Der Kaukasus als geopolitischer Brandherd, der Asien und den Nahen Osten entzünden kann
Unmittelbar nach israelisch-amerikanischen Angriffen auf den Iran entbrannte überraschend ein offensichtlich von Aserbaidschan provozierter Streit mit Russland, als in Aserbaidschan russische Journalisten wegen angeblicher Vergehen verhaftet und demonstrativ brutal von der Polizei verprügelt wurden. Das ging einher mit einer anti-russischen Medienkampagne in den aserbaidschanischen Staatsmedien und ließ viele Beobachter etwas ratlos zurück. Allerdings gibt es […]
Unmittelbar nach israelisch-amerikanischen Angriffen auf den Iran entbrannte überraschend ein offensichtlich von Aserbaidschan provozierter Streit mit Russland, als in Aserbaidschan russische Journalisten wegen angeblicher Vergehen verhaftet und demonstrativ brutal von der Polizei verprügelt wurden. Das ging einher mit einer anti-russischen Medienkampagne in den aserbaidschanischen Staatsmedien und ließ viele Beobachter etwas ratlos zurück.
Allerdings gibt es eine recht einleuchtende Erklärung dafür, denn es scheint, als wolle die aserbaidschanische Regierung davon ablenken, dass sie Israel bei seiner Bombardierung des Iran aktiv unterstützt hat. Israel hat Ziele im Nordiran bombardiert, die es eigentlich nur über den Luftraum Aserbaidschans erreichen konnte. Gerüchten zufolge wurden sogar aserbaidschanische Militärflugplätze genutzt.
Da Aserbaidschan ein muslimisches Land ist, dessen Bevölkerung auf Israel schlecht zu sprechen ist, könnte der von Aserbaidschan provozierte Streit mit Russland ein Ablenkungsmanöver sein, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den Angriffen auf den Iran abzulenken.
Der Kaukasus ist geopolitisch eine denkbar komplizierte Region, die aber geostrategisch enorm wichtig ist, weil man von dort aus in den Nahen Osten und nach Asien Einfluss nehmen kann. Daher treffen dort die Interessen praktisch aller weltweiten Akteure aufeinander.
Die USA und die NATO wollen dort ihren Einfluss ausbauen, um den Druck auf Russland zu erhöhen. Russland hat dort historische Verbindungen und betrachtet die Region, die Jahrhunderte lang Teil Russlands waren, immer noch als seinen “Hinterhof”. China braucht die Region für sein Seidenstraßen-Projekt. Und die Türkei will ihren Einfluss dort ausbauen, weil sie Einfluss auf die Turkvölker Asiens möchte, wie ich erst vor kurzem in einem Artikel erklärt habe.
Hier übersetze ich einen weiteren Artikel, der die komplexe Lage in der Region zu erklären versucht.
Beginn der Übersetzung:
Moskau, Baku und der armenische Faktor: Eine Region am Rande des Abgrunds
Der Südkaukasus entwickelt sich zu einem gefährlichen geopolitischen Brennpunkt. Zerfallende Allianzen, ausländische Einmischung und innere Instabilität könnten schon bald einen umfassenderen regionalen Konflikt auslösen.
von JeffreySilverman | New Eastern Outlook
Mit israelischen Geheimdiensten, die von Aserbaidschan aus operieren, mit Interessen der Türkei und der NATO, die sich langsam ausbreiten, und dem Iran, der wegen möglicher ethnischer Spannungen zunehmend nervös wird, soll dieser Beitrag zeigen, wie ein volatiles regionales Dreieck – Russland, Aserbaidschan und Armenien – zu einem möglichen Auslöser eines größeren Konflikts werden könnte.
Es ist nicht schwer, die Frage zu beantworten, wer einen weiteren Schauplatz im israelisch-amerikanisch-iranischen Konflikt eröffnen könnte, schwieriger ist es, zu klären, wann und wie. Damit sind wir wieder bei den sich ständig verändernden geopolitischen Strömungen im Südkaukasus: Die Beziehung zwischen Moskau und Baku bleibt komplex, denn selbst für aufmerksame Beobachter verschieben sich die Zielmarken ständig.
