Seit einigen Monaten berichte ich verstärkt über die Lage im Kaukasus, denn es war absehbar, dass es dort geopolitische Erschütterungen geben würde. Und tatsächlich passieren die Dinge dort nun Schlag auf Schlag. Am Montag haben aserbaidschanische Medien unter Berufung auf das Umfeld des Präsidenten gemeldet, Aserbaidschan könnte sein Waffenembargo gegen die Ukraine aufheben und Kiew mit Waffen für seinen Kampf gegen Russland beliefern.

Bevor wir zu den Details kommen, erkläre ich wie immer zunächst die Hintergründe.

Die Vorgeschichte

Der inzwischen sehr offene Streit zwischen Aserbaidschan und Russland ist deshalb bemerkenswert, weil beide Länder bis vor ihre kurzem (angeblich?) guten Beziehungen zelebriert haben, die seit dem Zerfall der Sowjetunion vorherrschten. Das ist nun vorbei und die Medien in beiden Ländern äußern sich immer unfreundlicher über das jeweils andere Land.

Hinter den Kulissen ist es ganz offenbar schon seit einiger Zeit zu Streit gekommen, aber bis Ende 2024 wurde er nicht offen ausgetragen.

Am 25. Dezember 2024 hat die russische Flugabwehr ein aserbaidschanisches Passagierflugzeug beim Anflug auf den Flughafen der tschetschenischen Stadt Grosny beschädigt, als sie einen massiven ukrainischen Drohnenangriff abgewehrt hat. Das Flugzeug ist etwas später bei dem Versuch, in Aserbaidschan notzulanden, abgestürzt. 29 der 62 Menschen an Bord überlebten den Absturz.

Niemand, auch in Aserbaidschan nicht, hat Russland vorgeworfen, das Flugzeug gezielt beschossen zu haben. Und eigentlich hätte man erwarten müssen, dass Aserbaidschan eher dem ukrainischen Drohnenangriff, der die Flugsicherheit gestört hat, als der russischen Luftabwehr die Schuld an dem Unglück geben würde. Aber aus Aserbaidschan kamen ungewohnt harsche Töne inklusive der Forderung nach einer Entschuldigung aus Russland und finanzieller Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen.

Die russische Regierung wollte offensichtlich deeskalieren und Präsident Putin hat sich öffentlich für die Tragödie entschuldigt und die geforderte Entschädigung versprochen.

Aber das half nichts. Als als im russischen Jekaterinburg vor einigen Wochen eine organisierte kriminelle Gruppe verhaftet wurde, deren Mitglieder aserbaidschanische Wurzeln haben, eskalierte der Streit. Die aserbaidschanische Polizei hat daraufhin das Büro der russischen Nachrichtenagentur Sputnik in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku gestürmt und die russischen Journalisten zusammengeschlagen und verhaftet. Auch russische Touristen wurden in Baku willkürlich auf offener Straße festgenommen und die aserbaidschanischen Medien begannen eine anti-russische Kampagne.

Es ist offensichtlich, dass der Grund für diese Eskalation kaum der versehentliche Beschuss des Flugzeugs oder die Verhaftung einiger aserbaidschanischer Drogenhändler in Jekaterinburg ist, sondern dass es hinter den Kulissen um einen weitaus tiefgreifenderen Streit gehen muss.

Ich habe vor einigen Tagen berichtet, dass Russland letzte Woche bei Odessa eine Gasverdichterstation bombardiert hat, die neuerdings aserbaidschanisches Gas durch ehemals russische Pipelinesysteme in die Ukraine pumpt.

Am Freitag, dem 8. August, haben Aserbaidschan und Armenien auf Vermittlung der USA eine Vereinbarung geschlossen, die die Jahrzehnte lange Feindschaft der beiden Länder beenden soll. Allerdings richtet sich dieses Abkommen offen gegen Russland, China und den Iran, wie ich am Wochenende in diesem Artikel aufgezeigt habe. Mit dem Abkommen soll Russland aus dem Kaukasus verdrängt werden und die USA übernehmen die Kontrolle über eine wichtige Transitverbindung, die auch gegen den Iran gerichtet ist. Außerdem ist der Deal auch recht offen gegen das chinesische Projekt der neuen Seidenstraße gerichtet.

Am Montag kamen aus Aserbaidschan die Drohungen an Moskau, dass das Land, der Ukraine künftig Waffen für ihren Kampf gegen Russland liefern könnte. Das wurde als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Gasverdichterstation bei Odessa bezeichnet.

Ich übersetze hier zunächst einen russischen Artikel über die Erklärung aus Aserbaidschan, danach versuche ich mich an einer Erklärung für die Verschärfung des Konflikts zwischen Aserbaidschan und Russland.

