun, nachdem Verhandlungen begonnen haben, hat der US- Präsident die Ukrainer für den Kriegsausbruch verantwortlich gemacht, Kiew unter Druck gesetzt, einen Großteil ihrer Bodenschätze aufzugeben, und die Regierung Selensky aufgefordert, einem Waffenstillstand zuzustimmen – ohne die Zusicherung konkreter Sicherheitsgarantien aus Washington. Ein Frieden also, ohne die Gewissheit auf einen dauerhaften Frieden.
Trump hat bereits damit begonnen, Elemente der in Wiesbaden im Frühjahr 2022 besiegelten Zusammenarbeit zurückzufahren. Doch ihre Geschichte nachzuzeichnen bedeutet zu verstehen, wie die Ukrainer den Krieg drei lange Jahre überleben konnten – trotz eines weit überlegenen Gegners. Und es ermöglicht einen seltenen Einblick in die verborgenen Mechanismen, die den Krieg an den heutigen prekären Punkt geführt haben.
Mit bemerkenswerter Offenheit hat das Pentagon eine Liste der Waffenlieferungen an die Ukraine im Wert von 66,5 Milliarden US-Dollar veröffentlicht. Zuletzt umfasste diese über eine halbe Milliarde Patronen für Kleinwaffen sowie Handgranaten, 10.000 Panzerabwehrraketen von Typ Javelin, 3.000 Stinger-Flugabwehrsysteme, 272 Haubitzen, 76 Panzer, 40 High-Mobility-Artillery-Rocket-Systeme (HIMARS), 20 Hubschrauber vom Typ Mi-17 und drei Luftabwehrbatterien vom Typ Patriot.
Doch diese Recherche der New York Times zeigt, dass die USA viel enger und umfassender in den Krieg eingebunden waren, als bisher bekannt. In entscheidenden Momenten war die Zusammenarbeit das Rückgrat der ukrainischen Militäroperationen, durch die – nach US-Schätzungen – mehr als 700.000 russische Soldaten getötet oder verwundet wurden, während die Ukraine ihre eigenen Verluste auf 435.000 beziffert. Seite an Seite planten US-amerikanische und ukrainische Offiziere in der Einsatzzentrale in Wiesbaden die Gegenoffensiven der Ukraine. Umfangreiche US-Geheimdienstoperationen unterstützten sowohl die strategische Gesamtplanung als auch die Bereitstellung von Zielinformationen für ukrainische Soldaten im Feld.
Ein europäischer Geheimdienstchef erinnerte sich, überrascht gewesen zu sein, als er erfuhr, wie tief seine Kollegen von der NATO in die ukrainischen Operationen eingebunden waren. „Sie waren Teil der Tötungsmaschinerie“, sagte er.
Die Grundidee dieser engen Zusammenarbeit war es den Ukrainern zu ermöglichen, das Unwahrscheinliche zu schaffen – den Invasoren eine vernichtende Niederlage zuzufügen. Und mit jedem erfolgreichen Schlag in den ersten Kriegsmonaten – getragen von ukrainischem Kampfesmut und taktischem Geschick, aber auch durch russische Inkompetenz – schien dieses unwahrscheinliche Ziel immer greifbarer zu werden.
Ein früher Nachweis für die Machbarkeit war eine Kampagne gegen einen der gefürchtetsten Kampfverbände Russlands, die 58. Kombinierte Armee. Mitte 2022 feuerten die Ukrainer mit Hilfe US-amerikanischer Geheimdienst- und Zielinformationen eine Raketensalve auf das Hauptquartier der 58. Armee in der Region Cherson ab und töteten dabei Generäle sowie Stabsoffiziere. Immer wieder richtete die 58. ihr Hauptquartier an einem neuen Standort ein – jedes Mal spürten es die US-Amerikaner auf und die Ukrainer zerstörten es.
Weiter südlich nahm man gemeinsam den Hafen von Sewastopol auf der Krim ins Visier, wo die russische Schwarzmeerflotte Raketen für Angriffe auf ukrainische Ziele auf Kriegsschiffe und U-Boote verlud. Auf dem Höhepunkt der ukrainischen Gegenoffensive 2022 griff eine Flotte von Seedrohnen mit Unterstützung der CIA den Hafen in den frühen Morgenstunden an, beschädigte mehrere Kriegsschiffe und zwang die Russen dazu, ihre Flotte schrittweise zurückzuziehen.
Letztlich geriet die Zusammenarbeit jedoch unter Druck – und die Dynamik des Krieges verschob sich – aufgrund von Rivalitäten, gegenseitigem Groll und konträren Prioritäten. Die Ukrainer empfanden die US-Amerikaner manchmal als bevormundend und kontrollierend – als prototypische herablassende Schutzmacht. Die US-Amerikaner wiederum konnten nicht immer nachvollziehen, warum die Ukrainer nicht einfach ihre gut gemeinten Ratschläge befolgten.
Während die US-Amerikaner sich auf realistische, erreichbare Ziele konzentrierten, empfanden sie die Ukrainer als Getriebene, die stets nach dem großen Sieg, dem glänzenden Triumph griffen. Die Ukrainer hingegen nahmen die US-Amerikaner oft als Bremser wahr. Sie wollten den Krieg bedingungslos gewinnen. Die US-Amerikaner teilten zwar diesen Wunsch, wollten aber in erster Linie sicherstellen, dass die Ukraine nicht den Krieg verlieren würde.
