Der Spiegel hat am 20. Mai unter der Überschrift „Scheidung von Bill und Melinda Gates – Anatomie einer Schlammschlacht“ das Kunststück fertig gebracht, aber auch gar keine kritischen Fragen zu dem Verhältnis zwischen Bill Gates und Jeffrey Epstein zu stellen. Im Gegenteil wurde nur der Eindruck erweckt, man berichte kritisch über Bill Gates.

Wer meine Einschätzung der Berichterstattung über die aktuellen Vorwürfe gegen Bill Gates für übertrieben hält, dem empfehle ich, sich an die Fälle von Harvey Weinstein und all den anderen zu erinnern, die im Zuge der MeToo-Bewegung medial geschlachtet wurden. Es reichte, dass irgendjemand ihnen (sexuelles) Fehlverhalten vorgeworfen hat und die Medien haben sich auf sie gestürzt und waren sofort mit Vorverurteilungen bei der Hand. Die Betroffenen hatten das Recht verwirkt, solange als unschuldig zu gelten, bis ein Gericht über ihre Fälle entschieden hat.

Ganz anders bei Bill Gates: Seine Kontakte zu dem verurteilten Zuhälter minderjähriger Mädchen werden heruntergespielt und dass Gates schlüpfrige Mails an seine Mitarbeiterinnen verschickt hat, ist den Medien auch keinen Vorwurf wert. Wer hier einen Zusammenhang mit den Millionenspenden sieht, die Bill Gates großzügig an Medien verteilt, der ist natürlich ein Verschwörungstheoretiker.

Dabei hat allein der Spiegel schon mehrmals Millionen von Gates erhalten, Geld dass das ehemalige Nachrichtenmagazin in Zeiten sinkender Auflagen und Einnahmen dringend braucht. Da kann man den edlen Spender natürlich nicht verärgern.

Alles nur eine Kampagne gegen Bill Gates

Der Spiegel beginnt seinen Artikel nach Manier der Regenbogenpresse und lässt sich über schmutzige Scheidungen von Prominenten aus. Frei nach dem Motto, da wird immer schmutzige Wäsche gewaschen, das muss man alles nicht so ernst nehmen.

Dann schreibt der Spiegel über die Vorwürfe gegen Bill Gates:

„Seitdem folgt eine Enthüllung auf die andere – und die meisten rücken Bill Gates in ein schlechtes Licht. Belästigungsvorwürfe, eine alte Affäre, Treffen mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein: Woher solche pikanten Interna stammen, lässt sich schwer beurteilen, nur vermuten.
Dahinter steckt womöglich Kalkül. »Respekt für Melinda Gates‘ PR-Team«, twitterte Sarah Jones, eine Autorin fürs »New York Magazine«. Ihr Kollege Christopher Ingraham von der »Washington Post« sprach von der »unglaublichsten Kampagne der verbrannten Erde«, die er je gesehen habe.“

Schuld ist also seine Frau Melinda. Die Frage, was Bill Gates bei Epstein verloren hatte, zumal nachdem der schon verurteilt war und Bill nicht behaupten konnte, er wisse nicht, mit wem er da auf Du-und-Du war, stellt der Spiegel nicht. Dem ehemaligen Nachrichtenmagazin ist es wichtiger, den guten Ruf von Bill Gates zu schützen, denn nach den zitierten Absätzen kommt folgender Absatz:

„Denn schon kratzen die Schlagzeilen an Gates‘ Image als Wohltäter und gutmütigem Genie von nebenan. Dieses Image hatten beide Partner gepflegt, in kuscheligen Interviews, bei denen er Pullis trug und sie sich über seine Witze amüsierte. (…) Jetzt frohlocken natürlich all jene, die immer schon wilde Verschwörungstheorien über Bill Gates gestreut haben“

Bloß keine Vorverurteilungen

Ich erinnere noch einmal daran, dass dem Spiegel und anderen „Qualitätsmedien“ im Zuge der MeToo-Debatte viel geringere Vorwürfe ausreichten, um jemanden medial und gesellschaftlich hinzurichten. Bei Bill Gates ist im Spiegel jedoch ist alles anders:

„Die Wahrheit kennen nur zwei Leute. Doch Bill Gates ist nicht der erste Prominente, dessen Verhalten zu Hause wie am Arbeitsplatz im Zuge der #MeToo-Bewegung unter die Lupe genommen wird.“

Kein kritisches Wort über die Kontakte von Bill Gates oder sein Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen. Die Tatsache, dass „nur zwei Leute“ die Wahrheit kennen, habe ich bei früheren MeToo-Fällen im Spiegel nie gelesen. Da wurde auf die Betroffenen eingeprügelt, derartige Aufrufe zur Zurückhaltung gab es in den Fällen nie.

