Der Ryanair-Flug, der in Minsk notgelandet ist, und die darauf folgende Verhaftung des Oppositionellen Roman Prostasewitsch beherrschen die Schlagzeilen und führen zu einem wahren Feuerwerk von Sanktionen des Westens gegen Weißrussland. Die Reaktionen des Westens sind vollkommen übertrieben und auch verlogen, denn dieser Vorfall ist keineswegs einmalig. 2016 zum Beispiel hat die Ukraine ein aus Kiew in Richtung Minsk gestartetes Flugzeug der weißrussischen Fluglinie Belavia angewiesen, nach Kiew zurückzukehren, wo dann ein Anti-Maidan-Aktivist aus dem Flugzeug zum Verhör abgeführt wurde. Der Vorfall hat aber keinerlei Reaktionen im Westen hervorgerufen, eine Liste derartiger Vorfälle seit 2010 finden Sie hier.

Die auf den ersten Blick provokante Frage lautet: Hat Lukaschenko den Vorfall inszeniert, um den Oppositionellen zu verhaften, oder hat der Westen Lukaschenko eine Falle gestellt, um den medialen und damit politischen und wirtschaftlichen Druck auf Weißrussland zu erhöhen und einen Vorwand für neue Sanktionen zu haben?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf die Umstände werfen, die zu dem Vorfall geführt haben. Dabei werden wir sehen, dass viele Fragen leicht zu beantworten wären und dass die Antworten im Westen zu finden sind. Weißrussland hat seine Version bekannt gegeben, der Westen könnte sie entkräften oder widerlegen. Bisher tut er das aber nicht.

(Bitte auf jeden Fall den Nachtrag am Ende des Artikels lesen, denn sind neue Informationen bekannt geworden.)

Die Kernfragen

Das Flugzeug flog von Athen nach Vilnius und dabei auch durch den weißrussischen Luftraum. Laut Weißrussland ging zu diesem Zeitpunkt eine E-Mail beim Minsker Flughafen ein, in der die Hamas eine Bombendrohung gegen das Flugzeug ausgesprochen hat. Daraus ergibt sich die erste Frage, die wir uns anschauen müssen: Gab es die E-Mail oder nicht? Wenn es die E-Mail tatsächlich gab, von dem kam sie? War die E-Mail eine Inszenierung Weißrusslands, kam sie von der Hamas oder von noch jemand anderem?

Nach dem Eingang der E-Mail wurden die Piloten des Flugzeuges darüber informiert. Sie hatten zur Landung mehrere Flughäfen zur Auswahl, darunter Vilnius, Minsk oder auch Warschau. Die weißrussischen Behörden sagen, dass die Piloten selbst daraufhin das Notsignal Mayday gesendet und um eine Landung in Minsk gebeten haben, Weißrussland habe keinen Druck ausgeübt. Daraus ergibt sich die zweite Frage: Stimmt das oder nicht? Und wenn es stimmt, warum haben sich die Piloten für eine Landung in Minsk entschieden, wenn sie doch viel näher an Vilnius und kurz vor dem Landeanflug auf Vilnius waren?

Der Westen wirft Weißrussland vor, das Flugzeug mit Hilfe einer MiG-29 zur Landung in Minsk gezwungen zu haben. Daraus ergibt sich die dritte Frage: Stimmt das oder nicht?

Diese drei Fragen schauen wir uns nun an, denn in ihnen steckt die Antwort auf die Frage, wer in eine Falle getappt ist: Der Oppositionelle Prostasewitsch in eine Falle von Lukaschenko oder Lukaschenko in eine Falle des Westens.

Die E-Mail

Die E-Mail soll von der Hamas gekommen sein. Auf einer Pressekonferenz wurde sie am Montag in Minsk verlesen. Der Text lautete demnach:

„Wir, die Soldaten der Hamas, fordern, dass Israel das Feuer im Gaza-Streifen einstellt. Wir fordern, dass die Europäische Union ihre Unterstützung für Israel in diesem Krieg beendet. Es ist bekannt, dass die Teilnehmer des Delfi Economic Forum mit dem Flug 4978 zurückkehren. In dem Flugzeug befindet sich eine Bombe. Wenn Sie unseren Forderungen nicht nachkommen, wird die Bombe am 23. Mai über Vilnius explodieren“

Die Hamas hat inzwischen jede Verbindung mit E-Mail bestritten. Die Mail kam laut den weißrussischen Behörden von einer Protonmail-Adresse. Da der E-Mail-Verkehr von westlichen Geheimdiensten überwacht wird, dürfte man im Westen wissen, ob es diese Mail tatsächlich gegeben hat, auch wenn der Inhalt möglicherweise wegen der Verschlüsselung schwerer zu überprüfen ist.

Aber selbst wenn es die Mail gegeben hat, könnte es sich natürlich trotzdem im eine Inszenierung Weißrusslands handeln.

Dass die Hamas damit nichts zu tun, dürfte unbestritten sein. Als Urheber der Mail kommen also Weißrussland und der Westen in Frage, einen „Scherz von Spaßvögeln“ schließe ich aus. Das bedeutet, dass wir die Frage, von wem die Mail ist, derzeit nicht beantworten können.

