Cherson: Teil 2 meiner dritten Reise in den Donbass
Am 18. Mai hat unsere Gruppe bestehend aus über 20 internationalen Journalisten Mariupol besucht, darüber habe ich schon berichtet. Bei dieser Reise war die Geheimhaltung besonders extrem, denn wir haben vor Antritt der Reise nicht erfahren, wohin es gehen würde. Uns wurde nur gesagt, wir würden in Gebiete fahren, wo vorher noch keine internationalen Journalisten […]
Am 18. Mai hat unsere Gruppe bestehend aus über 20 internationalen Journalisten Mariupol besucht, darüber habe ich schon berichtet. Bei dieser Reise war die Geheimhaltung besonders extrem, denn wir haben vor Antritt der Reise nicht erfahren, wohin es gehen würde. Uns wurde nur gesagt, wir würden in Gebiete fahren, wo vorher noch keine internationalen Journalisten gewesen sind.
Im Fadenkreuz der ukrainischen Armee
Schon bei früheren Fahrten in das Konfliktgebiet haben wir bemerkt, dass internationale Journalisten für die ukrainischen Streitkräfte reguläre Ziele sind. Es ist mehrfach vorgekommen, dass Orte, die wir besucht hatten, nur wenige Minuten später von der ukrainischen Armee mit Artillerie beschossen wurden. Das sind aus mehreren Gründen Kriegsverbrechen, denn erstens darf keine Konfliktpartei auf Journalisten schießen und zweitens handelte es sich bei den beschossenen Orten um zivile Ziele, es waren immer Wohngebiete, in denen es keine militärischen Ziele gegeben hat.
Unsere Reise sollte vom 18. bis zum 21. Mai dauern, also drei Übernachtungen umfassen. Die Reise musste jedoch vorzeitig abgebrochen werden, weil es der Ukraine irgendwie gelungen ist, Details unserer Reise (inklusive der Namen und sogar Passnummern) aller Teilnehmer zu kommen. Diese Daten wurden nach Beginn unserer Reise von vielen pro-ukrainischen Medien veröffentlicht, womit klar war, dass wir de facto zum Abschuss freigegeben waren.
Es war ursprünglich geplant, dass wir am 19. Mai nach Cherson fahren und dort zwei Tage und Nächte verbringen sollten. Allerdings hat die Veröffentlichung unserer Reisedaten die Reise sehr gefährlich gemacht und die Organisatoren haben den Journalisten bei der Ankunft in Cherson die Handys sogar abgenommen, damit wir nicht über unsere Handys zu orten waren oder gar jemand den Standort unseres Hotels veröffentlicht.
Cherson ist nur wenige Dutzend Kilometer von der Front entfernt und die ukrainische Armee beschießt die Stadt fast täglich mit ballistischen Raketen, daher waren die Organisatoren der Reise sehr nervös, ob die Ukrainer auf unseren Standort zielen könnten. Die Front war manchmal sogar zu hören, nachts gab es immer wieder deutlich hörbare Explosionen, wenn auch weit entfernt.
Die Fahrt nach Cherson
Der 19. Mai war ein reiner Reisetag, denn wir mussten knapp 600 Kilometer von Donezk nach Cherson zurücklegen, was auf den miserablen ukrainischen Straßen über 12 Stunden gedauert hat. Man muss wissen, dass es in der Ukraine keine Autobahnen oder ähnliches gibt, selbst die Verbindungen zwischen wichtigen Städten wie von Mariupol über Melitopol nach Cherson sind enge, einspurige Landstraßen.
Damit jedoch nicht genug, denn die Straßen in der Ukraine sind in einem entsetzlichen Zustand und voller Schlaglöcher. Das hat nichts mit dem Krieg im Donbass zu tun, den Kiew seit 2014 gegen seine eigene Bevölkerung führt, und auch nichts mit der russischen Militäroperation. Wer sich an die Wende 89/90 erinnert und damals in Osteuropa (oder der DDR) unterwegs gewesen ist, der weiß noch, in welch erbärmlichen Zustand die Straßen dort waren. Die Ukraine hat seit ihrer Unabhängigkeit nichts zu Verbesserung ihrer Straßen getan, sie sind de facto seit 40 oder 50 Jahren nicht repariert oder gar ausgebaut worden.
