Der Artikel, den die New York Times am 29. März veröffentlicht hat, ist so heikel, dass deutsche Medien wie der Spiegel ihn ihren Lesern bisher verschweigen. Die New York Times hat in einem Artikel, der kopiert in ein Word-Dokument 26 Seiten A-4 lang ist, im Detail aufgezeigt, wie die USA, Großbritannien und die NATO generell in der Ukraine Krieg gegen Russland geführt haben und offenbar immer noch führen.

Die Staaten des Westen haben die Ukraine mit detaillierten Informationen in Echtzeit versorgt und die Ziele für ukrainische Artillerie- und Raketenangriffe auf russische Truppen und sogar auf Ziele in Russland selbst festgelegt. Nach der Lektüre des Artikels kann niemand mehr bestreiten, dass die USA, Großbritannien und im Grund die NATO selbst in der Ukraine Krieg gegen Russland führen.

All das, was die New York Times berichtet, ist für Leser des Anti-Spiegel nicht wirklich neu, denn hier habe ich oft erklärt, warum die Staaten des Westens längst Kriegsparteien im Krieg gegen Russland sind und dass die Ukraine Langstreckenangriffe nach Russland – nicht nur mit westlichen Waffen, sondern auch mit eigenen Drohnen – gar nicht selbst durchführen kann, weil sie die nötigen Aufklärungsdaten nicht hat und die Flugpläne, die die russische Luftabwehr möglichst umgehen sollen, gar nicht programmieren kann.

Auch wenn das an sich nichts Neues ist, sind die vielen Details, über die die New York Times berichtet, sehr interessant. Und ich wiederhole es: Der Inhalt ist so brisant, dass deutsche Medien wie der Spiegel ihren Lesern den Artikel bisher komplett verschweigen, obwohl er bereits vor zwei Tagen erschienen ist. (Nachtrag: Da ich auf Reisen bin, habe ich diesen Artikel einen Tag vor Veröffentlichung geschrieben. Danach hat der Spiegel am Abend des 31. März, also mit mehr als zwei Tagen Verspätung, endlich über den Artikel der New berichtet, seinen Lesern jedoch verschwiegen, wie heikel die Enthüllungen der New York Times sind)

Da der Artikel extrem lang ist, habe ich beschlossen, ihn in mehreren Teilen zu veröffentlichen. Weil der Artikel selbst in mehrere Teile gegliedert ist, habe ich diese Gliederung übernommen. Gestern habe ich die Einleitung übersetzt, heute erscheint der erste Teil des Artikels, in dem bestätigt wird, dass die US-Armee mit Genehmigung der Biden-Regierung alle „ukrainischen“ Angriffe mit HIMARS-Raketen kontrolliert hat, danach werde ich täglich einen weiteren Teil veröffentlichen. Das Bild habe ich aus dem Original übernommen.

Beginn der Übersetzung:

Die Partnerschaft: Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine

Dies ist die bisher nicht erzählte Geschichte der klandestinen Rolle der USA bei ukrainischen Militäroperationen gegen die russischen Truppen. Der Autor Adam Entous führte mehr als ein Jahr lang über 300 Interviews mit Vertretern aus Regierungen, Militär und Geheimdiensten in der Ukraine, den USA, Großbritannien, Deutschland, Polen, Belgien, Lettland, Litauen, Estland und der Türkei.

Teil 1 – Februar bis Mai 2022: Der Aufbau von Vertrauen – und einer Tötungsmaschinerie

Frontverlauf im Mai 2022 –  rot: russisch besetzt | rosa: seit 2014 russisch | hellblau: von der Ukraine zurückerobert

Mitte April 2022, etwa zwei Wochen vor dem Treffen in Wiesbaden, befanden sich US-amerikanische und ukrainische Marineoffiziere in einer routinemäßigen Besprechung, als plötzlich etwas Unerwartetes auf ihren Radarschirmen auftauchte. Ein ehemaliger hochrangiger US-Militärbeamter erinnerte sich: „Die US-Amerikaner sagten: ‚Oh, das ist die Moskwa!‘ Die Ukrainer antworteten: ‚Oh mein Gott. Vielen Dank. Tschüss.‘“

Die Moskwa war das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Die Ukrainer versenkten es.