Gab es Druck auf die Piloten?

Der Westen behauptet, Weißrussland habe die Maschine angewiesen, in Minsk zu landen. Weißrussland behauptet, es war die freie Entscheidung der Piloten, in Minsk zu landen. Was stimmt?

Die Frage ließe sich sehr einfach beantworten, denn der Funkverkehr der weißrussischen Flugsicherung wird natürlich auch in den Nachbarländern gehört und routinemäßig aufgezeichnet. Man müsste also nur den Funkverkehr veröffentlichen und schon hätten wir die Antwort.

Spielen wir die beiden Varianten einmal durch. Wenn die Landung in Minsk eine Anweisung Weißrusslands gewesen ist, dann könnte der Westen den Funkverkehr veröffentlichen und alles wäre geklärt. Auch Weißrussland könnte den Funkverkehr veröffentlichen und so beweisen, dass es die freie Entscheidung der Piloten gewesen ist.

Sollte Weißrussland aber recht haben und es war die Entscheidung der Piloten, wäre der Fall interessanter. Der Grund ist, dass man als Pilot im Falle einer Bombendrohung gerne schnell landen möchte. Der nächstgelegene Flughafen war Vilnius, wie die Daten von Flightradar aufzeigen.

Warum also, müsste man dann fragen, haben sich die Piloten für eine Landung in Minsk entschieden? Diese Frage geht an Ryanair, denn die Fluggesellschaft kennt die Antwort, hat sich aber nicht geäußert. Ryanair hat weder den angeblichen Druck Weißrusslands bestätigt, noch eine Erklärung für die Entscheidung der Piloten gegeben.

Auch hier geben die bisher öffentlich bekannten Informationen also keine eindeutige Antwort auf unsere Fragen.

Was ist mit der MiG-29?

Der Westen behauptet, die Ryanair-Maschine wäre von einem weißrussischen Kampfflugzeug vom Typ MiG-29 zur Umkehr gezwungen worden. Weißrussland hingegen gab auf der Pressekonferenz am Montag folgende Chronologie bekannt:

Um 12.30 Uhr fliegt das Flugzeug in den weißrussischen Luftraum ein und wird über die E-Mail informiert. Erst um 12.47 Uhr senden die Piloten das Signal Mayday und nehmen Kurs auf Minsk. Aufgrund des Mayday-Signals wird – das ist in allen Ländern der Welt Routine – die Luftwaffe über die Notlage des Flugzeugs informiert, dass geschah demnach um 12.48 Uhr. Der Abfangjäger sei erst 16 Minuten später gestartet.

Auch hier kennt der Westen die Antwort und könnte die weißrussische Version widerlegen, denn die Radare der Nato überwachen den weißrussischen Luftraum. Man weiß im Westen also, wann die MiG-29 gestartet ist. Wenn die weißrussische Version wahr ist, kann von einem Zwang zur Kursänderung durch die MiG-29 keine Rede sein.

Wenn Weißrussland lügt, könnte die Nato diese Lüge überführen und die Radardaten veröffentlichen, was die Nato aber mal wieder nicht tut. Wir sollen ihr blind glauben.

Was bedeutet das alles?

Bisher hat nur Weißrussland eine genaue Chronologie der Ereignisse veröffentlicht. Wenn diese gelogen ist, könnte der Westen diese Lügen sehr leicht widerlegen, was aber (bisher) nicht geschehen ist. Stattdessen hört man aus dem Westen wildeste Anschuldigungen, aber – wie immer in solchen Fällen – ohne Belege.

Dass die Aufregung im Westen ein politisches Theater ist, zeigt sich daran, dass dies seit 2010 der vierte Fall ist, in dem ein Flugzeug zur Landung gezwungen wurde. Zwei der vier Fälle entfallen auf den Westen und seine Freunde. 2013 haben Nato-Staaten das Flugzeug des bolivianischen Präsidenten Morales zur Landung in Wien gezwungen und 2016 hat die Ukraine ein weißrussisches Flugzeug zur Landung in Kiew gezwungen. Wenn der Westen Weißrussland heute „Luftpiraterie“ oder „Staatsterrorismus“ vorwirft, kann man das daher nur als verlogen bezeichnen.

Man sieht also, dass der Westen den Fall ausschlachtet, um Stimmung gegen Weißrussland zu machen. Hinzu kommt, dass wir noch nicht einmal sicher sagen können, ob die Ryanair-Maschine tatsächlich zur Landung in Minsk gezwungen wurde, oder ob das die Entscheidung der Piloten war. Wenn letzteres der Fall wäre, dann würde ich gerne wissen, warum sie sich nicht für den nächstgelegenen Flughafen Vilnius entschieden haben, der ohnehin ihr Reiseziel war.

Cui Bono?

Da die öffentlich bekannten Fakten keine eindeutige Antwort darauf geben, wer in wessen Falle getappt ist, bleibt uns nur, ein wenig zu spekulieren und die Frage nach dem Cui Bono (wem nützt es), also die Frage nach den Motiven zu stellen.

