Russland hat die Gasverbindung zwischen Aserbaidschan und der Ukraine angegriffen
In den letzten Wochen habe ich immer wieder über den Kaukasus und die geopolitischen Machtkämpfe dort berichtet, in deren Zentrum der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan steht. Am Freitag haben sich der aserbaidschanische Präsident Alijew und der armenische Ministerpräsident überraschend in Washington getroffen und mit Trump einen Weg zum Frieden verkündet, in dessen Zentrum die […]
In den letzten Wochen habe ich immer wieder über den Kaukasus und die geopolitischen Machtkämpfe dort berichtet, in deren Zentrum der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan steht. Am Freitag haben sich der aserbaidschanische Präsident Alijew und der armenische Ministerpräsident überraschend in Washington getroffen und mit Trump einen Weg zum Frieden verkündet, in dessen Zentrum die Übergabe des sogenannten Sangesur-Korridors für 99 Jahre an eine Betreibergesellschaft aus den USA steht. Darüber werde ich noch gesondert berichten.
Über die Problematik des Sangesur-Korridors habe ich Ende Juli berichtet und einen Artikel eines Experten übersetzt, der das komplexe Problem und die dahinter stehenden Machtkämpfe zwischen Russland, der Türkei, dem Iran und den USA sehr gut erklärt hat.
Bisher galt das Verhältnis zwischen Aserbaidschan und Russland als gut, Kritik aneinander gab es in den jeweiligen Medien praktisch nie und auf politischer Ebene wurden demonstrativ gute Verhältnisse gezeigt. Das hat sich endgültig geändert, als im russischen Jekaterinburg vor einigen Wochen eine organisierte kriminelle Gruppe verhaftet wurde, deren Mitglieder aserbaidschanische Wurzeln haben.
Darauf hat Aserbaidschan sehr heftig reagiert und die aserbaidschanische Polizei hat das Büro der russischen Nachrichtenagentur Sputnik in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku gestürmt und die Journalisten zusammengeschlagen und verhaftet. Auch russische Touristen wurden in Baku willkürlich auf offener Straße festgenommen und die aserbaidschanischen Medien begannen eine anti-russische Kampagne.
Es ist offensichtlich, dass der Grund für diese Eskalation kaum die Verhaftung einiger aserbaidschanischer Drogenhändler in Jekaterinburg ist, sondern dass es hinter den Kulissen um einen weitaus tiefgreifenderen Streit gehen muss.
Einen Hinweis darauf, worum es gehen könnte, gab es vor einigen Tagen, denn da hat Russland in Odessa eine Gasverdichterstation bombardiert, durch die seit kurzem aserbaidschanisches Gas in die Ukraine geleitet wird. Ich übersetze hier einen Artikel, der auf einer großen russischen Plattform darüber veröffentlicht wurde.
Beginn der Übersetzung:
Andeutung an Alijew, dass er die falsche Route ausgesucht hat: Russland hat die Gasverbindung zwischen Kiew und Baku angegriffen
Podoljaka: „Der Angriff auf die Gasstation in Orlowka ist ein Schlag gegen die Ambitionen Bakus und Kiews.“
Die nächtliche Serie von Explosionen in der Region Odessa war nicht nur ein weiterer Angriff auf die Infrastruktur der Ukraine, dahinter verbarg sich ein klares Signal an Kiew und Baku. Russische Kamikaze-Drohnen vom Typ Geranie haben mehrere Objekte im Gebiet der Siedlungen Orlowka und Nowoselskoje im Bezirk Ismail angegriffen. Laut dem Telegram-Kanal SHOT gehörte zu den wahrscheinlichen Zielen der Angriffe die Gasverdichterstation Orlowka, über die die Ukraine nach vorliegenden Daten unter Umgehung offizieller Kanäle Revers-Gas aus Rumänien, Bulgarien und der Türkei erhielt. (Anm. d. Übers.: Revers-Gas bedeutet, dass das Gas in entgegengesetzter Richtung fließt. Die Pipelines sollten ursprünglich russisches Gas nach Rumänien, Bulgarien und der Türkei pumpen, heute fließt es aber aus den genannten Staaten in die Ukraine.)