Das Sinken des Schiffs war ein bedeutender Erfolg – ein Beweis für ukrainische Fähigkeit und russische Unfähigkeit. Doch die Episode verdeutlichte auch den noch unkoordinierten Zustand der ukrainisch-amerikanischen Zusammenarbeit in den ersten Kriegswochen. Die US-Amerikaner waren verärgert, weil die Ukrainer sie nicht im Voraus informiert hatten; überrascht, dass die Ukraine überhaupt über Raketen verfügte, die das Schiff erreichen konnten; und alarmiert, weil die Regierung von Joe Biden nicht beabsichtigt hatte, die Ukrainer in die Lage zu versetzen, ein so mächtiges Symbol russischer Macht anzugreifen.

Die Ukrainer wiederum verharrten in einer tief verwurzelten Haltung des Misstrauens. Ihr Krieg, so ihre Sichtweise, hatte bereits 2014 begonnen, als Putin die Krim übernahm und separatistische Aufstände im Osten der Ukraine ausbrachen. Präsident Barack Obama verurteilte die Annexion und verhängte Sanktionen gegen Russland. Doch aus Angst, dass ein US-amerikanisches Eingreifen eine umfassende Invasion provozieren könnte, genehmigte Obama nur stark eingeschränkten Austausch von Geheimdienstinformationen und lehnte Forderungen nach Waffen ab. „Decken und Nachtsichtgeräte sind wichtig, aber mit Decken kann man keinen Krieg gewinnen“, beklagte sich der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Schließlich lockerte Obama die Beschränkungen in Bezug auf die Geheimdienste, während Donald Trump diese in seiner ersten Amtszeit noch zusätzlich lockerte. Zudem lieferte er den Ukrainern ihre ersten Panzerabwehrraketen vom Typ Javelin.

Dann, in den schicksalhaften Tagen vor Russlands groß angelegter Invasion am 24. Februar 2022, schloss die Regierung Biden die US-Botschaft in Kiew und zog sämtliches Militärpersonal aus dem Land ab. Nur ein kleines Team von CIA-Agenten durfte bleiben. Aus ukrainischer Sicht, so ein hochrangiger US-Militär, sagten ihnen die USA: „Die Russen kommen – macht’s gut.“

Als US-amerikanische Generäle nach der Invasion ihre Unterstützung anboten, stießen sie auf eine Mauer des Misstrauens. „Wir kämpfen gegen die Russen. Nicht Ihr. Warum sollten wir auf euch hören?“, wetterte der ukrainische Befehlshaber der Bodentruppen, Generaloberst Alexander Syrsky, bei seinem ersten Treffen mit den Vertretern der USA. Doch General Syrsky änderte bald seine Meinung: Die US-Amerikaner konnten eine Art von Aufklärung über das Gefechtsfeld liefern, zu der seine eigenen Leute niemals in der Lage gewesen wären.

In diesen ersten Tagen bedeutete dies, dass General Donahue und einige wenige seiner Mitarbeiter mit kaum mehr als ihren Handys Informationen über russische Truppenbewegungen an General Syrsky und dessen Stab weitergeben konnten. Doch selbst diese improvisierte Zusammenarbeit berührte eine empfindliche Rivalität innerhalb der ukrainischen Streitkräfte – zwischen General Syrsky und seinem Vorgesetzten, dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Waleri Saluschny. Für die Anhänger von Saluschny nutzte General Syrsky die Verbindung zu den US-Amerikanern bereits zu seinem eigenen Vorteil.