Beginn der Übersetzung:

Baku spielt mit dem Feuer: Alijew droht mit Waffenlieferungen an die Ukraine

Podoljaka: Alijew beliefert Kiew schon lange mit Waffen, will das nun aber offen tun.

Baku erwägt, das bestehende Verbot von Waffenexporten an das Kiewer Regime aufzuheben. Das könnte eine Reaktion auf die anhaltenden russischen Luftangriffe auf ukrainische Energieanlagen sein, wie aserbaidschanische Medien berichten. Quellen aus dem Umfeld von Präsident Ilham Alijew zufolge, die von der Nachrichtenagentur Haqqin zitiert wurden, ist diese Maßnahme wahrscheinlich, wenn die Angriffe die Infrastruktur des Öl- und Gasriesen SOCAR betreffen.

Den Anstoß für einen möglichen Kurswechsel gab der Angriff russischer Drohnen auf Gasanlagen in der Region Odessa am 8. August. Medienberichten zufolge wurde der Angriff von fünf Geranie-Kamikaze-Drohnen durchgeführt, die einen Brand verursacht und einen Abschnitt der Pipeline schwer beschädigt haben. Über diese Pipeline wurde aserbaidschanisches Gas an das Kiewer Regime geliefert.

Regierungsnahe aserbaidschanische Medien haben Bakus Position übermittelt: Sollte Russland weiterhin gegen Aserbaidschans Interessen handeln, könnte die Regierung die Entscheidung über das Verbot von Waffenlieferungen an die Ukraine überdenken und mit dem offiziellen Verkauf von sich in Lagern befindenden Waffen beginnen.

Russische Kriegsberichterstatter behaupten, aserbaidschanische Waffen würden der Ukraine heimlich seit langem geliefert, und die aktuelle Rhetorik könnte auf die Bereitschaft hindeuten, die Lieferungen offen zu übergeben.

„Angesichts der Tatsache, dass Baku laut mehreren Quellen bereits mit der Produktion von 122-mm- und 155-mm-Artilleriegeschossen für deren spätere Lieferung in die Ukraine beginnt, ist die Entscheidung ohnehin gefallen“, schreibt Kriegsberichterstatter Jurij Kotenok.

Der Militärblogger Jurij Podoljaka erinnerte daran, dass russische Geranie-Kampfdrohnen und Kalibr-Marschflugkörper das SOCAR-Terminal in der Region Odessa bis vor Kurzem nicht angegriffen hätten. Die Situation hat sich jedoch geändert und nun steht dieses Objekt auf der Liste der legitimen Ziele, was seiner Meinung nach schon lange den Normen der Kriegsführung entsprochen hätte. Das sei laut dem Blogger unsere Antwort auf Aserbaidschans offen feindseliges Vorgehen.

“Als Reaktion darauf äußerte Ilham Alijew gestern eine Drohung an Russland, die ich persönlich sehr amüsant finde: ‚Wenn Russland seine aggressive Politik gegenüber den Interessen Aserbaidschans fortsetzt, wird das offizielle Baku eine Aufhebung des Embargos für Waffenlieferungen aus seinen Arsenalen an die Ukraine in Erwägung ziehen.‘ Nein, die aserbaidschanische Bevölkerung wird das natürlich beeindrucken. Für macht es jedoch keinen Unterschied, wie das offizielle Baku die Ukraine mit Munition beliefert: direkt oder über Zwischenhändler (wie es das SEIT 2023 tut)“, erinnert Podoljaka.

Podoljaka zufolge sei ein bewaffneter Konflikt zwischen Russland und Aserbaidschan angesichts der jüngsten Veränderungen der geopolitischen Lage im Südkaukasus, und auch aufgrund der veränderten Position Bakus, nicht mehr nur hypothetisch, sondern zu einem durchaus möglichen Szenario geworden. In diesem Zusammenhang ist er der Ansicht, dass der Verbrauch aserbaidschanischer Waffen an der ukrainischen Front, wo ukrainischen Daten zufolge ein erheblicher Teil zerstört wird, bevor sie die Kampflinie erreichen, für Moskau besser sei, als eine Konfrontation mit derselben Munition in einem möglichen Krieg in der Region.

In jedem Fall, betonte der Blogger, werde das zu einer Verringerung der Kampffähigkeit der aserbaidschanischen Armee führen.

“Wie schon früher behaupte ich, dass das offizielle Baku keine ernsthaften Antworten mehr auf unsere Handlungen (die Reaktionen auf seine aggressiven Aktionen sind) hat. Es hilft unseren Feinden (und das schon seit langem) bereits auf jede erdenkliche Weise (und unsere Geduld in dieser Angelegenheit macht mich fassungslos). Und wir müssen damit weiter machen, seine diesbezüglichen Fähigkeit weiter schwächen. Und vor allem müssen wir seine Agenten in Russland weiter bekämpfen, die (das ist mittlerweile offensichtlich) zum Nachteil unseres Landes und zum Vorteil der NATO-Staaten arbeiten. Es ist gut, dass wir in dieser Frage nun einen vollständigen Konsens haben und dass dieser Kampf bereits begonnen hat“, resümiert der Blogger.

