Erst vor wenigen Stunden habe ich über die Durchsuchungen des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine (NABU) berichtet, die am Morgen in Jermaks Wohnung und seinem Büro im ukrainischen Präsidialamt stattgefunden haben. Einige Stunden später teilte Selensky in seiner allabendlichen Videoansprache mit, Jermak habe seinen Rücktritt eingereicht. Ob Jermak tatsächlich aus eigenem Antrieb zurückgetreten ist, oder ob er „zurückgetreten wurde“, ist Spekulation.

Der Schritt war überfällig und wurde in Kiew nach den Dursuchungen des NABU in Jermaks Wohnung und seinem Büro umso lauter gefordert und auch erwartet. Jermak war de facto der zweitmächtigste Mann des Landes, manche sahen in ihm sogar den heimlichen Machthaber in der Ukraine. Er hatte seinen Posten als Selenskys Büroleiter geschickt genutzt, um die Macht in seinen Händen zu vereinen, denn bei ihm liefen die Strippen zu Geheimdiensten, Regierung, Ministerien, Behörden, Staatsbetrieben und so weiter zusammen. Und er hatte sich in Kiew sehr viele Feinde gemacht, die seit langem seinen Rücktritt forderten.

Nachdem der Korruptionsskandal bekannt geworden war und nachdem auch bekannt geworden war, dass auf den veröffentlichten Audiomitschnitten der Gespräche der Korruptionäre klare Hinweise auf Jermaks Beteiligung an den Machenschaften zu hören waren, wurden die Forderungen an Selensky, Jermak zu feuern, auch in seiner eigenen Fraktion immer lauter. Aber noch vor knapp einer Woche rief Selensky die Abgeordneten seiner Fraktion zusammen und erteilte den Forderungen, Jermak zu feuern, eine klare Absage.

Auch aus den USA war in den letzten Monaten immer wieder zu hören, dass man nicht gut auf Jermak zu sprechen ist. Die Liste der Gegner Jermaks wuchs innerhalb und außerhalb der Ukraine, während die Liste seiner Freunde schrumpfte. Aus den Meldungen der Nachrichtenticker der letzten Wochen und Monate bekam man den Eindruck, dass Jermak nur noch einen Freund hatte, der sich offen zu ihm bekannte. Und das war Selensky.

Das ist auch kein Wunder, denn Selensky brauchte die Machtstrukturen, die Jermak geschaffen hatte, um die wachsende Kritik an seiner Politik unter Kontrolle zu halten.

Die USA erhöhen den Druck

Das NABU wurde 2016 auf Druck der USA gegründet und ist faktisch der US-Regierung unterstellt. Im NABU gibt es einen FBI-Mitarbeiter, der die Arbeit überwacht und die „Wünsche“ Washingtons direkt weitergibt.

Als das NABU am 10. November die Bombe des bisher größten amtlich bestätigten Korruptionsskandals der Ukraine platzen ließ, indem das NABU die Audiomitschnitte veröffentlichte, auf denen die Korruptionäre besprachen, wie sie den Energieversorger Energoatom mit Hilfe von fingierten Rechnungen um hundert Millionen Dollar bestohlen haben, war die Unruhe in Kiew groß. Das NABU veröffentlichte fünf Tage lang schrittweise weitere Audiomitschnitte, wa den Druck auf Selensky erhöhte, und legte dann eine Pause ein.

Dass diese Veröffentlichungen ein Wink aus den USA an Selensky waren, ist jedem klar. Was genau die Trump-Regierung von Selensky wollte, bleibt Spekulation, aber da kurz darauf Trumps Friedensplan bekannt wurde, dürfte der Zweck hinter den Veröffentlichungen gewesen sein, Selensky kompromissbereiter zu stimmen. Aber Selensky ist bisher keineswegs kompromissbereit und vor allem Jermak äußerte öffentlich „rote Linien“ der Ukraine, die man als klare Kritik an Trumps Plan verstehen musste.

Die Durchsuchungen bei Jermak am Freitag waren daher keine wirkliche Überraschung. Sie zeigen, dass die US-Regierung den Druck erhöht, indem das NABU nun sogar in Selenskys eigenem Präsidialamt Räume durchsuchen ließ. Die Einschläge kommen auch für Selensky näher, wie man so schön sagt.