Erschwerend kam hinzu, dass General Saluschny ein angespanntes Verhältnis zu General Mark A. Milley hatte, seinem US-amerikanischen Amtskollegen und Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs. In Telefongesprächen hinterfragte General Milley mitunter die ukrainischen Wünsche nach Ausrüstung oder erteilte Ratschläge für das Schlachtfeld, basierend auf Satellitenaufnahmen auf den Bildschirmen in seinem Büro im Pentagon. Darauf folgte oft ein unangenehmes Schweigen, bevor General Saluschny das Gespräch abrupt beendete – und manchmal ignorierte er die Anrufe von Milley auch ganz.

Um den Kontakt aufrechtzuerhalten, initiierte das Pentagon eine ausgeklügelte Telefonkette: Ein Adjutant von Milley rief zunächst den Kommandeur der kalifornischen Nationalgarde an, Generalmajor David S. Baldwin. Baldwin kontaktierte daraufhin einen wohlhabenden Industriellen aus Los Angeles namens Igor Pasternak, der in Lwiw mit Alexej Resnikow, dem damaligen ukrainischen Verteidigungsminister, aufgewachsen war. Resnikow wiederum suchte General Saluschny auf und sagte ihm: „Ich weiß, dass du sauer auf Milley bist, aber du musst ihn anrufen.“

Aus dieser losen Allianz formte sich nach und nach in einer Kette von Ereignissen rasch eine echte Partnerschaft.

Im März, als der Angriff auf Kiew ins Stocken geriet, änderten die Russen ihre Kriegspläne und richteten ihre Ambitionen neu aus. Sie verlegten zusätzliche Truppen nach Osten und Süden – ein logistisches Meisterstück, von dem die US-Amerikaner annahmen, dass sowas Monate dauern würde. Aber es dauerte nur zweieinhalb Wochen.

Sollte die Ukraine-Koalition ihre eigenen Ziele nicht ebenfalls anpassen, so folgerten General Donahue und der Befehlshaber der US Army in Europa und Afrika, General Christopher G. Cavoli, würden die zahlenmäßig weit unterlegenen und schlechter ausgerüsteten Ukrainer den Krieg verlieren. Die Koalition musste also damit beginnen, schwere Offensivwaffen zu liefern –Artilleriegeschütze vom Typ M777 und die dazugehörende Munition.

Die Regierung Biden hatte zuvor bereits notfallmäßig Lieferungen von Flugabwehr- und Panzerabwehrwaffen veranlasst. Doch die M777-Haubitzen waren eine völlig andere Kategorie – der erste große Schritt zur Unterstützung eines umfassenden Bodenkriegs. Verteidigungsminister Lloyd J. Austin und General Milley betrauten das 18. Luftlandekorps mit der Lieferung der Waffen und der Schulung der Ukrainer für deren Einsatz. Als Präsident Biden schließlich die Lieferung der M777 genehmigte, wurde das Auditorium in Wiesbaden zu einem vollwertigen Hauptquartier umfunktioniert.

Ein polnischer General wurde zum Stellvertreter von General Donahue ernannt. Ein britischer General übernahm die Leitung des Zentrums für Logistik auf dem vormaligen Basketballfeld des Stützpunkts, während ein Kanadier der für die Ausbildung verantwortliche Stellvertreter war. 

Der Keller des Auditoriums wurde zu einem sogenannten Fusion Center, das Aufklärung über russische Gefechtsstellungen, Bewegungen und Absichten lieferte. Dort arbeiteten, laut Geheimdienstquellen, Offiziere der CIA, der NSA, des militärischen Nachrichtendienstes und der nationalen US-Behörde für Geographische Aufklärung Seite an Seite mit Geheimdienstoffizieren der Koalitionspartner.

Das 18. Luftlandekorps ist auch als Dragon Corps bekannt, die neue Operation erhielt somit den Operationsnamen Task Force Dragon. Alles, was noch fehlte, um die Teile zusammenzufügen, war die zurückhaltende ukrainische Militärführung.

