Dass deutsche Medien über den Mordanschlag in Monaco nicht allzu viel berichten, war abzusehen, denn wenn sie dem deutschen Publikum auch nur die gesicherten Fakten erzählen würden, würde das ein mehr als schlechtes Licht auf die Ukraine werfen. Und das wollen die deutschen Medien natürlich um jeden Preis verhindern.

Wer ist Jermolajew?

Gesichert ist, dass das Opfer Wadim Jermolajew seine Millionen in der ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk als Bauunternehmer gemacht hat, in der er Geschäftsgebäude gebaut hat und betreibt. Seine Methoden waren dabei längst nicht immer legal, was in der korrupten Ukraine aber keine Seltenheit ist.

Gesichert ist außerdem, dass Jermolajew etwa 150 Callcenter betreibt, die sich auf Telefonbetrug spezialisiert haben. Hauptsächlich sind sie in Russland aktiv, wo es wohl niemanden mehr gibt, der in den letzten Jahren nicht mehrere solcher Anrufe bekommen hat, in denen versucht wurde, durch Tricks oder Druck oder gar Erpressung und Einschüchterung Zugangsdaten für Onlinebanking zu bekommen oder die Angerufenen dazu zu bringen, Geld irgendwohin zu überweisen.

Das könnten die Unterstützer der Ukraine und Gegner Russlands in Deutschland ja noch sympathisch finden, aber die Callcenter wildern auch in Europa, was das deutsche Publikum wohl nicht mehr so sympathisch finden dürfte. Das ist unbestritten, denn Jermolajews Sohn Artur hat in Estland einen Ring für Telefonbetrügereien namens „Cosmo“ organisiert, der aus Kiew und Dnjepropetrowsk gearbeitet hat. In erster Linie hat der Ring Menschen in Estland, Litauen, Finnland, Deutschland und der Türkei betrogen und innerhalb von drei Jahren Schäden in Höhe von über 100 Millionen Euro verursacht. Dafür verbüßte Jermolajew Junior mehr als vier Monate in einem estnischen Gefängnis, bevor zu einer Bewährungsstrafe von fünf Jahren verurteilt wurde und das Land gegen eine Zahlung von 8,5 Millionen Euro verlassen durfte.

Von all dem erfahren Spiegel-Leser jedoch nichts.

Und sie erfahren auch nicht, dass Jermolajew Verbindungen zu Selenskys Kontrahenten Saluschny hat, dem früheren Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, heutigen ukrainischem Botschafter in London und potenziellem Gegenspieler Selenskys bei möglichen Wahlen in der Ukraine. Jermolajew wird als Financier von Saluschnys möglichem Wahlkampf genannt, was wiederum Selenskys Umfeld zu einem möglichen Verdächtigen in dem Mordanschlag in Monaco macht.

Der Mord an der Täterin

Dass die Frau, die nach allem, was man weiß, den Bombenschlag in Monaco ausgeführt hat, nun erschossen in der Nähe von Kiew aufgefunden wurde, kommt hinzu. Offensichtlich sollte damit eine Zeugin ausgeschaltet werden, was darauf hindeutet, dass der Anschlag in Monaco hochbrisante Hintermänner hat. Sie wurde mit vier Schüssen in den Hinterkopf regelrecht hingerichtet.

Die Mörder wurden sofort gefunden und festgenommen, was ebenfalls merkwürdig ist, wenn man sich die Chronologie anschaut.

Am 30. Juni fand der Bombenanschlag in Monaco statt, die als Mann verkleidete Täterin ist dann zu Fuß nach Frankreich geflohen und mit einem Auto nach Frankfurt gefahren. Nach Angaben der ukrainischen Behörden traf sie am 1. Juli in der Ukraine ein. Am 3. Juli, an dem Tag, als Interpol sie zur internationalen Fahndung ausschrieb, wurde sie ermordet und am 6. Juli wurde ihre Leiche gefunden.

Obwohl zwischen dem Mord und der Entdeckung der Leiche drei Tage liegen, wurden die Mörder umgehend verhaftet. Einer ist ein „ehemaliger Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden“ und der andere ein “aktiver Mitarbeiter des Hauptnachrichtendienstes des Verteidigungsministeriums der Ukraine”, wobei letzterer den Mord bereits gestanden hat.