Selensky stark geschwächt

Allerdings dürfte die US-Regierung (noch) kein Interesse daran haben, Selensky selbst mit öffentlichen Korruptionsermittlungen zu diskreditieren, denn der US-Regierung dürfte ein geschwächter und damit leichter kontrollierbarer Selensky derzeit lieber sein, als ein neuer ukrainischer Machthaber, der unberechenbarer sein könnte als Selensky.

Darauf scheint Selensky zu setzen, denn zumindest offiziell bleibt er bei seiner ablehnenden Haltung zu Trumps Plan, auch wenn Selensky seine Ablehnung so diplomatisch wie möglich formuliert. Es ist also ein bisschen wie ein Pokerspiel zwischen der US-Regierung und Selensky, bei dem die US-Regierung versucht, Selensky gefügig zu machen, der sich dagegen aber dank der Unterstützung der EU zur Wehr setzen kann, und bei dem Selensky darauf setzt, dass die US-Regierung nicht so weit geht, auch seine eigene Korruption über das NABU öffentlich zu machen.

Die Durchsuchungen bei Jermak zeigen jedoch, dass die US-Regierung durchaus bereit ist, Selenskys engstes Umfeld anzugreifen und in Kiew notfalls Chaos zu stiften, wenn Selensky ungehorsam bleibt.

In jedem Falle ist Selensky politisch geschwächt und auch er hat sich in der Ukraine viele Feinde gemacht. Selensky ist durch die Korruptionsermittlungen politisch geschwächt. Und der Verlust von Jermak bedeutet auch einen Verlust von realer Macht, denn die Frage ist nun, ob überhaupt jemand da ist, der das von Jermak aufgebaute Netzwerk der Macht auf die Schnelle übernehmen und kontrollieren kann.

Ukrainische Medien behaupten, dass die neue ukrainische Ministerpräsidentin Swiridenko den Posten von Jermak übernehmen soll, was aber bisher nicht bestätigt ist. Dazu müsste sie jedoch ihren Posten als Ministerpräsidentin räumen, was auch eine weitere Regierungsumbildung in der Ukraine bedeuten könnte.

Verhandlungen mit den USA

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die USA Jermak loswerden und den Druck auf Selensky erhöhen wollten, ist die Tatsache, dass die Durchsuchungen bei Jermak nur einen Tag vor der geplanten nächsten Runde amerikanisch-ukrainischer Gespräche stattfanden. Diese Gespräche hatte bisher Jermak als ukrainischer Delegationsleiter geführt.

In seiner Videoansprache, in der Selensky Jermaks Rücktritt verkündete, teilte er auch mit, wer die Verhandlungen nun führen soll, zu denen sich die ukrainische Delegation am Samstag mit Trumps Sondergesandten Witkoff und Trumps Schwiegersohn Kushner treffen soll.

Die ukrainische Delegation soll nun vom Chef des ukrainischen Generalstabes und vom Sekretär des ukrainischen Nationalen Sicherheitsrates geleitet geleitet werden. Letzterer ist Rustem Umerow, der allerdings ebenfalls eine Rolle in dem Korruptionsskandal spielt und vielleicht der nächste ist, den das NABU sich vornimmt, wenn die Ukrainer sich weiterhin dem Willen der USA widersetzen.

„Fatale Kombination“

Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Tweet des polnischen Ministerpräsidenten Tusk, der auf X schrieb, es sei eine „fatale Kombination“, dass am Freitag der ungarische Ministerpräsident Orban zu Gesprächen bei Putin sei, während bei den ukrainischen Verhandlungen mit Witkoff „Chaos“ und in Kiew eine „politische Krise“ herrsche.

In der EU, wo man den Korruptionsskandal am liebsten komplett übersehen und ignorieren würde, sieht man die Schwächung Selenskys natürlich mit großer Sorge. Die EU kann Selensky schließlich nur so lange bei der Fortsetzung des Krieges gegen Russland den Rücken stärken, wie Selensky selbst diese Fortsetzung fordert und nicht vor dem Druck der USA einknickt.