Bei einer internationalen Konferenz am 26. April auf der Luftwaffenbasis Ramstein in Deutschland stellte General Milley dem ukrainischen Verteidigungsminister Alexej Resnikow und einem Stellvertreter von Saluschny die Generäle Cavoli und Donahue vor. „Das hier sind eure Leute“, sagte General Milley zu den Ukrainern und fügte hinzu: „Ihr müsst mit ihnen zusammenarbeiten. Sie werden euch helfen.“ So entstanden erste Vertrauensbande und Resnikow stimmte zu, mit General Saluschny zu sprechen. Zurück in Kiew stellte Resnikow die Delegation für Wiesbaden zusammen. „Und so begann es“, erinnerte er sich.

Im Herzen der Zusammenarbeit standen zwei Generäle – der ukrainische Generalleutnant Michajl Sabrodsky und der US-Amerikaner Donahue. General Sabrodsky fungierte als Verbindungsoffizier der Ukrainer in Wiesbaden, wenn auch inoffiziell, da er zu dieser Zeit Abgeordneter im Parlament war. In jeder anderen Hinsicht war er jedoch die ideale Besetzung.

Wie viele seiner Zeitgenossen im ukrainischen Militär kannte Generalleutnant Sabrodsky den Feind gut. In den 1990er-Jahren hatte er die Militärakademie in St. Petersburg absolviert und fünf Jahre in der russischen Armee gedient.

Er kannte aber auch die US-Amerikaner: Von 2005 bis 2006 hatte er an der Führungs- und Generalstabsakademie der Army in Fort Leavenworth, Kansas, studiert. Acht Jahre später führte Sabrodsky eine riskante Mission hinter den Linien der russlandtreuen Truppen in der Ostukraine durch, inspiriert von einer Operation, die er in Fort Leavenworth studiert hatte: der berühmten Aufklärungsmission des konföderierten Generals J.E.B. Stuart über die Potomac-Armee von General George B. McClellan. Diese Mission in der Ostukraine rückte Sabrodsky ins Blickfeld einflussreicher Persönlichkeiten im Pentagon; sie erkannten in ihm einen Anführer, mit dem man zusammenarbeiten konnte.

Generalleutnant Sabrodsky erinnerte sich an seinen ersten Tag in Wiesbaden: „Meine Mission war es herauszufinden: Wer ist dieser General Donahue? Welche Befugnisse hat er? Wie viel kann er für uns tun?“

General Donahue war ein Star in der klandestinen Welt der Spezialkräfte. Gemeinsam mit CIA-Kommandoeinheiten und lokalen Partnern hatte er in der Vergangenheit im Irak, in Syrien, Libyen und Afghanistan Anführer von Terrorgruppen gejagt. Als Kommandeur der Eliteeinheit Delta Force baute er eine enge Zusammenarbeit mit kurdischen Kämpfern im Kampf gegen den Islamischen Staat in Syrien auf. General Cavoli verglich ihn einmal mit „einem Helden aus einem Action Comic“.

Nun zeigte er Generalleutnant Sabrodsky und seinem Begleiter, Generalmajor Alexander Kyrylenko, eine Karte des Frontgebiets in der Ost- und Südukraine – die russischen Truppen waren den ukrainischen zahlenmäßig weit überlegen. Bezüglich dem Schlachtruf „Ruhm der Ukraine“ stellte Donahue von vornherein klar: „Ihr könnt so viel Slava Ukraini rufen, wie ihr wollt – aber mit anderen Leuten. Es interessiert mich nicht, wie tapfer ihr seid. Schaut euch die Fakten an.“ Anschließend erläuterte er ihnen einen Plan, mit dem sie bis zum Herbst einen Vorteil auf dem Schlachtfeld erringen könnten, erinnerte sich General Sabrodsky.

Die erste Phase war bereits im Gange: Ukrainische Artilleristen wurden an den neuen M777-Haubitzen ausgebildet. Die Task Force Dragon sollte ihnen anschließend helfen, diese Waffen einzusetzen, um den russischen Vormarsch zu stoppen. Unmittelbar danach sollten die Ukrainer eine Gegenoffensive starten.