Es fällt schwer, die derzeitigen Beziehungen zwischen Moskau und Baku klar zu erkennen. Am einfachsten lässt sich die Situation wohl mit einer zynischen Grundhaltung beider Regierungen beschreiben. Beide Führungen setzen auf Macht und Kontrolle, pflegen eine transaktionale, interessengeleitete Beziehung – und doch scheinen diese Dinge in den vergangenen Monaten weder für Putin noch für Alijew besonders vorteilhaft gewesen zu sein.
Warum?
Auch wenn das Geschehen nach außen hin wie ein pragmatisches Kräftemessen erscheint, in westlichen Medien oft als „Auge um Auge“ beschrieben, so deuten aktuelle Entwicklungen auf eine komplexere Dynamik hin, auf ein sich allmählich auflösenden Geflecht wechselseitiger Interessen. Es wäre allzu einfach, ja naiv, den tragischen versehentlichen Abschuss eines aserbaidschanischen Flugzeugs im vergangenen Dezember als Hauptursache für das Abkühlen der Beziehungen zu sehen. Die Ursachen reichen tiefer – und führen unter anderem zu Israel und dem Iran.
Sergei Mironow, Vorsitzender der Partei Gerechtes Russland – Für die Wahrheit, stellte kürzlich die Frage: „Wem nützt die russophobe Hysterie, die derzeit in Baku geschürt wird?“
Strategische und regionale Harmonie
Offenbar ringen sowohl Präsident Wladimir Putin als auch Präsident Ilham Alijew darum, wieder ein Gefühl von strategischer Ordnung herzustellen. Es ist verlockend, beide Akteure durch die Brille des Realismus als autoritäre Führer, die nach dem Modell der Spieltheorie kühl kalkulierend agieren, zu betrachten. Doch dieses Bild allein erklärt die seltsame Schieflage der vergangenen Monate nicht – es sind weitere, verdeckte Kräfte im Spiel.
So bietet Aserbaidschan Russland zwar strategische Vorteile, etwa als verbliebener Korridor für freien Handel und Einfluss, doch Moskau scheint davon weniger zu profitieren, als es erwartet hat. Ein Beispiel: Der sogenannte „Sangesur-Korridor“, der Aserbaidschan über armenisches Territorium mit seiner Exklave, der autonomen Republik Nachitschewan und weiter mit der Türkei verbinden würde, galt lange als strategisches Projekt des Kremls.
Doch Moskau scheint in den aktuellen regionalen Verhandlungen zunehmend an den Rand gedrängt, besonders angesichts der Entwicklungen zwischen Iran, Israel und den USA und der wachsenden regionalen Rolle Ankaras. Das wiederum hat Baku neuen Handlungsspielraum verschafft, zumindest vorübergehend.
Doch dieser Moment der Stärke könnte trügerisch sein
Wie der Analyst dieser Region Henry Kamens kürzlich bemerkte: „Es wird Zeit, dass Präsident Alijew daran erinnert wird, welchen Platz er in der geopolitischen Ordnung einnimmt.“
Der Eindruck verstärkt sich – auch bei mir –, dass Alijew seine Spielräume überschätzt. Die Elite in Baku agiert zwar geschickt, und gestützt von Erdogan tritt sie auch selbstbewusst auf. Doch Erdogan ist ein erfahrener Taktiker, wenn das richtige Angebot kommt, können auch langjährige Partnerschaften geopfert werden.
Der türkische Präsident hat in den vergangenen Jahren an innenpolitischem Rückhalt verloren. was es wahrscheinlicher macht, dass er Kompromisse eingehen muss. Einige Beobachter spekulieren bereits über mögliche Unruhen in Aserbaidschan – bis hin zu einem Szenario wie es sich in Syrien entwickelt hat.