Bei Bill Gates gelten eben andere Regeln.

Der Spiegel und Epstein: Von allem ablenken

Jeffrey Epstein hat minderjährige Mädchen missbraucht und sie als Zuhälter seinen Freunden, zu denen die reichsten und mächtigsten Männer der Welt gehörten, zugeführt. Dafür wurde er sogar rechtskräftig verurteilt. Trotzdem interessiert es die „Qualitätsmedien“ nicht, wer denn seine Freunde und Kunden waren. Die Frage nach Epsteins Kunden stellt der Spiegel nie, der Spiegel lenkt bei seinen Berichten über Epstein im Gegenteil immer von dieser Frage ab. Auch von den rätselhaften Umständen, unter denen Epstein im Gefängnis gestorben ist, bevor ein Richter ihn nach seinen Kunden fragen konnte, thematisiert der Spiegel nicht, Details zu all dem finden Sie hier.

Der aktuelle Spiegel-Artikel ist da keine Ausnahme, stattdessen wird das alles als kalter Kaffee dargestellt:

„Der verurteilte Sexualtäter starb 2019 im Gefängnis, bevor er erneut wegen Missbrauchs Minderjähriger vor Gericht kommen konnte. Dass Gates ihn gekannt hatte, ist nicht neu – auch nicht, dass er Epsteins Nähe suchte, als dessen Verurteilung in Florida wegen mehrere Sexualstraftaten bekannt war. Doch Enthüllungen in mehreren renommierten US-Medien, darunter der »New York Times«, dem »Wall Street Journal«, der Website »Daily Beast« und »People«, legen nahe, dass diese Bekanntschaft für Melinda French Gates ein, wenn nicht sogar der Auslöser für die Trennung gewesen ist.“

Anstatt danach zu fragen, was Bill Gates mit Epstein zu tun hatte, wird erstmal wieder auf die Scheidung abgelenkt. Der Spiegel schreibt danach in dem Artikel:

„Früheren und jetzigen Medienberichten zufolge trafen sich Gates und Epstein erstmals 2011 und danach noch »Dutzende Male«, bis der Kontakt 2014 abbrach.“

Wie passt das zusammen? Wie kann der Kontakt zu Epstein, den Bill Gates angeblich schon 2014 abgebrochen hat, sieben Jahre später plötzlich der Auslöser für die Scheidung sein? Diese Frage stellt der Spiegel nicht, dabei ist es offensichtlich: Entweder war der Kontakt zu Epstein nicht der Auslöser für die Scheidung, oder er war es, dann müsste der Kontakt aber auch nach 2014 noch bestanden haben. Ich will nicht spekulieren, aber wenn es so offensichtliche Widersprüche gibt, dann ist es die Pflicht eines Journalisten, nachzufragen. Aber das tut der Spiegel bei Bill Gates nicht.

Wie eng war der Kontakt zwischen Epstein und Gates?

Ein interessanter Satz in dem Spiegel-Artikel ist folgender:

„»Sein Lebensstil ist sehr anders und irgendwie faszinierend, auch wenn er für mich nicht funktionieren würde«, schrieb Gates nach neuesten Informationen der »New York Times« damals in einer E-Mail an Kollegen. Trotzdem habe Gates mehrmals in Epsteins Gegenwart angemerkt, dass er »in seiner Ehe unglücklich gewesen sei«.“

Etwas später kann man in dem Spiegel-Artikel folgendes lesen:

„»Ich habe ihn getroffen«, räumte Gates in einem Interview mit dem »Wall Street Journal« ein, das Anfang September 2019 erschien, einen Monat nach Epsteins Tod. Er dementierte aber alles Weitere: »Ich hatte keine Geschäftsbeziehung oder Freundschaft mit ihm.«“

Wenn Bill Gates zu Epstein weder private, noch geschäftliche Beziehungen hatte, warum hat er ihn dann so oft besucht? Und wieso redet man mit jemandem, zu dem man „keine Geschäftsbeziehung oder Freundschaft“ hat, über die eigenen Eheprobleme? Vielleicht geht das nur mir so, aber in meinem Freundeskreis ist es nicht üblich, mit wildfremden Menschen die eigenen Eheprobleme zu besprechen.

Der Spiegel stellt keine kritischen Fragen zu all den Widersprüchen in den Aussagen von Bill Gates, dabei ist es offensichtlich, dass Bill Gates die Unwahrheit sagt. Wir sollen glauben, er habe keinerlei Beziehungen zu Epstein gehabt, aber wozu haben sie sich dann überhaupt getroffen? Noch dazu, nachdem bereits allseits bekannt war, dass Epstein ein wegen Pädophilie verurteilter Sexualstraftäter war?