Noch am selben Abend schrieb Generalleutnant Sabrodsky an seine Vorgesetzten in Kiew.

 „Wissen Sie, viele Länder wollten die Ukraine unterstützen“, erinnerte er sich. „Doch jemand musste die Koordination übernehmen, alles organisieren, die akuten Probleme lösen und herausfinden, was wir in Zukunft brauchen werden. Ich schrieb dem Oberbefehlshaber: Wir haben unseren Partner gefunden.“

Nach und nach begannen die Ukrainer in Wiesbaden einzutreffen – fast 20 an der Zahl, darunter Geheimdienstoffiziere, Einsatzplaner, Spezialisten für Kommunikation und Feuerleitung. Jeden Morgen, so berichteten Offiziere, versammelten sich die Ukrainer und US-Amerikaner, um russische Waffensysteme und Bodentruppen zu analysieren und die wertvollsten Ziele zu identifizieren. Die Prioritätenlisten wurden dann an das nachrichtendienstliche Analysezentrum übergeben, wo Offiziere Datenströme auswerteten, um die genauen Standorte der Ziele zu bestimmen.

Innerhalb des US-Kommandos für Europa führte dieser Prozess zu einer nervenaufreibenden und heiklen Debatte: War es angesichts der Brisanz der Mission nicht zu provokativ, von „Zielen“ zu sprechen? Einige Offiziere hielten den Begriff für angemessen, andere nannten sie „Geheimdienst-Tipps“, weil russische Truppen oft in Bewegung waren und die Informationen vor Ort verifiziert werden mussten.

Die Debatte entschied schließlich Generalmajor Timothy D. Brown, der Nachrichtendienstchef des US-Kommandos für Europa: Die Standorte russischer Truppen wurden als „Points of Interest“ (Anhaltspunkte) bezeichnet, Luftbedrohungen als „Tracks of Interest“ (interessante Fährten). Falls jemals jemand fragen sollte, ob Ziele an die Ukrainer weitergegeben wurden, konnte man mit gutem Gewissen antworten: „Nein, es wurden keine weitergegeben“, erklärte ein US-Beamter. 

Jeder „Anhaltspunkt“ musste den nachrichtendienstlichen Regeln zur Weitergabe entsprechen, um damit das Risiko einer russischen Vergeltung gegen NATO-Partner zu minimieren. Es gab keine „Anhaltspunkte“ auf russischem Boden. Falls ukrainische Befehlshaber Angriffe innerhalb Russlands durchführen wollten, so erläuterte Generalleutnant Sabrodsky, mussten sie dafür eigene Geheimdienstinformationen und in der Ukraine produzierte Waffen nutzen. „Unsere Botschaft an die Russen lautete: Dieser Krieg soll innerhalb der Ukraine geführt werden“, sagte ein hochrangiger US-Beamter dazu.

Das Weiße Haus verbot außerdem die Weitergabe von Geheimdienstinformationen über den Aufenthaltsort „strategisch wichtiger“ russischer Führungspersonen, wie des Oberbefehlshabers der Streitkräfte, General Waleri Gerassimow. „Stellen Sie sich vor, wie es für uns wäre, wenn wir wüssten, dass die Russen einem anderen Land geholfen haben, unseren obersten Stabschef zu ermorden“, sagte ein hochrangiger US-Beamter. „Wir würden wegen sowas in den Krieg ziehen.“ Ebenso durfte die Task Force Dragon keine Geheimdienstinformationen weitergeben, in denen die Standorte einzelner russischer Soldaten identifiziert wurden.