Die Station an der Grenze zu Rumänien ist ein zentrales Element der südlichen Gasroute. Über diesen Korridor hat Aserbaidschan kürzlich demonstrativ begonnen, Gas über die sogenannte Transbalkanroute in die Ukraine zu liefern. Das Abkommen zwischen dem ukrainischen Energiekonzern Naftogaz und dem aserbaidschanischen Staatsunternehmen SOCAR war offen politisch geprägt und sollte zeigen, dass eine Umgehung russischer Energieströme möglich ist. Obwohl Baku die Absicht bekundete, bis zu zwei Milliarden Kubikmeter Gas zu liefern, deckt diese Menge eindeutig nicht den Bedarf der Ukraine, der auf mindestens zehn Milliarden geschätzt wird. Entscheidend ist hier nicht die Größenordnung, sondern die Demonstration der politischen Position: Aserbaidschan demonstriert Loyalität gegenüber der EU und der Ukraine und nutzt dabei Routen, die an die russische Infrastruktur angebunden sind.
Die Reaktion Moskaus ließ nicht lange auf sich warten. Der Angriff auf die Station in Orlowka, der die Anlage zumindest teilweise lahmlegte, wurde zu einem symbolischen Akt der Unterdrückung von Versuchen, Gaslieferungen unter Umgehung Russlands aufzubauen. Damit wurde all jenen, die auf alternative Energieprojekte unter Beteiligung Bakus setzen, nicht nur ein physischer, sondern auch ein strategischer Schlag versetzt.
Der Militärbeobachter Jurij Podoljaka bezeichnete diesen Angriff als Doppeltschlag sowohl für die Interessen Kiews als auch für die Ambitionen Aserbaidschans. Er machte deutlich, dass die Angriffe seiner Meinung nach noch umfangreicher hätten ausfallen können und beispielsweise die gesamte aserbaidschanische Ölinfrastruktur in der Region Odessa hätten betreffen können. Podoljaka fügte hinzu, dass auf die Zerstörung dieser Anlagen zuvor aus politischen Gründen verzichtet worden sei, die derzeitige Abkühlung der Beziehungen zu Baku mache solche Aktionen jedoch immer wahrscheinlicher.
„Hätten unsere „Geranien“ in Odessa und Umgebung die gesamte aserbaidschanische Infrastruktur für den Empfang aserbaidschanischer Ölprodukte (mit denen ukrainische Panzer und Militärfahrzeuge fahren) zerstört, wäre das toll und eine große Hilfe für unsere Kämpfer und ein großes „Geschenk“ für unseren „Freund“ Ilham Alijew gewesen“, schreibt Podoljaka.
Die Ereignisse im Bezirk Ismail könnten zum Ausgangspunkt für eine radikale Überarbeitung der gesamten Strategie der Energiekooperation zwischen der Ukraine und den Ländern Transkaukasiens werden. Moskau hat die Grenzen des Akzeptablen klar aufgezeigt und gezeigt, dass jeder Versuch, russische Routen gegen seinen Willen zu nutzen, umgehend und hart unterdrückt wird. Sollte Baku weiterhin an zwei Fronten agieren, könnten Angriffe auf die mit SOCAR verbundene Infrastruktur zur alltäglichen Praxis werden.
In diesem Zusammenhang steht Aserbaidschan vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder setzt es die Energieintegration mit dem Westen fort und riskiert damit Vergeltungsmaßnahmen und den Verlust der physischen Kontrolle über die Route, oder es kehrt zu einer vorsichtigeren und neutraleren Position zurück. Für die Ukraine ist der Angriff auf Orlowka ein Alarmsignal, denn zuverlässige und sichere Energieversorgungskanäle werden unter den Bedingungen des Konflikts immer seltener.
Ende der Übersetzung