Entsprechend anstrengend war der Tag, aber er brachte auch neue Erkenntnisse, denn wir haben auf der 600 Kilometer langen Fahrt gesehen, wie die westlichen Medien lügen, wenn sie behaupten, Russland würde die Landwirtschaft dort behindern oder gar die Aussaat verhindern. Wir sind 600 Kilometer durch eine Landschaft bestehend aus frisch gepflügten oder frisch ausgesäten Feldern gefahren. Diese Bilder haben Kollegen mit ihrer Drohne bei den „Pinkelpausen“ auf der Fahrt gemacht.
Cherson
Cherson ist auch eine Stadt, die der russischen Armee kampflos übergeben wurde. Entsprechend sieht man in und um Cherson kaum Kriegsschäden. In der Stadt ist alles ruhig und das Leben verläuft weitgehend normal, wenn man von den Schlangen vor den Banken um Bargeld absieht. Da man dort nicht mehr mit ukrainischen Karten zahlen kann und ukrainische Griwna Mangelware sind, wird nun der russische Rubel als Zahlungsmittel eingeführt, um diese Probleme zu lösen.
Allerdings zeigt sich auch in Cherson, was ich schon erwähnt habe: Wie verfallen die Ukraine ist. Dieses Video habe ich im Stadtzentrum aufgenommen, wie man am Ende sieht, wo der zentrale Park der Stadt zu sehen ist. Trotzdem sind die Seitenstraßen noch nicht einmal asphaltiert.
Am 20. Mai haben wir das Hotel früh verlassen. Da es in Cherson keine nennenswerten Kriegsschäden oder ähnliches zu sehen gibt, hat man uns die Infrastruktur der Gegend gezeigt, was die westliche Propaganda ebenfalls Lügen straft, denn die russische Armee hat keine zivilen Ziele angegriffen, die Versorgung mit Strom, Wasser und Heizung funktioniert. So wurde uns zum Beispiel ein Wasserkraftwerk gezeigt, das die Gegend mit Strom beliefert. Die Halle mit den Generatoren war ziemlich beeindruckend.
Diese Kraftwerk ist aber noch aus einem anderen Grund ein wichtiger Ort, denn hier wurde nach 2014 das Wasser für die Krim zurückgehalten, was auf der Halbinsel erhebliche Probleme verursacht hat. Seit Beginn der russischen Militäroperation fließt das Wasser wieder auf die Krim.
Man fragt sich, wie die Herrschenden in Kiew ticken, wenn sie behaupten, die Menschen im Donbass oder auf der Krim seien ukrainische Bürger, Kiew aber gleichzeitig alles tut, um diese Menschen gegen sich aufzubringen, indem es Blockaden verhängt und im Donbass seit 2014 auf Zivilisten schießt. So, wie es das nun auch in Cherson tut. Gewinnt man so die Herzen der Menschen?
Die soziale Frage
Wir haben in Cherson auch die Wasserwerke und den Fahrzeugpark des öffentlichen Nahverkehrs gezeigt bekommen, wo alles seinen normalen Gang ging. Als wir das Hotel um 5 Uhr morgens verlassen haben, gab es dort allerdings kein Wasser. Das führte bei den Wasserwerken natürlich zu sehr energischen Fragen an die Sprecherin, die versicherte, es gäbe keine Probleme. Sie erklärte, dass das Hotel anscheinend nachts das Wasser abgeschaltet, um Geld zu sparen.
Als die Journalisten das nicht überzeugt hat und sie immer weiter nachgebohrt haben, hat sie uns schließlich spontan in den Kundenbereich geführt und uns aufgefordert, die Menschen dort zu fragen. Und tatsächlich hat kein Kunde von Problemen mit der Wasserversorgung berichtet.