Das System funktionierte folgendermaßen: Die Task Force Dragon teilte den Ukrainern mit, wo sich russische Truppen befanden. Um jedoch nachrichtendienstliche Quellen und Methoden vor der russischen Gegenspionage zu schützen, wurde nicht preisgegeben, wie diese Informationen beschafft wurden. Die Ukrainer sahen in einer gesicherten Cloud lediglich Ketten von Koordinaten, die in Prioritätsstufen unterteilt waren – Priorität 1, Priorität 2 und so weiter. Als die Ukrainer einmal wissen wollten, warum sie diesen Informationen vertrauen sollten, erinnerte sich Generalleutnant Sabrodsky, war die Antwort von General Donahue: „Macht euch keine Gedanken darüber, wie wir es herausgefunden haben. Vertraut einfach darauf, dass das Ziel zu treffen, wenn ihr darauf feuert – und euch wird das Ergebnis gefallen. Und wenn nicht, dann sagt es uns und wir machen wir es besser.“

Das System trat im Mai in den operativen Betrieb. Das erste Ziel war ein gepanzerter Artillerieaufklärungsradar namens Zoopark, mit dem die Russen Waffensysteme wie die ukrainischen M777-Haubitzen aufspüren konnten. Das Analysezentrum ortete einen Zoopark in der Nähe des russisch besetzten Donezk im Osten der Ukraine. Die Ukrainer griffen zu einer Finte: Zunächst eröffneten sie das Feuer auf russische Stellungen. Sobald die Russen den Radar aktivierten, um das einfliegende Geschoss zu orten, konnte das Analysezentrum dessen genaue Koordinaten erfassen und den Angriff vorbereiten.

Am entscheidenden Tag, so erzählte Generalleutnant Sabrodsky, rief General Donahue den Bataillonskommandeur an, um ihn zu motivieren: „Fühlst Sie sich gut?“ fragte er. „Ich fühle mich richtig gut“, erwiderte der Ukrainer. General Donahue überprüfte daraufhin die Satellitenbilder, um sicherzustellen, dass das Ziel und die M777-Haubitze korrekt positioniert waren. Erst dann eröffnete der Artillerist das Feuer und zerstörte den Aufklärungsradar.

Doch eine entscheidende Frage blieb: Konnte dieses System, das bei einem einzelnen, stationären Ziel funktioniert hatte, auch gegen mehrere Ziele in einer groß angelegten, dynamischen Schlacht eingesetzt werden?

Diese Herausforderung stellte sich in der Schlacht nördlich von Donezk, in Severodonetsk. Dort planten die Russen, mit einer Pontonbrücke den Fluss zu überqueren, um die Stadt einzukesseln und einzunehmen. Generalleutnant Sabrodsky bezeichnete es als „ein verdammt gutes Ziel“.

Das darauffolgende Gefecht wurde weithin als ein früher und bedeutender ukrainischer Sieg gewertet. Die Pontonbrücken wurden zu tödlichen Fallen und nach ukrainischen Schätzungen kamen mindestens 400 russische Soldaten ums Leben. Unerwähnt blieb, dass die US-Amerikaner die „Anhaltspunkte“ geliefert hatten, die halfen, den russischen Angriff zu vereiteln.

In den ersten Kriegsmonaten konzentrierten sich die Kämpfe größtenteils auf den Osten der Ukraine. Doch der US-Geheimdienst verfolgte auch die russischen Truppenbewegungen im Süden, insbesondere einen massiven Truppenaufbau nahe der Großstadt Cherson. Daraufhin wurden mehrere M777-Besatzungen dorthin verlegt und die Task Force Dragon begann damit, Koordinaten für Angriffe auf russische Stellungen in der Region bereitzustellen.

Mit wachsender Erfahrung lieferte die Task Force Dragon immer schneller verwertbare Zielkoordinaten und die Ukrainer griffen diese immer schneller an. Je effektiver sie die M777-Haubitzen und ähnliche Systeme nutzten, desto mehr lieferte die Koalition nach – und Wiesbaden versorgte sie mit immer neuen „Anhaltspunkten“.

„Wissen Sie, wann wir angefangen haben zu vertrauen? Als Donahue sagte: ‚Hier ist eine Liste mit Stellungen’. Wir prüften die Liste und antworteten: ‚Diese 100 Positionen sind gut, aber wir brauchen noch 50 weitere.‘ – und sie schickten die anderen 50“, erinnerte sich Generalleutnant Sabrodsky.