Ende der Übersetzung

Die möglichen Gründe

Aserbaidschan ist reich an Öl und Gas und Aserbaidschan will sein Öl und Gas nach Europa exportieren. Diese Konkurrenz zwischen Russland und Aserbaidschan ist Jahrzehnte alt und während Ex-Bundeskanzler Schröder sich in den 2000er Jahren für die Nord Streams und damit für russisches Gas eingesetzt hat, wurde dessen früherer Außenminister Joschka Fischer politischer Berater für den geplanten Bau der 3.300 Kilometer langen Nabucco-Pipeline, die Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei in die EU transportieren sollte. Fischer war damit Lobbykonkurrent zum früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder, allerdings wurde das Projekt der Nabucco-Pipeline nicht umgesetzt.

Da Aserbaidschan sehr gute Beziehungen zur Türkei hat und die Türkei unter Erdogan in den letzten Jahren quasi zur Schutzmacht von Aserbaidschan wurde, gibt es natürlich Gaslieferungen aus Aserbaidschan in die Türkei, die nach Europa weitergeleitet werden können. Das passiert auch und ein Teil dieses Gases landet seit kurzem in der Ukraine, indem der Gasfluss der Pipelines, die früher russisches Gas durch die Ukraine nach Europa gepumpt haben, umgedreht wurde. Nun pumpen die Pipelines Gas aus Europa in die Ukraine.

Aserbaidschan hat nicht genug Gas, um die russischen Lieferungen nach Europa zu ersetzen, aber es konnte Russland Konkurrenz machen. Und da die EU nun händeringend nach Gas sucht, ist Aserbaidschan in den Fokus gelangt.

In den letzten Jahren haben europäische Medien und Politiker Aserbaidschan immer als Diktatur beschimpft, man erinnere sich nur an die sogenannte „Aserbaidschan-Affäre“, in deren Zuge deutsche Politiker sogar wegen Korruption verurteilt wurden, weil sie Lobbyarbeit für Aserbaidschan gemacht haben. Das zeigt, wie wenig man von Aserbaidschan hielt, denn deutsche Politiker werden nicht für bezahlte Lobbyarbeit bestraft, wenn sie „befreundeten“ Staaten wie beispielsweise den USA zugute kommt.

Nun scheint sich der Wind zu drehen, seitdem Aserbaidschan sich immer offener gegen Russland wendet, mit dem es zuvor – trotz des Konkurrenzkampfes beim Gas – offiziell gute Beziehungen hatte. Aserbaidschan fühlt sich natürlich auch deshalb sicher, weil es von der Türkei unterstützt wird. Der aserbaidschanische Präsident scheint sich insgesamt für einen anti-russischen Kurs entschieden zu haben und scheint nun auf den Westen als Freund zu setzen.

Wie in dem übersetzten russischen Artikel erwähnt, gilt es als sicher, dass Aserbaidschan der Ukraine schon länger heimlich über Zwischenhändler Waffen liefert, und dass es diese Lieferungen demnächst auch offiziell aufnehmen und so massiv erhöhen könnte, kommt daher nicht völlig überraschend.

Da solche Entscheidungen und politischen Kurswechsel nicht über Nacht erfolgen, kann man davon ausgehen, dass der Streit zwischen Aserbaidschan und Russland hinter den Kulissen schon länger läuft. Und wer weiß, wie sehr Aserbaidschan die Ukraine tatsächlich heimlich unterstützt?

Da seit Monaten absehbar war, dass der Kampf um Einfluss um den Kaukasus an Dynamik zunehmen würde, habe ich immer wieder über die Region berichtet. Und ich werde das auch weiterhin tun, denn man kann davon ausgehen, dass die Lage weiter eskaliert.

Was der aserbaidschanische Präsident Alijew nicht zu verstehen scheint, ist, dass der Westen ihm im Falle einer militärischen Eskalation mit Russland genauso wenig militärisch helfen wird, wie er der Ukraine militärisch geholfen hat. Aber der Westen würde sich über eine weitere Front gegen Russland freuen und dürfte Alijew daher hinter den Kulissen nach Kräften anfeuern.

Bleibt zu hoffen, dass Alijew nicht den Fehler wiederholt, den 2008 schon der georgische Präsident Saakaschwili und 2022 die Regierung in Kiew gemacht haben, als sie sich darauf verlassen haben, dass der Westen seine hinter verschlossenen Türen gemachten Versprechen, den Ländern im Kampf gegen Russland beizustehen, auch halten würde.