Das lag übrigens nicht daran, dass die Kunden Angst gehabt hätten, sich zu beschweren, denn diejenigen, die gegen die russische Intervention waren, haben das sehr deutlich in die Kameras gesagt. Für Cherson scheint das gleiche zu gelten, was ich schon Anfang März in Melitopol beobachtet habe: Die schweigende Mehrheit unterstützt die russische Intervention, eine eher laute Minderheit ist dagegen. Wobei ich hinzufügen muss, dass die Gegner der russischen Intervention inzwischen weit weniger emotional sind, als noch im März in Melitopol.
Beim Besuch des Fahrzeugparks des ÖPNV hatte ich die Gelegenheit, ausführlich mit dem amtierenden Bürgermeister zu sprechen, der unauffällig am Rande stand und von niemandem erkannt wurde. In der Ukraine ist das größte soziale Problem, dass der IWF gefordert hat, alle Subventionen auf Wohnnebenkosten zu streichen, sodass ukrainische Rentner mit ihrer Rente von weit weniger als 100 Euro Wohnnebenkostrechnungen von 60 bis 90 Euro bezahlen müssen.
Der Bürgermeister erklärte mir ausführlich die Probleme, das zu ändern, denn es sei sogar noch schlimmer: Weil die Überweisungen in Kiew bearbeitet werden, sei nicht sicher, dass Zahlungen, die Bewohner von Cherson an die Stadtwerke leisten, auch auf dem Konto der Stadtwerke ankommen, weil das Geld in Kiew zurückgehalten werden kann. Die Stadt hat die Menschen daher aufgefordert, die aktuelle Rechnung nicht zu zahlen.
Im nächsten Monat sollen die Tarife um etwa 40 Prozent gesenkt werden, weil die Versorgung dann aus Russland und zu russischen Preisen erfolgen wird. Bis dahin wird auch das Bankensystem entsprechend umgestellt, damit das Geld auch garantiert bei den Stadtwerken ankommt.
Dieser Schritt wird ganz sicher zu einer steigenden Zustimmung der Menschen dort für Russland führen, denn sie werden demnächst im eigenen Geldbeutel spüren, wie sehr sie nach dem Maidan von Kiew betrogen wurden, das die Preise für Strom, Heizung und Wasser um weit über 1.000 Prozent erhöht hat. Das ist eines der größten sozialen Probleme in der Ukraine und in den von Russland kontrollierten Gebieten dürfte es bald der Vergangenheit angehören.
Die Delfine
Wir haben uns schon Mittags aus Cherson auf den Rückweg gemacht. Unsere Reise sollte auf der Krim enden, wobei noch ein Abstecher in eine kleine Stadt namens Kladovsk gemacht wurde. Dort wurde uns eine Brotfabrik gezeigt, in der es einerseits keinerlei Probleme mit der Produktion gab, denn Getreide und Mehl gibt es reichlich, deren Direktor aber auf andere aktuelle Probleme aufmerksam gemacht hat. Durch die vielen Kontrollposten, die es derzeit aus Sicherheitsgründen auf den Landstraßen gibt, wurde die Fahrtzeit nach Cherson sehr viel länger, weshalb er seine Kunden aus Cherson an dortige Konkurrenten zu verlieren droht.
Das Beispiel zeigte ein weiteres Mal, dass es den Organisatoren der Reisen nicht darum geht, uns Journalisten ein Jubelbild der Situation zu zeigen. Uns wurden auch die Probleme gezeigt, die die derzeitige Situation mit sich bringt. Das gilt auch für Kladovsk, denn das Städtchen liegt direkt am Schwarzen Meer und lebt von den Sommergästen. Ob in diesem Sommer jedoch viele Touristen dorthin kommen werden, ist fraglich. Da die Menschen Angst um ihre Einnahmen aus der Sommersaison haben, hörten wir dort mehr kritische Stimmen als in anderen Städten, die ich besucht habe.