Die M777-Haubitzen wurden zum Rückgrat der ukrainischen Armee. Doch da ihre 155-Millimeter-Granaten in der Regel nicht weiter als 24 Kilometer reichten, konnten sie die russische Übermacht an Soldaten und Ausrüstung nicht ausgleichen. Um den Ukrainern einen entscheidenden Vorteil durch Präzision, Geschwindigkeit und Reichweite zu verschaffen, schlugen die Generäle Cavoli und Donahue bald einen viel größeren Schritt vor – die Lieferung von High-Mobility-Artillery-Rocket-Systeme (HIMARS). Diese satellitengesteuerten Raketenwerfer ermöglichten Angriffe in eine Tiefe von bis zu 80 Kilometern.

Die darauf folgende Debatte spiegelt die sich wandelnde Denkweise der Amerikaner wider. Das Pentagon zögerte zunächst, da man befürchtete, die begrenzten Bestände an HIMARS der US-Streitkräfte zu erschöpfen. Doch im Mai reiste General Cavoli nach Washington und überzeugte die Entscheidungsträger. 

„Milley sagte immer: Eine kleine russische Armee kämpft gegen eine große russische Armee – auf die selbe Weise. So können die Ukrainer nie gewinnen“, erinnerte sich Celeste Wallander, damals stellvertretende Verteidigungsministerin für internationale Sicherheitsangelegenheiten. “Das Argument von Cavoli sei gewesen: Mit HIMARS können sie kämpfen wie wir – und genau so werden sie anfangen, die Russen zu besiegen.“

Im Weißen Haus wogen Präsident Biden und seine Berater dieses Argument gegen die Sorge ab, dass eine Eskalation Russland in Panik versetzen und den Krieg ausweiten könnte. Ein Beamter erinnerte sich daran, wie es sich anfühlte, als die Generäle HIMARS forderten: „Es war, als stünde man an einer Linie und sich fragte: Wenn wir jetzt einen Schritt nach vorne machen, beginnt dann der Dritte Weltkrieg?“ Doch als das Weiße Haus schließlich diesen Schritt tat, wurde die Task Force Dragon „zum Backoffice dieses Krieges“.

Wiesbaden überwachte jeden einzelnen Angriff mit HIMARS. General Donahue und seine Berater prüften die ukrainischen Listen mit Zielen und berieten sie bei der Positionierung der Werfer und der Planung der Angriffe. Die Ukrainer durften ausschließlich Koordinaten verwenden, die ihnen die US-Amerikaner bereitstellten. Zum Abfeuern eines Sprengkopfes benötigten die Mannschaften der HIMARS eine spezielle elektronische Schlüsselkarte – eine Karte, die von den US-Amerikanern jederzeit deaktiviert werden konnte.

Angriffe mit HIMARS, bei denen 100 oder mehr russische Soldaten getötet oder verwundet wurden, ereigneten sich beinahe wöchentlich. Die russischen Truppen waren wie benommen und zunehmend verwirrt. Ihre Moral sank – und mit ihr der Wille zu kämpfen. Und als das Arsenal der HIMARS von acht auf 38 wuchs und die ukrainischen Streitkräfte im Umgang damit immer versierter wurden, stieg die Zahl der Opfer laut einem US-Beamten um das bis zu Fünffache.

„Wir wurden ein kleiner Teil – vielleicht nicht der beste Teil, aber ein kleiner Teil – eures Systems“, erklärte Generalleutnant Sabrodsky. „Die meisten Staaten haben dafür zehn, zwanzig oder dreißig Jahre gebraucht. Aber wir waren gezwungen, es innerhalb weniger Wochen zu meistern.“ 

Gemeinsam bauten die Partner eine tödliche Kriegsmaschinerie auf.

Ende der Übersetzung

Morgen folgt Teil 2:  Nachdem ihr Russland besiegt habt, werden wir euch endgültig blau machen