Hatte Weißrussland einen Nutzen von der Geschichte? Natürlich, denn es konnte so einen im Land als Terroristen gesuchten Mann festnehmen. Aber war der so wichtig, dass Weißrussland diese Show organisiert hat, obwohl es wissen musste, dass das zu heftigen Reaktionen im Westen führen wird?

Nach dem vereitelten Putsch gegen Lukaschenko, der von den USA orchestriert war und bei dem Lukaschenko und seine Kinder getötet werden sollten, dürfte es Lukaschenko persönlich egal sein, was man im Westen über ihn denkt. Das Band zwischen Weißrussland und dem Westen dürfte zerrissen sein. Aber natürlich wird die westliche Medienmacht Einfluss auf die Lage in Weißrussland haben und an einer weiteren (potenziellen) Destabilisierung seines Landes dürfte Lukaschenko nicht interessiert sein, so wichtig dürfte ihm auch Prostasewitsch nicht sein. Unterm Strich hat Lukaschenko bei der Geschichte eher verloren.

Hatte der Westen einen Nutzen von der Geschichte? Auf jeden Fall, denn im Westen will man Lukaschenko stürzen, das ist nicht neu und wird auch von niemandem bestritten. An einer Destabilisierung Weißrusslands und an einem Vorwand für neue Sanktionen ist man im Westen ausdrücklich interessiert, weil das letztendlich zum Sturz von Lukaschenko führen könnte. Neue Sanktionen hat der Westen sofort verhängt, aber ob diese Geschichte zu neuen schweren Protesten – also einer Destabilisierung – in Weißrussland führt, werden wir sehen. Der Westen hat also mindestens zum Teil bekommen, was er wollte.

Der Westen hat sogar einen weiteren Märtyrer bekommen, denn noch vor drei Tagen wusste niemand, wer Prostasewitsch ist. Heute ist er für die Medien ein neuer „Held im Kampf für die Freiheit.“ Das könnte übrigens auch ein Grund dafür sein, dass Prostasewitsch nun in Minsk geständig ist, wenn er verstanden hat, dass seine Chefs aus dem Westen ihn eiskalt geopfert haben, um sein Schicksal für eine Medienkampagne zu nutzen. Immerhin drohen ihm 15 Jahre Haft, aber wenn er geständig ist und über die Ziele und Hintermänner auspackt, kann er seine Haftzeit stark verringern.

Seine Geständnisse werden von der westliche Presse bereits mit angeblicher Folter begründet. Warten wir mal ab, bis wir wissen, was er aussagt.

Fazit

Wenn man sich das anschaut, dann scheint der Kern der Geschichte nur eine Frage zu sein: Warum haben sich die Ryanair-Piloten zur Landung in Minsk entschlossen? War der Grund Druck Weißrusslands? War es ihre eigene Entscheidung? Oder war es vielleicht eine Anweisung von Ryanair? Dann müsste man Ryanair dazu befragen. Und man müsste den Funkverkehr veröffentlichen.

Es ist möglich, dass es weißrussischer Druck war. Es ist aber auch möglich, dass westliche Geheimdienste die Mail im richtigen Moment abgeschickt haben, denn Weißrussland hat auf die Mail „nach Vorschrift“ reagiert und die Piloten gewarnt. Wie sich die Piloten dann entscheiden, war ihre Sache, denn gemäß den Regeln für den zivilen Flugverkehr trägt der Flugkapitän die Verantwortung und kann in so einem Fall frei entscheiden. Trotzdem können in der Praxis sowohl Ryanair als auch Weißrussland diese Entscheidung beeinflusst haben. Ryanair könnte die Frage beantworten, schweigt aber.

Wir haben damit eine Situation, in der Aussage gegen Aussage steht. Wir haben Weißrusslands detaillierte Version der Ereignisse und die unbelegten Vorwürfe des Westens. Aufklärung könnten eine Veröffentlichung des Funkverkehrs und die Aussagen der Piloten bringen. Den Funkverkehr könnten auch die Weißrussen veröffentlichen, aber das würden die westlichen Medien wahlweise verschweigen oder als Propaganda hinstellen.

Daher liegt der Ball meiner Meinung nach im Westen: Der Westen müsste als Beweis gegen Weißrussland den Funkverkehr veröffentlichen und die Ryanair-Piloten vor der Presse erzählen lassen, ob (und von wem) sie bei ihrer Entscheidung unter Druck gesetzt wurden, oder warum sie sich aus freien Stücken für die Landung in Minsk entschieden haben.

Leider zeigt die Vergangenheit, dass der Westen noch nie Belege für seine Vorwürfe veröffentlicht hat. Anstatt nackter Fakten liefert der Westen in solchen Fällen regelmäßig eine massive Medienkampagne und es ist unwahrscheinlich, dass es dieses Mal anders sein könnte.

Nachtrag: Weißrussland hat den Funkverkehr veröffentlicht. Demnach hat der Fluglotse dem Ryanair-Flug empfohlen, nach Minsk zu fliegen. Von einer Anweisung oder gar Drohung (auch durch die MiG-29) war nicht die Rede. Ich habe den gesamten Funkverkehr übersetzt, Sie finden ihn hier.