Aber es gibt auch eine schöne Geschichte aus Kladovsk zu erzählen. Das Städtchen hat ein Delfinarium, dessen Besitzer aus Kiew jedoch nach dem Beginn der russischen Intervention die Finanzierung eingestellt hat. Daraufhin haben Soldaten der russischen Nationalgarde, die dort für die Bewachung wichtiger Infrastruktur zuständig waren, den Delfinen über einen Monat lang aus ihren privaten Mitteln Fisch gekauft, bis sich ein Sponsor für die Delfine gefunden hat. Der Delfintrainer, der uns in dem Delfinarium herumgeführt hat, war entsprechend begeistert von den russischen Soldaten.
Vor dem Delfinarium hat sich auch eine Szene abgespielt, die wir Journalisten danach heftig diskutiert haben. Dort waren auch Familien mit Kindern und ein kleiner Junge war unglaublich interessiert an dem Gewehr eines unserer Bewacher. Der Junge wollte unbedingt, dass der Soldat mal in die Luft schießt, aber der Soldat hat dem Jungen ruhig erklärt, dass Schießen immer schlecht ist.
Er hat den Jungen, der einfach keine Ruhe geben wollte, aber schließlich das Gewehr anfassen lassen, nachdem er das Magazin entfernt hatte. Die Fotos davon haben wir danach diskutiert, denn sie zeigen einen maskierten, stämmigen und bis an die Zähne bewaffneten russischen Soldaten, der zärtlich mit einem sehr kleinen ukrainischen Jungen umgeht. Diese Fotos zeigen eindrücklich, dass es in der Region zwar Menschen gibt, die gegen die russische Intervention sind, aber dass dort niemand Angst vor den russischen Soldaten hat, was die westliche Propaganda Lügen straft. Würden die Russen wahllos töten und vergewaltigen, wie im Westen behauptet wird, würde sich keine Mutter mit ihrem kleinen Kind in die Nähe der russischen Soldaten wagen.
Aber wir Journalisten haben uns schließlich entschieden, diese Bilder nicht zu zeigen, weil wir – im Gegensatz zu den westlichen Medien – im Informationskrieg keine Bilder von Kindern missbrauchen wollen.
Die Rückreise
Aufgrund der Sicherheitsbedenken war das unser letzter Stopp und die Organisatoren hatten es eilig, auf die Krim zu kommen und uns wieder nach Hause zu bringen. Da über dem Gebiet, auch über Südrussland, der Flugverkehr eingestellt ist, war geplant, dass wir von der Krim mit dem Zug nach Moskau fahren würden, was bei uns allen keine Begeisterung ausgelöst hat, denn die Reise hätte zwei Tage gedauert.
Umso glücklicher waren wir, als uns mitgeteilt wurde, dass man uns mit einer Militärmaschine nach Moskau bringen würde. Das war ein wirklich einmaliges Erlebnis, vor allem, wenn man sich so sehr für die Fliegerei interessiert, wie ich. Wir wurden nämlich mit einer Transportmaschine vom Typ Il-76 zurückgeflogen, die bis zu drei gepanzerte Mannschaftswagen transportieren kann. Und in diesem riesigen, über 20 Meter langen Frachtraum waren nun nur wir etwa 40 Leute mit unseren Begleitern. Komfortabel ist so ein Flug natürlich nicht, aber dafür ist er sehr interessant, ich durfte mir sogar einige der Instrumente in der Nase des Flugzeugs anschauen.
Leider war uns streng verboten, Fotos zu machen. Es gab einige lohnenswerte Motive, denn wir alle waren müde und gegen Ende des Fluges, der mit einer Zwischenlandung in Rostow trotzdem über acht Stunden gedauert hat, waren wir alle fix und fertig und haben in dem Frachtraum kreuz und quer auf den Sitzbänken oder dem blanken Boden geschlafen.
Diese Reisen sind immer sehr interessant und jede ist anders als die vorherige. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Es sind keine Erholungsreisen und Schlaf ist dabei purer Luxus.