Mit zunehmendem Selbstbewusstsein hielten die Ukrainer ihre Absichten zunehmend geheim. Sie waren ernsthaft verärgert darüber, dass die US-Amerikaner ihnen nicht alle gewünschten Waffen und Ausrüstungen liefern konnten oder wollten. Die US-Amerikaner wiederum ärgerte, was sie als unangemessene Forderungen der Ukrainer empfanden, sowie deren Widerwillen, politisch riskante Schritte zu unternehmen, um ihren zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen den Rücken zu stärken.
Taktisch gesehen brachte die Zusammenarbeit Erfolg um Erfolg. Doch im wohl entscheidendsten Moment des Krieges – im Sommer 2023, als die Ukrainer eine Gegenoffensive starteten, um an den Schwung der Erfolge des ersten Kriegsjahres anzuknüpfen – fiel die in Wiesbaden entwickelte Strategie den internen politischen Spannungen der Ukraine zum Opfer:
Die Fehde zwischen Präsident Wladimir Selensky und seinem obersten Militärchef und potenziellen politischen Rivalen. Der oberste Chef der Armee gegen seinen eigensinnigen untergebenen Befehlshaber der Armee. Als Selensky sich schließlich auf die Seite seines Untergebenen stellte, schicken die Ukrainer enorme Truppenkontingente und Ressourcen in einen letztlich vergeblichen Versuch der Rückeroberung der zerstörten Stadt Bachmut (Artjomowsk). Wenige Monate später endete die gesamte Gegenoffensive in einem faktischen Fehlschlag.
Die Zusammenarbeit operierte im Schatten tiefster geopolitischer Befürchtungen – nämlich dass Putin sie als Überschreitung einer militärischen roten Linie betrachten und seine oft zur Schau gestellten nuklearen Drohungen wahr machen könnte. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit zeigt, wie nahe die US-Amerikaner und ihre Verbündeten dieser roten Linie manchmal kamen, wie zunehmend dramatische Entwicklungen sie zwangen diese Linie immer weiter in gefährliches Terrain zu verschieben – nach Ansicht mancher zu langsam –, und wie sie sorgfältige Verfahren entwickelten, um dennoch auf der sicheren Seite zu bleiben.
Immer wieder genehmigte die Regierung von Joe Biden geheime Operationen, die sie zuvor untersagt hatte. US-amerikanische Militärberater wurden nach Kiew entsandt und durften sich später näher an die Front verlegen. Offiziere des Militärs und der CIA in Wiesbaden halfen bei der Planung und Unterstützung einer ukrainischen Offensive auf das von Russland annektierte Gebiet der Krim. Schließlich erhielten das Militär und später die CIA grünes Licht für präzise Schläge tief im Inneren Russlands.
In gewisser Weise war der Ukraine-Krieg auf einer größeren historischen Bühne betrachtet eine Neuauflage in einer langen Reihe von Stellvertreterkriegen zwischen den USA und Russland – von Vietnam in den 1960er-Jahren über Afghanistan in den 1980ern bis zum Syrien-Krieg drei Jahrzehnte später. Gleichzeitig war es ein groß angelegtes Experiment der Kriegsführung, das nicht nur den Ukrainern zu Gute kam, sondern auch den US-Amerikanern wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Konflikte lieferte. Während der Kriege gegen die Taliban und al-Qaida in Afghanistan sowie gegen den Islamischen Staat im Irak und in Syrien führten US-amerikanische Streitkräfte eigene Bodenoperationen durch und unterstützten gleichzeitig ihre lokalen Partner. In der Ukraine hingegen war es dem US-Militär untersagt, eigene Soldaten auf dem Schlachtfeld einzusetzen und es musste von der Seitenlinie aus unterstützen.
Würde die für den Kampf gegen Terroristen verfeinerte präzise Zielerfassung auch in einem Konflikt mit einer der mächtigsten Armeen der Welt wirksam sein? Würden ukrainische Artilleristen ohne Zögern ihre Haubitzen auf Koordinaten abfeuern, die ihnen von US-amerikanischen Offizieren aus einem 1.300 Meilen entfernten Hauptquartier übermittelt werden? Würden ukrainische Kommandeure, basierend auf Geheimdienstinformationen und der eindringlichen Stimme eines unsichtbaren US-amerikanischen Offiziers, der versichert: „Da ist niemand – los!“, ihren Infanteristen befehlen, ein Dorf hinter feindlichen Linien zu stürmen?
Die Antworten auf diese Fragen – und letztlich die gesamte Entwicklung der Zusammenarbeit – hingen davon ab, wie sehr US-amerikanische und ukrainische Offiziere einander vertrauen konnten.
„Ich werde Sie niemals belügen. Aber wenn Sie mich belügen, dann war’s das“, erinnerte sich Generalleutnant Michail Sabrodsky daran, wie General Donahue ihm dies bei ihrem ersten Treffen in Wiesbaden gesagt hatte. „Ich sehe das genauso“, erwiderte der Ukrainer.
Ende der Übersetzung
Morgen folgt Teil 1: Der Aufbau von Vertrauen – und einer Tötungsmaschine