Weitere Widersprüche bei Bill Gates

Ohne kritische Fragen zu stellen, lässt der Spiegel dann den Sprecher von Bill Gates zu Wort kommen:

„Gates lässt die mutmaßlichen Details seiner Epstein-Kontakte nun erneut dementieren. Er habe sich weit weniger als »Dutzende Male« mit Epstein getroffen, wie nun behauptet werde, sagt Sprecherin Arnold dem SPIEGEL und verweist auf frühere, ähnliche Statements. Bei den Kontakten sei es »um Philanthropie« gegangen. Es sei »einfach nicht wahr«, dass es dabei »irgendwelche persönlichen Gespräche« gegeben habe, geschweige denn »ehelichen Rat« – oder »Rat jedweder Art«“

Es ist also „um Philanthropie“ gegangen. Bill Gates, wir erinnern uns, ist ja laut den Medien der philanthropische Wohltäter, der die Welt retten und nur Gutes tun möchte. Wieso trifft sich so ein engelsgleicher Wohltäter mit einem Mann, der seinen Freunden Minderjährige für Sex vermittelt? Und über welche Art von Philanthropie haben die beiden Weltverbesserer dabei gesprochen? Auch dazu stellt der Spiegel keine Fragen.

Weder der Fall Epstein, noch seine Verbindungen zu Ikonen des Spiegel (Bill Gates, Bill Clinton, etc.) sind dem ehemaligen Nachrichtenmagazin auch nur eine einzige kritische Frage wert. Wie tief kann Journalismus eigentlich noch sinken?

Belästigung von Mitarbeiterinnen

Dass Bill Gates auch noch vorgeworfen wird, eigene Mitarbeiterinnen angemacht zu haben, ist bei all dem eine Randepisode. Dem Spiegel, der sonst die MeToo-Hysterie auslebt, ist das aber auch keine kritischen Worte wert. Das klingt so:

„Auch sonst habe Gates eine »Reputation für fragwürdiges Benehmen« gehabt, wie die »New York Times« schreibt. So habe er mit mindestens zwei Angestellten – einer vom Konzern, einer von der Gates-Stiftung – geflirtet. Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen seinen langjährigen Finanzmanager Michael Larson habe Gates vertraulich beilegen wollen, was seine Ehefrau verärgert habe. Diese habe er außerdem in Sitzungen der Stiftung herablassend behandelt.“

Eine so sachliche Berichterstattung hätte ich mir vom Spiegel auch bei all den anderen MeToo-Fällen gewünscht, aber in diesem Genuss kommt nur Bill Gates.

Dabei wird ihm – hier muss sogar ich Bill Gates in Schutz nehmen – nichts schwerwiegendes vorgeworfen. Er hat Mitarbeiterinnen zum Abendessen eingeladen und wollte mehr. Das ist unmoralisch, denn er war verheiratet, aber mehr auch nicht. Schließlich gibt es (zumindest bisher) keine Berichte darüber, dass Bill Gates aufdringlich geworden wäre oder mit bei Ablehnung seiner Einladungen mit beruflichen Nachteilen gedroht hätte.

Im Gegenteil wird berichtet, er habe zum Beispiel eine Mitarbeiterin per Mail zum Essen eingeladen und sofort darauf hingewiesen, sie könne so tun, als habe es die Mail nie gegeben, wenn sie die das unangemessen findet. Ich denke, dass die meisten von uns schon aufdringlicher um ein Date gekämpft haben.

Sagen wir es, wie es ist: Bill Gates hat versucht, viele andere Frauen ins Bett zu bekommen, obwohl er verheiratet war. Das lässt nicht auf den besten Charakter schließen, aber es ist nicht strafbar und damit ist es seine Privatsache.

Immerhin endet der Spiegel-Artikel mit dem Absatz:

„Transparenzhinweis: Neben der Impfstoffforschung unterstützt die Gates-Stiftung auch Medienunternehmen in den USA und Europa, darunter das Projekt »Globale Gesellschaft« beim SPIEGEL mit rund 2,3 Millionen Euro über drei Jahre.“

Das waren sehr gut investierte 2,3 Millionen Euro, denn die Medien verschonen Bill Gates – im Gegensatz zu vielen anderen – mit jeglicher MeToo-Kritik. Und zu den offensichtlichen Widersprüchen in seinen Erklärungen zu seinem Verhältnis zu dem Zuhälter Epstein stellen die von Gates bezahlten Medien auch keine Fragen.

So geht kritischer „Qualitätsjournalismus“ heute.