Die beiden seien bereits im Visier ukrainischer Ermittler gewesen, da sie angeblich „wiederholt Überweisungen auf Krypto- und Bankkonten“ der Verdächtigten getätigt haben, was den Verdacht erweckt, dass sie etwas mit dem Anschlag von Monaco zu tun haben. Natürlich behauptet der ukrainische Militärgeheimdienst, man habe nichts von den Kontakten seines Mitarbeiters zu der Frau, den Geldüberweisungen an sie und so weiter gewusst.

Ukrainische Medien berichten über die Überweisungen, der Mordanschlag in Monaco habe 150.000 Dollar gekostet, von denen die Täterin 8.000 Dollar bekommen habe und weitere 5.000 Dollar seien „Reisekosten“ gewesen.

Außerdem hat der ukrainische Geheimdienst SBU bei der Durchsuchung der Wohnung des geständigen Täters, also des Agenten des Militärgeheimdienstes, im Keller eine Folterkammer gefunden.

Die Behauptungen des Militärgeheimdienstes, er habe davon nichts gewusst und nichts damit zu tun, werden damit ziemlich unglaubwürdig, denn woher hat dessen Mitarbeiter so viel Geld und wozu hat er eine Folterkammer im Keller? Offensichtlich ist der Mann ein Agent „für besondere Aufgaben“. Und offensichtlich wusste man in der Ukraine über alles Bescheid, wie sonst konnte man die Täter unmittelbar nach dem Auffinden der seit drei Tagen toten Frau sofort festnehmen?

Was Spiegel-Leser erfahren

Von all diesen unappetitlichen Details erfahren Spiegel-Leser natürlich nichts, der Spiegel berichtet lediglich, die Täter seinen festgenommen worden, einer sei geständig und der Spiegel berichtet, dass er der Frau Geld überwiesen hat, ohne jedoch Details oder Summen zu nennen. Der Spiegel verschweigt all das ganz bewusst, denn diese Details wurden am frühen Nachmittag des 7. Juli bekannt, der Spiegel-Artikel ist jedoch erst am Abend erschienen.

Aber der Spiegel verschweigt dem deutschen Publikum alles, was ihm zeigen könnte, was die heutige Ukraine tatsächlich ist, nämlich ein korrupter Mafiastaat, der von skrupellosen Verbrechern beherrscht wird.

Stattdessen lenkt der Spiegel die Aufmerksamkeit seiner Leser auf Russland, indem er seinem Artikel die Überschrift „Angriff auf prorussischen Geschäftsmann – Hauptverdächtige floh nach Monaco-Anschlag offenbar nach Deutschland“ gibt und für den Artikel sogar zwei Autoren angibt, um ihn wichtiger wirken zu lassen. Über das Opfer des Anschlages von Monaco erfahren die Leser in dem Artikel nur folgendes:

„Der Fall wirkt verworren: Der Oligarch Wadym Jermolajew, die Zielperson des Bombenanschlags in Monaco, gilt als prorussisch und soll in lukrative Geschäfte mit russischen Unternehmen verstrickt sein. Kyjiw hat ihn auf eine Sanktionsliste gesetzt.“

Dass Jermoljaew pro-russisch sein soll, ist unwahr, klingt aber für Spiegel-Leser so, als habe es schon „den Richtigen“ getroffen. Indem der Spiegel schreibt, Jermolajew solle „in lukrative Geschäfte mit russischen Unternehmen verstrickt sein“, lässt er das ebenfalls dubios klingen, dabei ist die Sache sehr banal. Jermolajew hatte auf der Krim eine Firma, die mit Alkohol gehandelt hat. Als die Krim russisch wurde, hat er die Firma, um in der Ukraine keine Probleme wegen Kontakten zu Russland zu bekommen, an einen Strohmann übergeben.

Offiziell hat Selensky ihn dafür unter ukrainische Sanktionen gestellt, allerdings könnte der Grund auch sein, dass Jermolajew als Unterstützer von Selenskys Konkurrenten Saluschny gilt. Aber das erwähnt der Spiegel auch nicht.

So bekommen die Spiegel-Leser den falschen Eindruck, in Monaco sein ein Anschlag auf einen in dubiose Geschäfte mit Russland verwickelten Oligarchen verübt worden. Von dem, was in der Ukraine tatsächlich vor sich geht, erfahren Spiegel-Leser hingegen nichts.

Und damit politisch interessierte Spiegel-Leser den Artikel möglichst nicht sehen, hat der Spiegel ihn vorsichtshalber im Ressort „Panorama“ veröffentlicht, in dem über Klatsch und Tratsch und über Stars und Sternchen berichtet wird, und nicht im Ressort „Politik“.