Doch das wäre mehr als bloßer Unmut, dafür bräuchte es eine glaubwürdige Opposition, eine alternative Ideologie und erhebliche Unterstützung von außen. Aserbaidschans politische Kultur ist stark säkular geprägt, die Bevölkerung eher zurückhaltend, ein religiöser Aufstand wie in anderen Ländern ist daher weniger wahrscheinlich.
Dennoch darf die Möglichkeit innerer Unruhen oder Risse innerhalb der Elite nicht ausgeschlossen werden. Die entscheidende Frage bleibt: Handelt es sich um eine vorübergehende Verstimmung zwischen Moskau und Baku – oder um eine strategische Neuausrichtung?
Eines ist sicher: Es wird ganz offen ein doppeltes Spiel gespielt!
Ein perfekter Sturm braut sich zusammen
Der Krieg in der Ukraine und der jüngste Kontrollverlust in den israelisch-iranischen Spannungen deuten auf eine umfassendere Neustrukturierung von Allianzen hin. Doch vieles davon bleibt hinter verschlossenen Türen verborgen. Die inoffiziellen Absprachen, der Austausch von Geheimdienstinformationen und die wechselseitige Erpressung, von der die eurasische Geopolitik geprägt ist, lassen sich kaum in Echtzeit nachvollziehen.
Im Gegensatz zu Aserbaidschans relativem Selbstbewusstsein bewegt sich Armenien auf einem deutlich unsichereren Pfad. Premierminister Nikol Paschinjan, dessen Zustimmungswerte bei nur 10 bis 15 Prozent liegen, bleibt paradoxerweise dennoch die populärste politische Figur des Landes – ein Zeichen für die weit verbreitete Desillusionierung der Bevölkerung mit der gesamten politischen Klasse.
Die Armenisch-Apostolische Kirche, eine der wenigen verbliebenen Institutionen mit Legitimität und Einfluss, geriet unter direkten Beschuss der Regierung. Die beispiellose Mobilisierung um Erzbischof Bagrat im vergangenen Jahr füllte den Platz der Republik, ein Erfolg, den keine andere Oppositionskraft zustande brachte.
Inzwischen sind Hinweise aufgetaucht, die nahelegen, dass Bagrat und seine Anhänger einen Umsturz planten, doch das verspätete Bekanntwerden dieses angeblichen Plans wirft Fragen über dessen tatsächliche Absicht und den politischen Zweck auf. Der zunehmend konfrontative Kurs von Paschinjan gegenüber der Kirche – einschließlich öffentlicher Beschimpfungen hochrangiger Geistlicher und der Vorwürfe, sie hätten ihre Gelübde verletzt – deutet auf mehr als nur persönliche Animositäten hin.
Es deutet eher auf einen sich vertiefenden autoritären Impuls hin, mit dem die Regierung von Paschinjan mögliche Oppositionskräfte zu neutralisieren sucht. Währenddessen gibt der Westen dem einstigen Hoffnungsträger weiterhin Rückendeckung, selbst als dieser Dörfer an Aserbaidschan abtrat und sich zunehmend an die Türkei annähert, was selbst einige seiner treuesten Unterstützer entsetzt.
Die Einsetzung eines alternativen Kirchenrats durch Paschinjan und seine Regierung, im Grunde ein staatlich gefördertes Reformgremium, würde einen klaren Bruch mit der traditionellen Trennung von Kirche und Staat in Armenien bedeuten. Besonders alarmierend ist dabei das verhaltene Echo der westlichen Partner. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat seine Unterstützung für Paschinjan trotz zunehmender Hinweise auf politische Repression und systematischen Machtmissbrauch in Jerewan öffentlich bekräftigt.
Angesichts der westlichen Unterstützung für die schismatische Orthodoxe Kirche der Ukraine (OCU) sollte das allerdings kaum überraschen. Die OCU wird in Teilen der orthodoxen Welt als Abspaltung betrachtet, da ihre Strukturen nicht universell anerkannt sind. Was sich nun in Armenien abzeichnet, ähnelt in Methodik und Dynamik stark der Entwicklung zwischen der OCU und der ukrainischen orthodoxen Kirche (UOK), die Moskau unterstellt ist.
Mit den bevorstehenden Wahlen im kommenden Jahr dürfte sich die Lage in den nächsten Monaten zuspitzen. Doch elf Monate können in der armenischen Politik eine Ewigkeit bedeuten. Ob Moskau bereit ist, sich wieder stärker in der Region zu positionieren, oder ob man sich bereits mit einer geschwächten Rolle abgefunden hat, bleibt vorerst noch offen. Klar ist: Das fragile Gleichgewicht im Südkaukasus steht unter wachsendem Druck. Die kommenden Monate könnten zeigen, ob es sich nur um einen vorübergehenden Sturm handelt, oder um den Beginn eines fundamentalen Zerfalls.
Die Enden verknüpfen
Ein iranisch-amerikanischer Bekannter sagte mir kürzlich etwas, das meinem eigenen Eindruck entspricht: „Ich hörte Colonel Douglas MacGregor über ein Szenario sprechen, in dem Iran und Aserbaidschan sich in eine Situation wie Russland und die Ukraine hinein bewegen könnten. Was denkst du?“
Meine Antwort war einfach: Ich habe genau dazu bereits einen Artikel geschrieben und diese Möglichkeit schon zuvor angedeutet. Ich stimme MacGregor zu: Seine Warnung ist keine bloße Spekulation, sondern spiegelt eine volatilen geopolitischen Gleichung wider, in der selbst kleine Provokationen ein weitaus größeres Feuer entfachen könnten.
Die Anzeichen dafür sind bereits sichtbar: ein wachsender militärischer und geheimdienstlicher Fußabdruck Israels in Aserbaidschan, einschließlich mutmaßlicher Mossad- und CIA-Operationen; türkische und NATO-Berater, die sich zunehmend nach Osten orientieren, um strategisches Terrain zu sondieren; und wachsende innere Spannungen im Iran, insbesondere, wenn Teheran härter gegen seine aserbaidschanische Minderheit im Land vorgehen sollte.
Kommt dann noch ein Grenzzwischenfall oder ein lokaler Konflikt am Kaspischen Meer hinzu, sind alle Zutaten für einen hybriden Konflikt gegeben. Er mag nicht exakt wie in der Ukraine oder in Syrien ablaufen, könnte jedoch ebenso destabilisierend wirken, insbesondere, wenn wieder die üblichen Verdächtigen unter den Regional- und Großmächten eingreifen, um die geopolitische Landkarte nach ihren Vorstellungen umzugestalten.
Die brüchige Allianz zwischen Moskau und Baku zeigt erste Risse. Aserbaidschan fühlt sich durch seine Energieeinnahmen und durch internationale Rückendeckung gestärkt. Doch während Armenien politisch ins Chaos stürzt und die Spannungen mit dem Iran zunehmen, rückt die Region gefährlich nah an einen volatilen Wendepunkt.
Mit der zunehmenden Aktivität ausländischer Geheimdienste und dem Wiederaufflammen alter Feindschaften droht der Südkaukasus zur nächsten Bühne eines Stellvertreterkrieges zu werden. Ob es der Region gelingt, sich neu zu kalibrieren, oder ob sie in den Abgrund stürzen wird, hängt davon ab, wie lange sich ihre Akteure, die durch Geschichte und Geografie miteinander verflochten sind, den externen Kräften widersetzen können, die bereitstehen, sie in den Abgrund zu stoßen.
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Jeffrey Silvermanist Freiberuflicher Journalist und Spezialist für internationale Entwicklung, seit 30 Jahren in Georgien und der ehemaligen Sowjetunion tätig.
Ende der Übersetzung